Full text : Unser Schönes Samland

— Palmnicker Qeschichten: Der Hausenberg

^^V^as für die Österreicher die Zugjl%mpitze
 und für die Schweizer

Matterhom, das war für uns
Palmnicker der Große Hausen oder der
Hausenberg, wie wir sagten. Mit seinen
fast 90 Metern war er die höchste Erhebung
 in unserer Nähe. Im Herbst fuhren
wir mit Rädern zum Pilskes suchen dort
hin und fast jeden Frühling, wenn die
Maiglöckchen blühten, war er auch Ziel
unserer Wanderung mit der Schule. Im
Sommer zogen wir Kinder vom Kindergottesdienst
 mit der Gemeinde dann
noch einmal zu diesem sagenumwobenen
Berg. Vor dem großen Krieg war das
ein großes Unternehmen. Die kleinen
Kinder und die alten Leute wurden auf
einen großen Leiterwagen mit einem
Pferdegespann davor gesetzt und dort hin
gefahren. Es waren doch etliche Kilometer
 zu laufen. Dahinter fuhr ein Kutschwagen,
 der Bleche mit Kuchen und allerlei
 Zeug, dort hin transportierte. Einmal
 kippte dieser Wagen um und alles
landete im Graben.

Nach der Andacht auf dem großen Platz
konnten wir Kinder Wettspiele machen
und es gab dann kleine Belohnungen.
Und noch einen Verein zog es zum Hausen.
 Der Turnverein wanderte Himmelfahrt
 mit seiner Vereinsfahne nach Tradition
 von Turnvater Jahn auf diese Anhöhe.
 In Sorgenau gab es eine Jugendherberge,
 die dem C.V.J.M. in Königsberg
 gehörte. Im Sommer, wenn sie voll
belegt war, machte die Gruppe eine
Nachtwanderung zum Hausen. Oben auf
dem Platz wurde dann gesungen, wenn
dann auch noch der Mond schien, war
alles besonders romantisch und geheimnisvoll.
 Gesungen wurde damals überhaupt
 viel und gerne.

Hinaus in die Ferne mit Butterbrot und
Speck, das ess' ich so gerne, das nimmt
mir keiner weg. - Und wer das tut, dem
hau ich auf den Hut, dem hau ich auf
die Nase, dass sie blut ’.

So sangen wir damals, oder was unsere
Lehrer nicht gerne hörten: „ Wem Gott
will rechte Gunst erweisen, den schickt
er aufs Kartoffelfeld..."

Niemals hätte ich es mir träumen lassen,
 dass ich noch einmal auf dem großen
 Hausen stehen würde, obwohl meine
 Gedanken öfter dorthin wanderten.
Er war für uns damals ein besonderer,
wenn nicht gar ein mystischer Ort. Im
letzten Sommer ging mein Traum nun
in Erfüllung.
Wir waren mit Schenja oder besser
Jewgeni, wie sein richtiger Name lautet,
dem allseits bekannten Palmnicker Russen,
 auf dem Weg von Heiligen-Kreutz
kommend, nach Germau unterwegs, als
ich so ein bisschen nebenbei zu ihm sagte,
 es sei ja wohl nicht möglich, auf den
Hausenberg zu kommen? „Natürlich“
sagte er in seinem ausgezeichneten
Deutsch: „ Soll ich euch dorthin fahren?“
Wir drei Palmnicker - nein, ein Sorgenauer
 war dabei - waren hell begeistert.
 Also bog Schenja von der Straße ab,
in einen Feldweg Richtung Hausenberg
ein und parkte das Auto auf der Wiese.
In der Nähe befindet sich ein russischer
Friedhof. Ein Stückchen mussten wir
noch laufen, durch ein leicht hügeliges
Gelände und dann ging es empor durch
den Wald zum großen Platz auf den
höchsten Punkt. Eine feierliche Stille
herrschte hier, als wären wir von der
übrigen Welt abgeschnitten. Vielleicht
war Perkunos hier am Ort und wartete

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auf uns Palmnicker? Das Gelände gehörte
vielleicht zum heiligen Feld, das hier in
der Gegend einmal irgendwo gewesen
sein soll oder befand sich hier etwa
einmal der heilige Hain Romowe? Der
Platz ist im Laufe der Jahre mit Bäumen
bewachsen, aber er ist leicht zu finden.
Die Verteidigungswälle kann man genau
so gut erkennen wie früher. An verschiedenen
 Stellen ist hier gegraben worden,
wonach haben die Russen gesucht? Nach
Bernstein oder nach dem Goldschatz, der
einer Sage nach hier vergraben sein
soll?

Früher auf unseren Wanderungen führte
uns der Weg an Dorbnicken vorbei (das
heute vom Baggerfeld geschluckt worden
 ist und nicht mehr existiert) und wir
kamen zuerst zum Spukberg, wo der
Reiter ohne Kopf umging. Es war uns
hier immer ein bisschen gruselig, aber
wir hofften doch ihn einmal zu sehen.
Er tat uns leider nicht den Gefallen! Hier
in der Nähe war früher ein Torfbruch,
wie meine Mutter erzählte. Früher hätte
ihre Familie hier Torf gestochen und mit
einem Handwagen nach Hause gefahren.
Wie mühselig war das Leben doch
damals. Wir wollen lieber nicht auf das
teure Heizöl schimpfen. Heute brennt
noch jedes Jahr im Sommer in der Nähe
vom Hausen ein Torfbruch. Es gibt aber
wohl mehrere von diesen Stellen auf dem
Gelände um den Hausen herum. Man
sieht den Rauch aufsteigen, wenn man
Richtung Bardau fährt. Demnach muss
vor vielen, vielen Jahren hier einmal
Moor gewesen sein und der Hausen war
dadurch ein schwer zugänglicher, geschützter
 Ort.
Wenn wir dann weiterwanderten, blieb
das Waldhaus oder wir sagten auch

„Schloss Munterbach“ neben uns liegen.
Es lag idyllisch im Wald. Ein bisschen
verwunschen, wie wir meinten. Zwei
Familien wohnten in dem Haus, das zur
Palmnicker Gemeinde gehörte. Die Kinder
 mussten den weiten Weg nach Palmnicken
 zur Schule gehen, bei Wind und
Wetter, nur wenn alles verstiemt war,
dann konnten sie zu Hause bleiben.

Zur Jugendzeit meines Onkels Adolf
Zimmer wohnten seine Verwandten hier.
Die hatten, sag’ und schreibe, 20 gesunde
 Kinder! Frau von der Leyhen hätte
ihre helle Freude dran. Und das viele
Kindergeld - gab es leider noch nicht.
Vielleicht hieß es auch Schloss Munterbach
 wegen der vielen Kinder, die dort
munter rumhopsten? Mein Onkel sagte
„Et wär wie jedem Dach Hochtied!“ Er
meinte damit, so viele Personen huckten
immer öm dem Desch. „De Huusfru
kookt Pellkartoffel un schütf se äwer
dem Desch, on jeder must sek siene Kartoffel
 silwst pelle. Weil se nich so veel
Tied had.“
Als mein Onkel und seine Freundin,
mit der er dort auf Besuch war, nach
Hause gingen, sagte einer von den kleinen
 Gnosen zu ihm: „Onkel, kick mal,
dieser Ganter es onser Wiehnachtsbrode.“
Da sagte sein großer Bruder, so’n dreibastger
 Bowke: „Nee, nee, dat es keen
Ganter, dat es e Storch, der hätt seck bi
ons de Beene affjerennt.“
Auf der Germauer Seite standen auch
zwei Häuser an einem Teich und Bach
gelegen, ein Bild wie aus einem Märchenbuch.


In alten Zeiten soll es einen unterirdischen
 Gang gegeben haben, der von der
Germauer Kirche hierher führte. Meine ■i