Auf den Feldern sind die Garben inzwischen
getrocknet. Zum Einfahren
werden die Ackerwagen lang gemacht.
Dabei ersetzen sechs bis sieben Meter
lange Leitern die Seitenbretter, so kann
erheblich mehr auf einen Wagen geladen
werden. Vier Pferde ziehen den beladenen
Wagen vom Feld auf den Hof
und in die Scheune. Hinter der Scheune,
auf dem Wäschetrockenplatz zwischen
Scheune und Kirchhof, steht schon der
abgestakte Wagen. Manfreds Vater, der
Abstaker, hilft Walter beim Umspannen
der Pferde. Walter rauscht mit dem leeren
Gespann im forschen Trab aufs Feld,
während auf der Diele das volle Fuder
abgestakt wird. Vater Heinrich beobachtet
alles von seinem Gefechtsstand, dem
Fenster in der Krugstube! Er zählt jedes
Fuder, und auf seiner echt goldenen Taschenuhr
mit Klappdeckel nimmt er die
Zeit von Fuder zu Fuder. „Beim Einfahren
muss die Arbeit flutschen“, ist seine
Parole!
Zum dritten Mal ist nun schon der
Wagen auf der Diele leer, rausgeschoben,
die Diele sauber gefegt und noch kein
nächster Wagen in Sicht! „Lichen, da
stimmt was nicht! Der Regen hängt am
Himmel, ich muss mal sehen woran es
liegt!“ Mit diesen Worten nimmt er die
blaue Alltagsschirmmütze vom Garderobenhaken
in der Krugstube und getreu
dem von ihm oft zitierten Bibelwort:
„Mir nach spricht Christus unser Held “,
strebt er im Sturmschritt zum Feld und
legt dort, nicht selten zum Unmut der
Leute, mit Hand an die Arbeit. Um das
trockene Getreide vor einem aufziehenden
Regen- oder gar Gewitterschauer in
die Scheune zu bringen, kann die Arbeit
auch schon mal bis zum Sonnenuntergang
gehen! Wenn es dann geschafft ist,
gibt’s für alle Beteiligten ‘nen Taler extra
und einen oder zwei Samlandbittem
als Versöhnungsschluck - auch für die
Mädchen!
Wir Jungens sind beim Einfahren mit
Weiterfahren, Nachharken und Trampeln
beschäftigt. Zum Weiterfahren sitzt ein
Junge auf dem Sattelpferd und lässt den
Wagen, auf das Kommando eines der
Aufstaker, zur nächsten Hocke ziehen.
Beim Nachharken werden, nachdem die
Garben aufgestakt sind, alle noch am
Boden liegenden Halme und Ähren zusammen
geharkt und als Krummstroh
aufgeladen - keine Ähre darf verloren
gehen - jedes Korn bringt Geld! Damit
viel in ein Fach rein geht, werden die
Garben fest getrampelt!
Jeden Abend schreiben wir unsere
Stunden auf und am Sonnabend gibt es
Lohn. Wir Zehn- bis Zwölfjährigen bekommen
bei Vater Heinrich einen halben
Dittchen als Stundenlohn. Wenn wir
uns fleißig zum Helfen einfinden, kommen
während der Ernte etliche Dittchen
zusammen; leider steckt Vater die meisten
von meinen Dittchen gleich in meine
Sparbüchse, die er verwahrt hat. „Ihr
Jungens müsst nich’ alles gleich verkleckern,
was ihr euch verdient habt!“, ist
seine Meinung.
Horst Buldt (ehern. Geidau)
Neddem End 6
24787 Fockbek
Tel.: 04331-608362
Redaktionsschluss für Folge 155 ist der 10. Juli 2002
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Ferien bei Ohmchen Nuckel in Sanglienen
Unsere
Sommerferien verbrachten wir
jedes Jahr bei unserem Ohmchen
Nuckel. Sie wohnte mit ihren zwei Söhnen
in einem Haus am Meer, drei Fischerfamilien
hatten hier ihr zu Hause. Es waren
alles Brüder, auch die Eltern der drei
Fischer wohnten hier. Es gab keinen elektrischen
Strom und keine Wasserleitung.
Das Wasser schöpften wir aus einem Brunnen,
es war glasklar und schmeckte vorzüglich.
Es gab weit und breit kein Geschäft,
wo man einkaufen konnte.
Zweimal in der Woche kam der Bäcker
mit einem kleinen Auto. Wenn es gesichtet
wurde, gab es ein Hallo! Ohmchen
gab uns 10 Pfennig, dafür kriegten wir
ein Stück Mohnkuchen und ein Streuselteilchen
- war das lecker! Einmal in der
Woche fuhr mein Onkel mit dem Rad in
die Stadt zum Einkäufen. Wie Ohmchen
alles frisch gehalten hat ohne Kühlschrank
und Keller, das ist mir heute ein Rätsel!
Die Milch holten wir Kinder jeden Nachmittag
aus dem Nachbardorf. Wir mussten
eine Stunde laufen, auf dem Hinweg
ging es auf der Küste entlang an Feldern
und Wiesen vorbei, zurück schlenderten
wir am Wasser lang. Zwischendurch setzten
wir uns in den Sand, machten den
Deckel von der Milchkanne ab und stärkten
uns mit der frischen Kuhmilch. Wenn
wir zu Hause ankamen, war die Kanne
manchmal schon halbleer.
An manchen Tagen nahmen wir aus
Ohmchens Schrank ein Töpfchen und gingen
Himbeeren, Brombeeren oder Sanderdbeeren
suchen, die an der Küste zahlreich
wuchsen. Was waren wir froh, wenn
das Töpfchen voll geworden war. Die
meiste Zeit jedoch verbrachten wir am
Wasser. Der Strand war 20 Meter von unserem
Haus entfernt. Wir badeten und
tollten mit den Kindern der Fischer herum.
Wenn die Fischer gute Laune hatten,
durften wir mit dem Boot zum Fischen
aufs Meer, das war immer ein Erlebnis.
Am schönsten waren die Tage, an denen
nach einem Sturm Bernstein an den
Strand getrieben wurde. Dann schnappten
wir unseren Kescher und einen Brustbeutel
und los ging’s zum Wasser. Die
Fischer waren schon früher aufgestanden,
sie hatten große Fangnetze und
waren dabei, den Seetang aus dem Meer
zu keschem.
In dem Seetang war das „Samlandgold“,
wie man den Bernstein auch nennt,
versteckt. Sie suchten nur nach großen
Stücken, die sie verkauften, so was wurde
gut bezahlt. Wir Kinder wühlten anschließend
in dem Tang und fanden noch
genug kleine und größere Stücke. Wir
freuten uns, wenn der Brustbeutel voll
geworden war. Am Ende der Sommerferien
hatten wir eine große Tüte voll
Bernstein zusammen, den wir dann verkauft
haben. Besonders schöne Bernsteine
haben wir behalten und aufbewahrt.
Mein Onkel machte davon später kleine
Schmuckstücke.
An einem Sommermorgen hatten wir
ein seltsames Erlebnis. Ganz früh pochte
es an unserer Tür, ein Fischer rief:
„Schnell aufstehen und nach draußen laufen,
eine Windhose kommt und kann
unser Haus zerstören“, Wir sprangen aus
den Betten, zogen uns flink an und
stürmten vor die Tür. Ohmchen packte
für uns Kleider und warme Decken in
eine Tasche und lief auch aus dem Haus.
Wir standen alle am Wasser und schauten
aufs Meer hinaus. Am Horizont sahen
wir die Windhose, die immer näher
kam. Wir waren alle sehr aufgeregt, liefen
hin und her und wussten nicht: soll- 69