Full text : Unser Schönes Samland

Endlich hat der Tod einen Namen ■

Vor

einigen Wochen erreichte mich in
meiner Eigenschaft als Betreuer unserer
 Homepage die Suchanfrage eines
jungen Mannes. Er fragte, ob es wohl
möglich sei, etwas über seinen Großvater
 herauszufmden. Als Einziges war ihm
bekannt, dass sein Großvater am 13. April
1945 als Soldat in Klein Norgau ums
Leben gekommen war. Dies hatten zwei
Kameraden des Großvaters der Familie
in Briefen schon 1946 mitgeteilt.

In einer ersten Antwort teilte ich ihm
mit, dass es sehr schwierig, wenn nicht
sogar unmöglich wäre, ein Grab bzw. die
näheren Umstände herauszufmden. Ich
versprach aber, mein Möglichstes zu versuchen.
 Als Ortsvertreter für Norgau
habe ich mich auch intensiv mit der Geschichte
 von Klein-Norgau beschäftigt.
So gelang es mir im Jahr 1998 einen der
ehemaligen Einwohner, meinen lieben
Freund Hans Dahl, dazu zu motivieren,
seine Erlebnisse aus der Zeit von 1945
bis 1947 aufzuschreiben. Zusammen mit
seiner Frau machte er sich an die Arbeit
und es entstand so auf 36 handgeschriebenen

 Seiten eine beeindruckende
 Schilderung der damaligen Zustände.
An diese Geschichte erinnerte ich mich.
Hans schrieb u. a.:
“Im Keller von Rudolf Hundrieser befanden
 sich während der Kämpfe noch 6
bis 8 deutsche Soldaten, die durch einen
Bombenvolltreffer umkamen. Diese Soldaten
 wurden ebenfalls niemals herausgeholt
 und begraben. Wegen der Einsturzgefahr
 konnte da keiner mehr ran.“

Zwischenzeitlich hatte ich die Kopien
der oben erwähnten Briefe von 1946 erhalten.
 Aus den Briefen ging eindeutig
hervor, dass der Großvater des jungen
Mannes einer dieser 6-8 Soldaten gewesen
 war, die in dem alten Gutshaus von
Klein-Norgau ums Leben kamen.

So konnte nach 61 Jahren doch noch
ein Schicksal geklärt werden und der anonyme
 Tod hatte einen Namen bekommen.


Wolfgang Sopha
Orts Vertreter von Norgau

Bruch am Heiligen Abend

Nie

werde ich vergessen wie unser
Meister Birkholz mir aus tausend
Nöten half: Damals lebten wir noch in
Geidau, ich zählte etwa sechzehn Lenze
und rechnete mich natürlich schon zu den
Großen.

Es ist Heiligabend. Der Tannenbaum
soll in den nagelneuen, mit Figuren versehenen,
 grün und golden bemalten Fuß
eingesetzt werden. Vater brachte den Fuß
von seiner letzten Königsbergfahrt mit.

„Das kannst du ja schon mal versuchen,
Horstchen!”. Vaters Vertrauen ist für mich
Verpflichtung. Also den Baum zum Speicher
 rauf, dort befindet sich unsere Holzwerkstatt.
 Zunächst das untere Ende das
Baumes etwas angespitzt; so, dass es
schön fest im Fuß sitzt und der Baum
später nicht wackeln kann! Jetzt den Fuß
einstecken und zum Schluss den Baum
mit dem Fuß auf den Boden stoßen! Aber
- oh weh! Was ist das? Vom nagelneuen
Tannenbaumfuß bricht eine Ecke ab, und

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in mir brechen Welten zusammen! -
Doch nur für Minuten - dann keimt eine
Hoffnung auf: „Meister Birkholz wird
helfen!?” Schnell ist der Fuß und die
abgebrochene Ecke in einen Getreidesack
 gewickelt, die Treppe hinunter gestiegen
 und an der Wand entlang, durch
das kleine hintere Hoftor, ab in Richtung
Meister Birkholz - hoffentlich hat mich
keiner gesehen!?

Meister Birkholz ist - Gott sei Dank -
zu Hause. Er wiegt zweifelnd den Kopf:
„Du, das is’ Gusseisen, das wird nuscht
werden!” Nun ist Weihnachten für mich
gelaufen! Der große Jung’ ist kaum noch
zu sehen, so klein ist er plötzlich geworden
 - und aus den Augen kleckern Tränen!
 „Nu grien man nich’ gleich, wir
werden mal versuchen dünnes Blech beizulegen,
 und wenn nich’ anders, nehmen
wir statt dem Lötkolben die Lampe zu
Hilfe, vielleicht geht es ja dann.” - Und
es geht! Vor Freude umarme ich den
Meister. Das reparierte gute Stück wieder
in den Sack gewickelt, schleiche ich nach
Hause und auf den Speicher. Dort finde
ich zwischen den Farbresten eine Büchse
 mit grüner Lackfarbe. Mit ihr habe
ich im vergangenen Herbst den neuen
Staketenzaun zwischen dem Dunghaufen
und dem Frühkartoffelacker gestrichen
- die Farbe ist sogar noch streichfähig.
In einer weiteren Dose ist auch noch etwas
 Goldbronze, auch die ist noch streichfähig.
 Auf der noch etwas warmen Lötstelle
 verläuft und trocknet der Lack und
die Goldbronze nicht nur schnell, darüber
hinaus passt der Farbton, „wie dafür gemacht“,
 würde Vater sagen. Für mich ist
Weihnachten gerettet!
Inzwischen, es ist Mittagszeit, wird
unten die Speichertür geöffnet und Herta

ruft mit ihrer mir sehr vertrauten Stimme:
 „Komm man, wir wollen Mittag essen,
 kannst, wenn du willst, auch bei uns
in de’ Küch’ essen!” Und ob ich will, wo
Herta ist, bin ich doch immer gerne und
so umgehe ich Vaters Fragerei, falls er
mich doch auf meinem Weg zu Meister
Birkholz beobachtet hat. Mutter ist heute
 viel zu beschäftigt, um auf mich zu
achten, sie fragte nur, ob ich gleich nach
dem Essen den Baum in die Wohnstube
bringe, und das mache ich natürlich.

Wie an jedem Heiligenabend ist die
Wohnstube seit dem späten Vormittag
abgeschlossen, nachdem der große, bis
unter die Decke reichende Kachelofen
tüchtig durchgeheizt worden ist! Für den
Rest des Tages genügt dann ein Eimer
mit Briketts zum Nachlegen. Wenn ich
nun aber glaube etwas zu erspähen, als
Mutter die Tür aufschließt - ist nicht! -
der ganze Tisch ist mit Packpapier abgedeckt!
 — Nichts ist zu erkennen! Dann
Mutter: „Stell den Baum man gleich an
den richtigen Platz unter dem Fenster
beim Klavier. Die Gardinen hab’ ich
schon vor dem Mittag zugezogen, und
dann kannst du ruhig wieder gehen!“
Klick-klack machte der Schlüssel im
Schloss - natürlich von innen. Mich beruhigt:
 Den Fuß des Baumes oder gar die
Reparaturstelle hat Mutter mit keinem
Blick gewürdigt!

Beim Eintreten in die Stube am Abend
geht mein erster Blick verständlicherweise
 zum Fuß des Baumes - und von
der Reparaturstelle ist nichts zu erkennen,
 Gott sei Dank! Während der Adventszeit
 hat mich Herta jeden Tag in der
Schummerstunde an das Klavierüben erinnert.
 Während ich dann spiele, steht sie