Full text : Unser Schönes Samland

Cranz vor 8.000 Jahren

Wurde

uns als Kinder eigentlich
immer gesagt, dass im Großraum
um Cranz vor der Anlandung der Wikinger
 bei Wargenau (die dort ihre Schiffe
verbrannten, wie auf dem großen Wandbild
 in der Turnhalle dargestellt) so gut
wie keine Menschen hausten, so werfen
die uns später bekannt gewordenen archäologischen
 Erkenntnisse vom Ende
des 19./Anfang 20. Jh. - vor allem die
neuesten von Prof. Dr. Kulakow, Archäologisches
 Institut der russ. Akademie der
Wissenschaften Moskau - unser gesamtes
 damaliges (“arisches“) Geschichtsbild
von Cranz über den Haufen. Dabei lagen
 bereits in den 30er Jahren folgende
Erkenntnisse vor:
Treuter’s hatten in Cranz, neben der
“Königin Luise”, Teile eines ,Steinbeils1
gefunden, waren in Wiskiauten (Kaup)
mindestens drei Skelette aus der Steinzeit
 ausgegraben worden, Steinpackungsgräber
 aus der älteren Steinzeit im „Kunterstrauch“
 freigelegt und 1937 bei Bauvorbereitungen
 in der Rosenstraße stieß
man in 1 m Tiefe auf ein “Brandgrab
mit Steinabdeckung”, das etwa auf die
Zeit 350 bis 450 u.Z. (?) zu datieren war.
Auch gab es einzelne Fundstücke wie
Horn- und Knochengeräte, Feuersteinkleingeräte,
 Feuersteinbeile und Schaftlochäxte.
 Doch das wurde alles nicht
weiter zur Kenntnis genommen bzw. erfuhren
 nur wenige von uns davon. Ich
kann mich nicht entsinnen, dass wir in
“Heimatkunde” oder Geschichtsunterricht
 darüber jemals etwas erfahren haben
 oder habe ich da ,gefehlt1?
Fest steht, dass schon in vorgeschichtlicher
 Zeit, also bereits vor mind. 8.000
Jahren Jäger und Beerensammler in der
Gegend des späteren Cranz gehaust haben.
 Die Umgebung hat natürlich zu dieser

 Zeit noch bedeutend anders ausgesehen.
 Die Küste lag viele Kilometer weiter
 nördlich - noch vor 800 Jahren soll
der Uferrand ca. 8 km vor der heutigen
Küste gelegen haben - der Wasserspiegel
der Ostsee lag wesentlich niedriger und
die ganze Gegend war dicht bewaldet
(teilweise kann man bei Niedrigwasser
die restlichen Baumwurzeln in der See
erkennen). Auch die Nehrung lag weiter
nordwestlich. Sie wurde durch ständige
Sandverwehungen und Meeresströmungen
 immer weiter nach Osten verschoben.
 Der ,geologische1 Nehrungsanfang
liegt in Cranz am Korso, d.h. weit über
die Hälfte von Cranz liegt bereits auf dem
Palwegrund der Nehrung. Der Raum
Wargenau - Wiskiauten - Dollkeim -
Grünhoff westlich von Cranz war schon
im ersten bis siebenten Jahrhundert u.Z.
dichter besiedelt, wie aus den Gräberfeldern
 der Gegend zu ersehen ist.
Die später hier durch den Orden, wegen
 der durch die brutale Christianisierung
 erlittenen hohen Verluste unter
der Urbevölkerung, als Ersatz angesiedelten
 Fischer, sollen lettischer/kurischer
Abstammung gewesen sein. Diese vermischten
 sich scheinbar bald mit der
pruzzischen Urbevölkerung. Allerdings
soll noch 1723 im Raum Cranz die Bevölkerung
 lettisch/kurisch gesprochen
haben. Das kleine, pruzzische Fischerdörfchen,
 das in unserer Gegend entstand,
hat zunächst den Namen ,Pilikoppen'
(preußisch: “prähistorische Siedlung”)
getragen (Kulakow), wo neben der Straße
 nach Memel der Ritterorden 1282 den
“Kranta-Krug” (Kranz-Krug) (gemischt
pruzzisch/kurisch: Krug an der Küste,
lett. Krantas - abgebrochener Uferrand)
baute, der noch bis kurz vor der
Jahrhundertwende 19./20. Jh. als köllm.

Krug “Krug zum Grünen Kranze” bestanden
 hat.
Unser “Samländisches Gold” war schon
sehr früh als Handelsware begehrt. Man
kann das daraus ersehen, dass Grabbeigaben
 u.a. auch arabische Münzen aus
den Jahren 754 - 775 u.Z. enthielten, ln
Gräbern aus der älteren Eisenzeit wurden
 auch römische Münzen gefunden. Es
wird davon ausgegangen, dass es sich bei
den Toten um Händler handelte, die hier
Bernstein und Felle aufkauften. Allerdings
 kamen nicht nur Händler ins Samland,
 sondern es ist bekannt, dass z.B.
der “samländische” Kaufmann Widgaud
(oder Widgauto - vermutl. ehemaliger
Wikinger) im 12. Jh. über die Ostsee bis
nach Schweden zu der Stadt Birka, jetzt:
Björkö) am Mälasee gefahren sei. Er
habe u.a. mit Pelzen gehandelt und vermutlich
 schwedische Schwerter, die sehr
beliebt waren, dafür aufgekauft. Es gilt
als völlig gesichert, dass die im 9. Jahrhundert
 in der Umgebung von Cranz
gelandeten Wikinger aufgrund der Grabbaues,
 wie der Ausstattung der Beigaben,
aus dem Gebiet um den Mälarsee kamen
(Prof. Nennan, Stockholm)! Ob die angeblich
 bei Wargenau gelandeten Wikinger
 (Bild in der Turnhalle in Cranz) dort
wirklich gelandet sind, ist nicht ganz klar.
Die dort für eine Anlandung nicht gerade
 besonders geeigneten Brandungsverhältnisse
 hat man höchstens in Kauf genommen,
 wenn durch das nur wenige
Kilometer entfernt liegende Gatt/Tief
ostwestlich Cranz nicht ohne größere
Verluste durchfahren werden konnte. Das
Gatt soll den Namen “Brokist Gatt”
(altisl.- Brücke aus Kisten) getragen haben
 und lag etwa zwischen Friedhof und
Kl. Thüringen. Dieser Name bezeichnet
das einfache technische Verfahren, mit

dessen Hilfe die Pruzzen/Wikinger das
Gatt kontrollierten. Sie versperrten die
Durchfahrt mit ihren scharfbuggigen
Kähnen, deren Reste bei Ausgrabungen
gefunden wurden. Die Kähne wurden so
lange nicht auseinandergerückt, bis die
Kaufleute von den vor dem Gatt angesammelten
 Schiffe mit klingenden Münzen
 die Durchfahrt bezahlten!
Das westliche Haffufer lag seinerzeit
viel weiter landeinwärts etwa in Höhe
Bahnhaltepunkt Bledau und das Wasser
der Memel floss durch dieses Gatt in die
Ostsee. Etwa zwischen “Wosegau” und
“Wissecawten” (Wiski-auten) muss der
von den Wikingern errichtete Handelsplatz
 “Selburg” gelegen haben.
Neu ist die Annahme, dass auf dem
Weg durch das Gatt auch der Missionar
Woizech-Adalbert ins Samland gekommen
 sein soll und nicht bei Fischhausen
ermordet wurde! Prof. Dr. Kulakow geht
davon aus, dass Adalbert in der Nähe von
Cranz von den pruzzischen Priestern, mit
Weidelot Sikko an der Spitze, gefasst und
am 26. April 997 den Göttern von Ulmerigien
 (Samland) wegen Entweihung der
heiligen Bemsteinerde geopfert wurde.
Im Sommer 1981 hat eine baltische Expedition
 die Stelle der Hinrichtung ausgegraben.
 Diese Angaben der Archäologen
 decken sich mit dem mittelalterlichen
 Text “Passionen von St. Adalbert”,
die von seinen Gefährten, die der harten
Bestrafung entgangen waren, niedergeschrieben
 wurden.
Nordostwärts von Sarkau durchschneidet
 ein bis zu 2 in hoher Sandwall die
Nehrung. An seiner südwestlichen Seite
zieht sich ein Graben entlang. Dieser
Graben wurde seiner-zeit von den Kaufleuten
 als “alternative Durchfahrt zum
Haff’ angelegt, um die Weggebühren zu