Ein Sonntag im Haff ström
Das Wochenende nahte, und obwohl
ich gerne zur Schule ging, freute
ich mich darauf. Ich durfte abends
etwas länger aufbleiben, und nach dem
Baden am Sonnabend in der großen
Zinkwanne in der Küche , gab es
Käsebrötchen und heißen Kakao.
Mutti hatte mich in eine große Decke
gewickelt und in meinen kleinen Korbsessel
gesetzt. Jetzt machte sie es sich
auf dem Sofa bequem. Papa war noch
draußen, es mußten Hühner und Kaninchen
gefüttert werden. Es war noch
lange hell in diesen Vorsommertagen.
Mutti erzählte mir aus ihrer Kinderzeit
und von Omchen, aber dann hieß es
doch: Ab ins Bett. Papa kam mir gute
Nacht zu wünschen und sagte: Träume
süß von sauren Gurken! Das Brachte
mich zum Lachen und schnell kuschelte
ich mich unter die Decke.
Aber an diesem Sonntag konnte ich
nicht länger schlafen, Mutti weckte
mich früh. Das Frühstück war fertig
und Papa schon angezogen. Heute gingen
wir nach Haffstrom. Dort waren
wir zu einer Taufe eingeladen. Mutti
trug ein hübsches, weißes Kleid mit
weitem Rock, mir wurde eine besonders
hübsche Schleife ins Haar gebunden,
schön fest,'damit sie ja nicht verrutschte.
Auch durfte ich mein rotes
Handtäschchen aus geflochtenem Bast
nehmen, das gut zu den Sandalen
paßte. Ein frisches Taschentuch mit
breiter Häkelspitze kam hinein, zum
Benutzen viel zu schade, und schnell
noch nahm ich aus dem Puppenschrank
einen winzigen Spiegel und
einen kleinen Kamm.
Dann machten wir uns auf den
Weg. Es ging quer durch das Dorf, wo
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am Ende auf der linken Seite ein
schmaler Weg abbog. Wir überquerten
die Gleise der Bahnlinie Königsberg-Berlin
und waren bald auf dem breiten
Trampelweg nach Haffstom. In unserem
Dorf Godrienen gab es keine Kirche
und keinen Pfarrer.
Es war ein wunderschöner Morgen.
Rechts und links des Weges stand das
Korn schon hoch. Schwer trugen die
langen, biegsamen Halme an den Ähren.
Leichter Wind strich über die
leuchtend goldenen Kornfelder, die
sich wie Wellen auf dem Meer bewegten.
Am Rande wuchsen Kornrade
und herrlich rote Mohnblumen. „Auf
dem Rückweg nach Hause“, sagte
meine Mutti, „kannst Du einen Strauß
Blumen pflücken“. Das noch taufrische
Gras verströmte einen unvergleichbaren
Duft von Sauberkeit und
Frische, das Sonnenlicht ließ seine
Halme in vielen Farben glitzern. In der
Nähe mußte ein Bauer gemäht haben,
der Geruch des geschnittenen Grases
drang bis zu uns herüber. Ich tanzte
und sprang herum und unsere Schritte
scheuchten ein paar Mal Lerchen auf,
die steil in die Luft aufstiegen und
dabei ihr Lied zwitscherten. Mutti
hatte auch gleich ein Gedicht parat,
von der Lerche, die jauchzend in die
Lüfte steigt. Wir ließen die Kornfelder
hinter uns und weites, flaches und sandiges
Land tat sich vor uns auf. Jetzt
konnte man das Haff schon ahnen.
Das Taufzerimoniell war bald vorüber,
der kleine Täufling hat still und
lächelnd die Prozedur über sich ergehen
lassen. Im Garten des Taufhauses
war eine lange Tafel gezogen mit vielen
köstlichen Leckerbissen, die wir uns
schmecken ließen. Wir Kinder durften
dann im Garten herumtoben und jetzt
durfte auch die hübsche Haarschleife
verrutschen. Die Erwachsenen unterhielten
sich bei Kaffee, Schnaps und
Likör und der eine oder andere Gast
steckte sich auch eine Zigarre an.
Später gingen wir gemeinsam hinunter
zum Haff. Die Sonne stand
schon tief, die Luft war voller Möwengeschrei
und der Wind wehte feuchte,
salzige Seeluft auf unsere nackten Arme
und Beine, als wollte sie mit nach
Hause getragen werden.
Der Heimweg wurde angetreten,
ich ging nun zwischen Mutti und Papa,
denn der Tag war doch anstrengend
gewesen. Die Blumen konnten am
Rande des Kornfeldes weiterblühen,
wir kommen bald einmal wieder, dachte
ich, dann pflücke ich bestimmt einen
schönen Strauß.
Marlies Stern geb. Klein (Godrienen)
Via 27 Marzo,
65 1-19122 La Spezia 57