ten wir uns hinlegen oder weglaufen? Die
Fischer hatten Angst um ihre Boote, die
Mütter und Omas Angst um ihre Kinder.
Ohmchen nahm uns in ihre Arme
und drückte uns an ihre Brust, so fühlten
wir uns geborgen. Die Windhose kam
ganz schnell näher, aber in dem Augenblick,
als sie sich dem Ufer näherte, löste
sie sich auf. Es war nichts passiert.
Wir waren überglücklich, aber das Erlebnis
hat uns noch lange beschäftigt.
Wie herrlich waren die Abende, wenn
wir vor dem Haus auf der Bank saßen.
Mein Onkel Richard holte die Ziehharmonika
und spielte, die Nachbarn gesellten
sich dazu und wir sangen gemeinsam
unsere schönen Volkslieder. Oder Onkel
Emst erzählte Gruselgeschichten und wir
hatten Angst schlafen zu gehen. Aber
Ohmchen brachte uns zu Bett, wir fielen
tief in die dicken Kissen und weichen
Unterbetten und nach einem Nachtgebet
schliefen wir selig bis zum andern Morgen.
Die Sommerferien bei unserem Ohmchen
bleiben uns unvergessen, Ohmchen
Nuckel wurde im Sommer 1947 aus Ostpreußen
vertrieben und lebte bis zu ihrem
Tod 1953 bei uns in Güstrow.
Christel Dieckert
Mönchengladbach
Eingesandt von:
Charlotte L. Elsner, 2011 Geralo LA.,
Lynn Haven, Fl. 32444, 850-21/-3125
Heimweh
„Was, du fährst schon wieder nach Königsberg?
Was willst du denn da?“ Fast
vorwurfsvoll klang die erstaunte Frage
meiner Freundin. Nach Geschäftsschluss
hatten wir uns in diesem hübschen Straßencafe
getroffen. Vor mir, neben der
Tasse mit dampfendem Kaffee, lagen die
Unterlagen vom Reisebüro für eine Bahnreise
nach Königsberg. Elegant gekleidete
Menschen gingen an uns vorüber,
lachende junge Leute genossen den schönen
Sonnentag.
Meine Gedanken schweiften ab. Ja, warum
diese erneute Reise nach Königsberg?
Ich war bereits vor zwei Jahren dort
gewesen. Ich hätte ebenso gut eine Reise
in die Südsee buchen können. Ein schneller,
moderner Düsenjet hätte mich im
gleichen Zeitaufwand an das sagenhaft
blaue Meer gebracht. In einem schneeweißen
Hotel würde ich ein traumhaftes
Zimmer belegen, mit Klimaanlage, Fernseher
und Terrasse, und Service im Zimmer,
natürlich. Ich würde auf einem bequemen
Liegebett am Swimmingpool
liegen, mein linkes Bein würde im temperierten
Wasser hin- und herbaumeln.
Lautlos huschten weißgekleidete Kellner
über den gepflegten Rasen. Spürten sie
die stehende Hitze nicht? Oder durften
sie sie nicht spüren? Wie sollte ich diese
immer lächelnden Menschen anreden?
Kellner, Herr Ober, oder einfach mit ihrem
Vornamen? Ja, ich würde sie mit ihrem
jeweiligen Vornamen und mit „Sie“
ansprechen, das wäre gut. Vor mir, nur
ein paar hundert Meter entfernt, hinter
dem Palmenhain, lag das Meer, die sa-70
genhaft schöne Südsee.„Na,“ hörte ich
meine Freundin fragen, „nun erzähl doch
mal.“ Ihr Ton klang versöhnlicher, fast
bittend. Ich griff zur Kaffeetasse und
trank einen kräftigen Schluck von dem
guten Kaffee. Jetzt war ich wieder ganz
hier, in diesem hübschen Café. Ich sah
meine Freundin lächelnd an, würde sie
mich verstehen?
Die Reise würde für mich schon einen
Tag vorher beginnen, ehe ich in Berlin
abends in den Zug nach Königsberg steigen
würde. Ich hatte Schlafwagen reserviert.
Welch ein Glück. Mit mir reiste
eine Dame, die zusammen mit anderen
eine Radtour durch Masuren machen
wollte. Und eine junge Russin, die „maulfaul“
antwortete, dass sie in Cranz geboren
sei. Beide stiegen jedoch schon in
Polen aus.
Und ich stand am Fenster. Mit den ersten
Sonnenstrahlen des anderen Morgens
stand ich am Fenster meines Abteils. Der
nette Schlafwagenschaffner hatte mir
Frühstück gebracht. Er war Pole und
sprach kein Wort Deutsch. Kaffee war
noch in meiner Thermosflasche. Und
danach ging ich unruhig hin und her, vom
Abteil zum Gang, vom Gang ins Abteil
zurück. Die meisten Fahrgäste schliefen
noch. Der Zug stampfte durch eine menschenleere
Landschaft. Die Morgensonne
ließ die endlosen Rapsfelder in Polen
noch gelber leuchten. Dann die Grenze,
mitten durch einen Laubwald. Kein Vogellaut,
gedämpfte Menschenstimmen.
Der Zug wurde kontrolliert, von vorne
und hinten, von unten und auf dem Dach.
Endlos schien der Aufenthalt. Endlich
ging es weiter.
Nach dem Laubwald wieder endloses
Land. Aber was für ein Unterschied jetzt!
Verschwunden die leuchtenden Rapsfelder,
hier und dort kleine Stückchen
davon. Der Wind hatte wohl die Samen
dorthin getragen. Hohes Unkraut überall.
Kein Getreide, keine Rüben oder Kartoffeln.
Kein Vieh. Längs der Bahnlinie
ab und zu hohe Fliederbäume in voller
Blüte. Dort hatten einmal Bahnhäuschen
gestanden. Ab und zu ein Birkenhain. Der
Boden wurde zusehends sandiger. Dort!
Hinter den lichten Laubbäumen schimmerte
das Frische Haff. Königsberg kam
in Sicht. Als wir in den Königsberger
Hauptbahnhof einfuhren, merkte ich, wie
müde ich war. Stunden um Stunden von
einem Fenster zum anderen. Jetzt war die
Reise zu Ende.
Immer noch wartete meine Freundin
auf eine Antwort. Aber sie drängte nicht.
Langsam begann ich zu erzählen. Von
einem Dorf, das ich als kleines Kind verlassen
musste. Es war eisig kalt, der
Schnee war hoch, und über unseren Köpfen
dröhnten Tiefflieger. Von einer Stadt,
die voller rauchender Trümmer lag, aus
denen ein ganz eigenartiger Geruch aufstieg.
Und von russischen Soldaten, die
diese Stadt einnahmen, und von vielen
unbeschreiblich elenden Jahren, die darauf
folgten. Aber ich erzählte auch von
schönen Kindheitsjahren in jenem Dorf.
Ringsherum um das Dorf gab es blühende,
emtereiche Felder und Weiden voller
gesunder Kühe und stolzer Pferde.
Ausflüge in die nahe Stadt waren noch
sehr lebendig. Schon auf dem Hauptbahnhof
mit all seinen fröhlichen Reisenden
begann mein Staunen. Dann gingen
wir zu Fuß zu den Verwandten.
Vorbei an der Börse über die Grüne Brücke.
Was sollte ich zuerst bestaunen? Das
wunderschöne Gebäude mit den Löwen,
die dort Wache hielten? Den stillen
Pregelarm? Den mächtigen Dom auf sei-