Full text : Unser Schönes Samland

dabei, den ursprünglichen Rhythmus der
Verse beizubehalten. Durch dieses Hineinhören
 gelang es ihr, den lyrischen
Texten noch einiges mehr abzulauschen,
sie sagte mir: „Sie sind eigentlich eine
Städterin. Sie schreiben über Bäume, als
Städterin.“ Wir gehen alle Texte einzeln
durch, sie erläutert mir ihre Übersetzungen
 auf deutsch und erfragt meine Zustimmung.
 Es wird ein anstrengendes,
angespanntes Gespräch. Ihre Kommentare
 und ihre Übersetzungen, mehr als
die Hälfte der Papiere, die vor mir ausgebreitet
 liegen, kann ich nicht lesen. Hin
und wieder tauchen meine lateinisch gedruckten
 Verse oder ganze Strophen zwischen
 den kyrillischen Schriftzügen auf,
für mich die einzige Gewissheit, dass es
wirklich um meine Texte geht. Die verschiedenen
 Straßen, durch die wir mittags
 zur Bibliothek gehen, erscheinen mir
alle gleich, ich sehe in sie hinein, fühle
sie durch meine Füße hindurch, spüre,
wie ausgetreten sie sind, der Fuß muss
sich auf sie einstellen, die Löcher, die
Wölbungen kann er nicht einfach mit
starrem Schritt übergehen, es geht nicht,
ohne zu balancieren. Obwohl es nicht
bequem ist und auch nicht fortschrittlich,
hier ist Geschichte fühlbar. Aufs Ganze
gesehen, ist die Geschichte dieser Stadt
750 Jahre alt, seit ihrer Beurkundung. Von
den ersten Siedlern, den Pruzzen und den
Balten spricht das Pflaster nicht, aber von
den letzten 100 Jahren spricht es zu mir,
laut und eindringlich. Es spricht von den
beschwingten Schritten ausgelassener
Badegäste in der wechselnden Badekleidung
 der 20er und 30er Jahre, von
politischen Aufmärschen der 30er und
40er Jahre, von dem Kesseltreiben, in
dem sich die letzten Vertriebenen und
Flüchtenden befanden, von den verzweifelt

 kämpfenden Truppen der verteidigenden
 Deutschen und von der hereinstürmenden,
 von Rache getriebenen sowjetischen
 Armee, von wildem Gemetzel
 auf den Straßen, von Blut und Schmerzen
 und wenigen Überlebenden, alles in
dieser Stadt.
Seit mehr als 50 Jahren sprechen die
Straßensteine von neuem Leben, von
behänden Kinderfüßen, von Männern und
Frauen mit neuen Namen, von Menschen,
die sich nicht ohne Mühe einlebten in die
bis zur Unkenntlichkeit zerbombten und
verwüsteten Örtlichkeiten. Diese neuen
Bewohner sprechen andere Sprachen und
schreiben andere Buchstaben, sie kochen
andere Gerichte und tanzen andere Tänze.

Die Dichter-Kollegin, deren Vorfahren
aus der Moskauer Gegend kamen, ist hier
geboren. Leicht und geübt schreitet sie
neben mir über das Pflaster. Damit habe
ich meine Mühe, balanciere gedankenschwer.
 Ich bin wie sie hier geboren,
damals, als noch die Badegäste in ihren
Sonntagsgarderoben anreisten, in den
30em. Meine Mutter, wie man sagte, ein
hübsches, blondes Fräulein in Begleitung
von Schwager und Schwester und mein
Vater, als junger Mann mit just aufgekündigter
 Liebschaft waren darunter, hier
trafen sich ihre jugendlichen Schritte,
ihre Sehnsüchte trafen sich im Widerschein
 der Sonne über dem Meer.
Die russische Lyrikerin nimmt mich
kurz nach Mittag in den Bibliothekssaal
mit, von dort oben sieht man auf den
Platz, wo der offizielle Jubiläumsakt mit
dem Bürgermeister und den Delegierten
der Partnergemeinden in Deutschland und
Schweden vollzogen wird. Im Bibliothekssaal
 arbeitet zurzeit noch ein Student
 neben einem riesigen Bücherstapel,

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■■■■Hi

auf deutsch muss ich mich an seiner Vertreibung
 in den Nebenraum beteiligen,
er reagiert entgegenkommend auf
deutsch. Im Nu hat sich der nicht allzu
große Bibliothekssaal gefüllt, es erscheint
noch ein Schriftsteller, ein urwüchsiger,
untersetzter, vergnügter Typ mit grauen
Haaren aus der nahen Bezirkshauptstadt,
er hat seine blonde, rosige Frau mitgebracht
 und wird mich und meine russische
 Dichter-Freundin nachher auf einen
Kaffee und einen Wein in seine improvisierte
 Sommerwohnung einladen.
Das Publikum, vorwiegend Frauen,
hört der Lesung gespannt zu. Da wo man
vorwiegend hört, muss ich vor allem sehen,
 hinsehen. Ich beobachte, wie meine
Kollegin - sie ist mehr als das, sie ist
Freundin - in langen Sätzen, mit ausdrucksvoller
 Miene über mich und meine
 Texte erzählt, sie nimmt daraufhin die
bedruckten Blätter und rezitiert. Ihre
Stimme wechselt die Tonhöhe und pausiert
 rhythmisch. Voller Lebendigkeit ist
ihr Vortrag. Dann fordert sie mich auf,
und ich lese von meinem Blatt in meiner
Sprache das betreffende Gedicht. Blindflug,
 ist mein Gefühl. Und dann Beifall,
für mich, für uns, völlig überraschend.
Ob sie mich verstanden haben? So in dieser
 Form geschieht es etwa 12 Mal oder
mehr, bei jedem weiteren Gedicht Beifall,
 unheimlich und auch wohltuend.
Anschließend kommen Frauen aus
dem Publikum nach vorne, und ich
schreibe ihnen auf ihren Fingerzeig hin
meinen Namen unter die Lyrik-Übersetzungen,
 die sie mit nach Hause nehmen.
Sie haben Freude an meinen Gedichten,
das fühle ich. Sie haben mich verstanden.
 Wir verstehen uns zweisprachig.
Der Dichter aus der Bezirkshauptstadt
zeigt mir seine Wiechert-Ausgabe mit

dessen Gedichten in russischer und deutscher
 Sprache und erzählt mir, dass er
dafür in Deutschland eine Auszeichnung
erhalten habe.
Der Abend des Jubiläums gehört vorwiegend
 der Jugend, von weitem höre
ich vom Balkon die Disco-Musik, dumpfe
 und schrille Stimmen mischen sich
über dem Strand und der durch eine
Betonmauer abgetrennten Promenade.
Von den Bratwurst-Ständen und von dort,
wo Spanferkel über dem Feuer gedreht
werden, steigt Rauch auf. Bevor das
nächtliche Feuerwerk beginnt, wird weiträumig
 abgesperrt. Volksmassen haben
sich angesammelt. Alle staunen über die
mächtigen Feuerwerkssalven, die -
diesmal im Spiel und aus purer Freude -
über uns hinknattern und sich in dem
nachtblauen, heute so schweigsamen
Meer spiegeln, um allen augenblicklichen
Glanz zu verdoppeln, bevor dieser Tag
in den Annalen der Stadtgeschichte versinken
 würde.

Man konnte alles über diesen Jubiläumstag
 am nächsten Tag in der Zeitung
 lesen. Mein Name war ins Russische
 übertragen worden und so hatte, wie
ich später erfuhr, ein mir bis dahin unbekannter
 Landsmann es schwer, meine
 Adresse herauszufinden. Lange nach
dem Ereignis erreichte mich sein Brief.
Er verband mit dem Ereignis offenbar
große Bedenken und schrieb: „Wissen
Sie, ich glaube gar nicht, dass das Datum
 des Jubiläums überhaupt das richtige
 war. - Ich wollte ihm antworten: „Falls
Sie Recherchen darüber anstellen werden,
 denken Sie an eine Wiederholung
des Jubiläums?“

Krimhild Stöver

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