Full text : Unser Schönes Samland

— Ein besonderer Tag

weit her war ich am späten
j>f ^Nachmittag angekommen. Alles

konzentrierte sich auf den folgenden
 Tag. Vor der Haustür hatte es noch
Verzögerungen gegeben, schikanöses Anhalten
 durch die Ortspolizei, angeblich
hatte ich eine gesperrte Straße durchfahren,
 die ohne Ausnahme von allen benutzt
 wurde, nur eben für Ausländer verboten
 war. Der Polizist hatte mich bis
hierher verfolgt, war ausgestiegen und
hielt mir eine mit englischen Sätzen bedruckte
 Karte hin, mit Sätzen wie: Sie
haben die Geschwindigkeit überschritten.
Oder: Sie haben das Hinweisschild nicht
beachtet, etwa 10-15 Verkehrsdelikte in
der Art. Er wies auf einen dieser Sätze,
worauf ich abwehrend gestikulierte.
Schließlich sagte ich: „Morgen. Fest.“
Komisch, dachte ich, dass ich, nein, wir
alle immer, wenn wir uns mit Ausländem
 verständigen wollen, auf ein gebrochenes
 Deutsch zurückfallen. Plötzlich
schoss es aus mir heraus: “Saftra. Nastarovje“.“Saftra“,
 das Wort für „morgen“,
war mir eingefallen, nicht aber das Wort
für Jubiläumsfest, und so versuchte ich
mir mit dem Wort für „Prost“ zu helfen.
Der junge Polizist aber schien den Eindruck
 zu haben, dass ich seine Anstrengungen
 auf die leichte Schulter nähme,
ihn veralbern wolle und zeigte auf seiner
 Karte den Betrag, den ich nun zu
bezahlen hätte. Ich meinerseits-wollte ihm
klarmachen, dass ich auch die von allen
Autofahrern benutzte Straße und nicht
die vollkommen kaputte am Ortseingang
hatte benutzen wollen. Im letzten Moment
 fiel mir das Wort „Starost“ ein, ich
kannte es für „Bürgermeister“, wollte
damit sagen, dass ich offiziell eingeladen
 war und mich über ihn beschweren
werde. Er hatte verstanden, obwohl ich

inzwischen weiß, dass diese Bezeichnung
zusammen mit der verflossenen Ideologie
 schon nicht mehr zeitgemäß ist. Der
Polizist jedenfalls hatte verstanden. Er
kehrte ohne Kommentar und vor allem
ohne meine Strafgebühren in sein Dienstauto
 zurück, in dem sein Kollege breit
grinsend den Motor anließ. Ich grinste
auch. Man versteht sich.
Das Hotel, ein Eckgrundstück nah dem
Strand, war vor wenigen Jahren neu errichtet,
 an der Rezeption zwei junge,
freundliche Leute. „Hat jemand nach mir
gefragt? Meine Ankunft hat sich verzögert.“
 Die Verständigung auf deutsch ist
äußerst anstrengend für alle Beteiligten,
und es sind zeitweilig vier oder fünf. Im
reservierten Zimmer im ersten Stock ziehe
 ich erst mal die Gardine zur Seite -
eine automatisch ablaufende Eigenart
von mir beim Betreten neuer Schlafquartiere
 - ein Relikt von Kriegserlebnissen
 oder zu viele Kriminalfilme in den
letzten Jahrzehnten? Aber hier: welch ein
Erschrecken! Ein vollkommen ausgebranntes
 Ein- oder Zweifamilienhaus zu
meiner Linken, ausgebrannt sicher schon
seit langem, ruinenhaft, skelettiert mit
schwärzlichen Brandmalen. Furchtbar für
meine inneren Augen, die schon seit mehr
als 48 Reisestunden nur Strand und Meer
vor sich sehen und lähmend für meine
Ungeduld, die schon seit Wochen einem
glänzenden Jubiläumsfest entgegen fiebert.

In allen Zimmern war die Aussicht die
gleiche. Mir schien, wer hier logierte,
verschloss seine Augen, lebte irgendwie
von seinen inneren Bildern oder von konservierten
 Blickinseln.
Die Suiten auf der gegenüberliegenden
 Seite des Flures geben den Blick auf
das Meer frei. Es liegt so herrlich blau­76



schimmernd und majestätisch-ruhig da,
gesäumt von luftiger Feme und weißem
Sand. Gut, dass diese Aussicht etwas so
Beruhigendes hat, endlich sich mit meiner
 Seele trifft. Zu dieser Aussicht gehören
 in jeder Suite ein Balkon, zwei
Sessel, ein Sofa und im Bad ein Bidet.
Es ist müßig, über Suiten im Osten und
im Westen nachzudenken. Nur manchmal
sind Vergleiche hilfreich. Wenn man etwas
 zu lieben beginnt, sind Vergleiche
immer nur störend.

Gegen Abend erwacht wieder das Morgen
 in meinem Him. Morgen, wie wird
alles morgen? Einen Gang in die Stadt
rät mir meine Neugier. Was weist eigentlich
 im Stadtbild auf das Stadtjubiläum
morgen hin? Vorsicht unmittelbar vor
dem Hotel-Eingang, Gully-Arbeiten.
Noch kein Sonntagsgeruch also. Vor dem
Rathaus stoßen meine Augen auf einen
weißleuchtenden DIN A 4-Aushang im
Kasten hinter Glas, zwischen den kyrillischen
 Buchstaben Daten und Zahlen, die
eindeutig auf morgen verweisen, kein
Zweifel.

Später das Abendbrot im Hotel. Ein
schöner Strauß Gartenblumen ist für
mich abgegeben worden, „Oh, spaciba,
danke schön!“, ein Willkommensgruß.
Erstes Morsezeichen auf altem Heimatboden,
 verstanden, Gartenblumen aus
alter Heimaterde, vermutlich aus dem
Bibliotheksgarten. Wie gern ich das verstehe!


Der Tag beginnt im Frühstücksraum
des Hotels mit einigen neuen Gesichtem,
eine Dame gehört, wie später zu erfahren
 ist, zur schwedischen Delegation. Die
Delegation aus der deutschen Partnerstadt
schenkt zum Jubiläum einen vollausgestatteten
 Ambulanzwagen, sie logiert
anderswo, vielleicht privat.
Ein dichtes Jubiläumsverkehrsaufkommen
 setzte in den Vormittagsstunden
ein, so erfahre ich von meiner Lyrik-Kollegin,
 die aus der Bezirkshauptstadt hergefahren
 ist. Oben in meiner Suite sitze
ich bald mit ihr über einen Stapel beschriebener
 Blätter gebeugt. Sie hat sich
viel Mühe mit meinen Texten gemacht,
um sie in ihre Sprache zu übertragen und 77