Full text : Unser Schönes Samland

Die erste Möglichkeit, seinen
Bruder wiederzusehen ergab sich
1977, als Heinz eine Studienreise nach
Moskau und die Baltischen Staaten
unternahm, einschließlich eines
Aufenthaltes von zwei Tagen in Wilna.
Auf dem Flughafen in Wilna trafen
die Brüder sich wieder. Sie mußten
sich auf russisch unterhalten. Zwei
Merkmale gaben Heinz die Gewißheit,
wirklich seinen Bruder vor sich zu
haben. Erstens ein Wirbel am Haaransatz
 der Stirn und zweitens ein
krummer Finger, der beim Schlachten
in den Fleischwolf geraten war. Heinz
hatte schon vorher versucht seinem
Bruder die Ausreise nach Deutschland
zu ermöglichen, das scheiterte jedoch
am urkundlichen Nachweis des
Deutschtums (Geburtsurkunde).
1979 besuchte Helmut seinen
Bruder Heinz in Wuppertal. Er hätte
es wohl geschafft in Deutschland zu
bleiben, wollte aber seine Familie
(Frau und zwei Kinder) nicht verlassen.


1987 verstarb Helmut 48jährig.
Beruflich war er Direktor einer Bank.
Er muß bei den Litauern sehr beliebt
gewesen sein, denn zu seiner Beerdigung
 erschien eine große Trauergemeinde.

In all den Jahrzehnten hat Heinz
Krakau versucht, die Geburtsurkunde
für seinen Bruder Helmut zu beschaffen.
 Das geschah auch weiter nach dem
Tod von Helmut.
Vor etwa einem Jahr startete er eine
diesbezügliche Anfrage an das Standesamt
 1, Urkundenstelle, Rückerstraße
 9, 10119 Berlin.
Wider Erwarten erhielt er kürzlich
eine Kopie von Helmuts Geburtsurkunde
 aus dem Jahre 1939, ausgestellt
 beim Standesamt I in Königsberg.
Kaum zu glauben!

Hadwiga Meyer,
geb. Mückenberger,
Stader Straße 5,
21737 Wischhafen

Erinnerungen eines russischen Reiseleiters

-ZweiterTeil -
(Der 1. Teil erschien in Folge 146
dieses Heimatbriefes, Seite 64-67)

Mehrere alte Samländer haben
mich auf die Veröffentlichung des ersten
 Teils meiner Erinnerungen angesprochen
 und es haben sich daraus interessante
 Begegnungen ergeben.
Frau Eva Pultke-Sradnick ließ mir
vom Verlag ein Exemplar ihres Buches

„Ein Stück Bernstein in meiner Hand“
zugehen. Dafür möchte ich hier meinen
 herzlichen Dank aussprechen.
All dies hat mich ermutigt, einige
weitere Erinnerungen zu veröffentlichen.

Ich gehe zunächst noch einmal
zurück in die Anfänge meiner Reiseleitertätigkeit.

Ohne Zweifel besteht in Rußland
eine sonderbare Tradition, den natür-64



liehen Gang der Dinge künstlich zu erschweren.
 Die ersten deutschen Touristen
 hatten 1991 eine besonders
„günstige“ Gelegenheit, diese Tatsache
kennenzulernen.
Besonders hart traf sie die
Verordnung der damals noch sowjetischen
 Behörden, deutschen Reisebussen
 nur einen einzigen, ungünstig
gelegenen Grenzübergang zu öffnen,
nämlich den im weißrussischen Brest.
Das bedeutete für die Touristen einen
Umweg von insgesamt etwa tausend
Kilometern.
Auch wir Reiseleiter hatten darunter
 zu leiden. Jeden Samstag begleiteten
 wir eine Reisegruppe auf dem etwa
500 km langen Rückweg von
Königsberg nach Brest, holten dort
eine neue Reisegruppe ab und fuhren
mit dieser den gleichen Weg zurück.
Kurz vor Brest mußten die Touristen
umsteigen: ein komfortabler Bus
brachte die neue Gruppe aus Deutschland
 und fuhr mit der alten wieder
zurück.
Auf der russischen Seite wurden
die Gäste mit den landesüblichen, von
mir schon früher beschriebenen
„Wunderkarossen“ herumkutschiert.
Zwei Fahrer, die sich gegenseitig ablösten,
 fuhren den Bus zwischen Königsberg
 und Brest.
Spät in der Nacht begann diese
sinnlose Fahrt in Kaliningrad. Zum
Abschied grinste uns das gespenstische
 Rätehaus höhnisch an. Bald
schlief alles im Bus. Als erste
Zwischenstation zum Austreten und
Recken der Glieder war der Bahnhof
in Insterburg vorgesehen. Da gab es die

erste unangenehme Überraschung: die
Bahnhofstoiletten in Insterburg bedeuteten
 für die Touristen ein psychisches
 Trauma und es mußte alsbald
eine neue Lösung gefunden werden.
Inzwischen hat sich die Situation der
Sanitäranlagen im Kaliningrader Gebiet
 glücklicherweise gebessert.
Aufregende Zwischenfälle ereigneten
 sich auf diesen Fahrten. Eines
Nachts auf der schmalen, von Bäumen
umsäumten Reichsstraße 1 konnte
unser Bus gerade noch einem Panzer
ausweichen, der sich in der Dunkelheit
ohne Beleuchtung gemütlich mitten
auf der Straße breitmachte. Der Bus
schien einige Bäume zu streifen. Die
Schlafenden wurden vom plötzlichen
Ruck unsanft geweckt, kamen aber
Gott sei Dank mit dem Schrecken
davon.
Den Morgenanbruch erlebten wir
immer schon in Litauen. Trotz der
Strapazen der vergangenen Nacht löste
dort die schöne wald- und wasserreiche
 Hügellandschaft allgemeine Begeisterung
 aus.
Bei der ersten dieser Fahrten hatte
man ein großes Problem außer acht gelassen.
 Während der langen Reise wurden
 die Businsassen durstig. Niemand
hatte daran gedacht, daß es damals in
Rußland um die Produktion von
Getränken und die Möglichkeiten sich
an der Fahrtroute damit zu versorgen
schlecht bestellt war. Nirgends gab es
etwas zu trinken (außer natürlich
Wodka).
Ich glaube, es war schon irgendwo
am Ortsrand von Lida, wo wir fast
ohne Hoffnung auf Erfolg noch einen 65