— Dauksche Hermann
Im
November 1947, als der Hunger
noch sehr groß war, hatte sich im
Flüchtlingslager Kloster Bardel ein guter
Bekannter meines Vater angemeldet.
Er stammte auch wie Vater aus Pregelswalde
in der Nähe von Königsberg.
Mutter machte es arge Sorgen, noch einen
Esser mehr zu haben, bei den knappen
Rationen auf Lebensmittelkarten.
Vater hatte uns schon informiert, wer
Dauksch’e Hermann war. Er sei ein richtiges
Original, sehr guter Naturbeobachter
und erfahrener Wilderer.
Wegen seiner Wilderer-Leidenschaft war
er schon mehrere Male im Gefängnis
gewesen. Jedes Mal wenn er die Strafe
abgesessen hatte, holte er aus seinem Versteck
hinter den Dachsparren wieder seine
Jagdbüchse hervor und es begann alles
von neuem.
Mutters Sorge wegen des „Mehr-Essers“
war absolut unbegründet, denn Hermann
brachte ein zerlegtes Wildkaninchen
mit und das Mittagessen fiel
gut und reichlich aus. Für uns Kinder
wirkte Onkel Hermann, mit seinen wenigen
grauen Haaren, seiner hohen Stirn
und den tiefen Runen im Gesicht schon
uralt, obwohl er erst bei 45 Jahren angekommen
war. Er war komplett in grüne
Lodenstoffe gekleidet, hohe Schuhe und
Stiefelschäfte extra. Beständig trug er
einen grauen Rucksack auf dem Rücken.
„Was mag er wohl da drin haben?“ dachten
wir. Am nächsten Tag ging Hermann
mit meinem Bruder Siegfried und mir
hinaus in die Natur. Er zeigte uns die
Wildwechsel von Wildkaninchen und
Hasen zu den Wiesen und Saatfeldern.
Dann öffnete er seinen Rucksack und
nahm feinsten Schlingendraht und dün
ne Lederhandschuhe heraus. Er zeigte uns
das Anfertigen und Aufstellen von Schlingen
und riet uns, nie ohne Handschuhe
den Draht anzufassen. Zwischen vierzig
und fünfzig Drahtschlingen befestigten
er und Siegfried an verschiedenen Wildwechseln
von Hasen und Kaninchen. Am
anderen Morgen gab es schon das erste
Erfolgserlebnis. Wir kontrollierten immer,
bevor wir zur Schule gingen.
Mit der Zeit wurden es fast fünfhundert
Schlingen und wir mussten schon
sehr früh aufstehen, um alles zu kontrollieren.
Manchmal waren schon Zöllner
vor uns da und wir gingen leer aus. ln
dieser Zeit waren Kaffee- und Zigarettenschmuggel
noch rentabel. Siegfried
und ich wurden ein Arbeitsteam.
Hermann Dauksch sahen wir nach einigen
Monaten noch einmal. Er wollte
wohl auch sehen, ob wir erfolgreich waren.
Wir wussten von ihm nur, dass er
inzwischen verheiratet war. Hermann,
der Wilddieb, hat uns in einer Zeit des
Hungers wirklich helfen können. Wir
sind ihm heute noch dankbar. Heute als
Erwachsener denkt man, dass diese Jagdart
nicht waidgerecht war, damals jedoch
hatten wir quälenden Hunger.
Rudi Jonischkeit
Lessingstraße 12
72663 Großbettlingen
Tel.: 07022/48519
Fax: 07022 / 471 497
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Die Begegnung im Zuge
er VEB Warnow-Werft Warnemünde
hatte in Graal-Müritz an der
Ostsee ein Kinderferienlager und betrieb
mit dem VEB Schwermaschinenbau
Magdeburg einen Ferienkinderaustausch.
Nachdem mein Kamerad Waldemar vom
Deutschen Roten Kreuz und ich etwa 25
gut erholte Kinder aus dem Ferienlager in
Graal-Müritz abgeholt und sicher in
Magdeburg abgeliefert hatten, ging es nun
wieder per Zug nach Warnemünde zurück.
Da wir nun frei von jeglichen Aufgaben
waren, leisteten wir uns die Rückfahrt
im Speisewagen der Mitropa bei
vorzüglichem Radeberger Pilsner. Bald
gesellte sich ein Panzermajor der GSSD
(Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in
Deutschland) zu uns und bat höflich, an
unserem Tisch Platz zu nehmen. Wir
bestellten ein Bier gleich für ihn mit und
er konterte mit „Sto Gramm“ Wodka
(100 Gramm = 0,1 Liter im Weinglas).
Er erzählte uns von seinem Leben und
seiner Verwundung im Kriege vor Leningrad,
wo er bei einem deutschen Artillerieüberfall
auf seine Panzerbereitstellung
ein Auge verlor und Splitter ins
Bein bekam. Mein Kamerad Waldemar
erzählte auch von Leningrad, wo er als
Unteroffizier bei einer 10,5 cm Batterie
leichter Feldhaubitzen gelegen hatte. Da
wurde unser Offizier hellhörig und nach
einigem Hin und Her der Rollbahnen und
Dörfer stand fest: Man hatte sich tatsächlich
gegenübergelegen. Anhand des Datums
seiner Verwundung war eindeutig,
dass er zu 90 Prozent von der Batterie
meines Kameraden verwundet worden
war!
Da ging eine seltsame Veränderung in
unserem Gegenüber vor. Sein Glasauge
funkelte noch kälter als vorher und sein
Atem ging nur noch stoßweise. Der Alkohol
und die Erinnerung hatten zur
Eskalation geführt und plötzlich saßen
sich wieder Feinde gegenüber. Meinem
Kameraden Waldemar war der Umschwung
nicht entgangen und auch er
verstummte. Nach einigen Minuten des
eisigen Schweigens glätteten sich die
Zomesfalten auf der Stirn des sowjetischen
Offiziers und heftig atmend bat er
uns um Verzeihung, dass seine Emotionen
ihn überwältigt hätten.
Nach einem kleinen Imbiss hatten wir
uns alle dann wieder in der Gewalt und
auch wir berichteten über unsere Schicksale
und Erlebnisse, Gefangenschaft, Vertreibung
und Neuanfang im Schiffbau in
Warnemünde.
Die Situation war gerettet und endete
in Schwerin, als der Offizier aussteigen
musste. Unter Umarmungen und Tränen
verabschiedeten wir uns nach dieser Episode,
welche das Leben schrieb und in
der aus ehemaligen Feinden nun Freunde
geworden waren. Wir schworen uns,
nie wieder aufeinander zu schießen und
unsere ganze Kraft für den Frieden in
Europa einzusetzen. Beim Abschied zog
der Offizier ein Bündel Banknoten aus
der Tasche und bezahlte - gegen unseren
Protest - die ganze nicht unerhebliche
Rechnung plus Trinkgeld für den Kellner.
Wir wären seine lieben Gäste gewesen
und er zeigte damit seine wahre russische
Seele.
Bis Rostock hatten wir beide dann zu
tun, um im vollbesetzten Zug das Abteil
mit unseren Koffern zu finden, die praktisch
seit Magdeburg unbewacht, noch
treu und brav in den Gepäcknetzen lagen.
Heinz Bleeck
Erich-Weinert-Straße 37
18059 Rostock 75