Reise auf die Kurische Nehrung
nach Nidden
Vergessenes Nidden
Hat jemand schon mal etwas über die Kurische Nehrung gehört? Oder
über Nidden? Ich auch nicht. Das Frische Haff und die Frische Nehrung
waren mir schon eher ein Begriff. Die Oma hatte mal davon erzählt, damals
in Ostpreußen, als sie über das gefrorene Haff vor dem Russen
flüchten mußte. Ihre Geschichten haben mich neugierig gemacht. Daher
bin ich auch 1999 mit vielen älteren Verwandten und Bekannten auf Spurensuche
nach Ostpreußen mitgefahren. Mein Bruder und ich hatten ungefähr
zusammen das Alter von dem jüngsten unserer Mitreisenden.
Bei dieser Reise erging es uns ebenso. Neben Oma, Großtanten, Großonkel,
Tante, Mutter usw. waren wir das junge Gemüse. Ich war also
gespannt.
Als ich vor der Reise Freunden erzählte, daß ich nach Litauen fahre, sah
mich jeder komisch an und fragte mich, was ich um alles in der Welt dort
machen würde. Ich hatte keine Vorstellung, was mich dort erwartete.
Umso mehr war ich überrascht, als wir auf der Kurischen Nehrung ankamen:
Die Straße führte durch Kiefernwälder und Robinienhaine, durchsetzt
mit Birken, Gräsern und Moosen. Diese Landschaft hatte von jeder
Ecke in Deutschland etwas dabei: Manchmal sah es aus wie in der Heide,
dann wie die Dünen von Sylt oder die Moorlandschaft in Niedersachsen.
In den lichten Wäldern sollte es noch Elche geben. Daher wandelten wir
alle - Onkel Alo immer voran - auf Dünen (84 m hoch), durch Wiesen,
schlugen uns durch Gebüsche und wateten an Stränden entlang. Und in
den Buchten und an den Ufern sollte es viel Bernstein geben. Den haben
wir dann auch in Museen und an tausenden Verkaufsständen gesehen. Die
Elche aber leider nicht.
Eindrücke von Litauen bekam ich durch Ausflüge nach Kleipeda/Memel,
Polangen, zur Vogelwarte und Heydekrug.
Am Beeindruckendsten waren die Tagestour nach Königsberg und der
Hexenwald in Schwarzort.
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Auf dem Weg nach Königsberg - heute Kaliningrad - passierten wir die
litauisch-russische Grenze. Eine Lockerung der strengen Grenzüberwachung
ist in den letzten Jahren doch bemerkbar geworden: Statt drei Stunden
brauchten wir nur eine halbe Stunde zu warten. In Königsberg besichtigten
wir zuerst den Dom. Bis vor einigen Jahrzehnten war er noch fast
völlig zerstört wie 95 % von Königsberg. Dank von vielen Spenden ist die
Kirche mittlerweile nahezu vollständig restauriert. Die Obergeschosse
dienen als Museum: Alte Drucke, Zeichnungen und Fotos von Königsberg
vor der Zerbombung lassen nur erahnen wie schön und prachtvoll
diese Stadt einmal war. Umso deprimierender war die anschließende
Rundfahrt. Die alten Gebäude sehen wegen mangelnder Pflege und Geld
meist sehr heruntergekommen aus. Bei diesem Anblick glaubt man sogar
den Ausspruch der Reiseleiterin: Die Russen besitzen eher ein Auto als
eine Wohnung.
Lebendig wurde Königsberg als die Großtante erzählt, wo sie hier vor
dem Krieg als Krankenschwester gearbeitet hat, wo sie mit meiner Oma
ins Kino gegangen sind, wo sie mit der Straßenbahn gefahren sind. Für
uns Übrigen war es kaum vorstellbar.
Litauen ist im Gegensatz zu Rußland längst nicht so heruntergewirtschaftet.
Auf der Nehrung konnte man Einheimische und ausländische Touristen
nur an einem Merkmal unterscheiden: Die Litauer vor allem die Litauerinnen,
waren besser und moderner gekleidet. Allerdings nur die
Stadtbevölkerung, z. B. in Kleipeda/Memel. Auf dem Land fühlte man
sich teilweise um mehr als 50 Jahre zurückversetzt, weil das Heu noch
immer mit Pferdefuhrwerken transportiert wurde.
Ein anderer wunderschöner, gruseliger Ausflug war der Spaziergang
durch den Hexenwald in Schwarzort. Hier haben litauische Bildhauer aus
Holzstämmen Figuren gezaubert, die - jede ihre eigene - Geschichten erzählte.
Da waren Hexen, Trolle, Teufel und Gnome, aber auch eine Frau,
die wehmütig Ausschau nach ihrem Mann hält, der im Sturm mit seinem
Boot auf dem Haff ist.
Über diese Situation und das Leben der deutschen Fischer auf der Kurischen
Nehrung erfuhren wir mehr im Schiffahrtsmuseum. Hier hingen Fotos
von den nur in Nidden gebauten Booten, den Kuhrenkähnen, von 137