gepranzelt. Er wollte kleine bunte Glasmurmeln
kaufen, weil Binders Ede auch
welche hatte.
Zwei Dittchen, der kleine Kerl wusste
gar nicht, dass man dafür schon ein halbes
Brot kriegte. Ärgerlich warf sie ein
paar Handtücher in die Schüssel mit
Waschlauge. Das war ja wohl nur eine
Kadderwäsche, nicht zu vergleichen mit
der, die im großen Kessel gekocht wurde.
Aber es musste auch mal so gehen.
Sie fühlte sich heute schon ganz abmarachelt,
dabei brachte der Wind so
schöne Seeluft rüber. So ein kleiner
Gnuschel, dachte sie wieder, aber heute
gebe ich nicht nach. Sie war viel zu gutmütig.
Wo der Willi bloß diese Dickköpfigkeit
her hatte?
Ei, kick an, da kam der alte Liedke
vorbeigebaschelt, sagte aber bloß „Morjen“
und ging vorbei . Doch jetzt kam
ihre Freundin Lisa Obrinka. Aber sie,
Anni, hatte heute keine Zeit zum Kaldreiern.
Lisa ruschelte Willi über den
hellblonden Strubbelkopp und dafür
heulte er dann um so lauter.
„Was quarrt der kleine Unasel?“, fragte
sie.
„Der probiert bloß was aus.“
„Trotzdem sieht er aber e bißche pisrich
aus, bald so wie Henseleits Katz, aber
die hat sich ja auch wieder zerkuffert.“
„Wie kannst du mienem Jung mött Henseleits
Katt verglieke, de Krät hätt bloß
siene Nosse, e kleen Mutzkopp deed dem
nuscht schoade.“
„Ei, Anni, dat hebb öck doch nich so
gemeent, ok kleene Hemskes könne Bukschmerze
hebbe.“
Was sie da nun gesagt hatte, war ja
noch schlimmer. Anni plusterte sich richtig
auf und meinte, dass ihr Mann ja nicht
der Größte sei und sie auch nicht, aber
sie wären doch keine Zweskezägel oder
ähnliches. Und in diesem Fall konnte sie
übrigens auf Beileid verzichten. Es dauerte
nicht lange und sie lagen sich in den
Haaren, wenn auch mit wohlgesetzten
Worten. Doch da sprang das Nachschrapselchen
auf und lief zu Mielkes
Franz, der hatte doch tatsächlich einen
Roller zum Geburtstag bekommen.
Die Frauen sahen sich an und fingen
an zu lachen.
„Naja“, sagte Anni dann, „wer hört auch
schon gern, dass sein Kind e bißche
verquiemt, spacheistrig und pisrig aussieht.“
Wir hatten wunderbare Ausdrücke, die
in sieben Jahrhunderten zusammengewachsen
waren. Alles was bei uns ein
bißchen klein geraten war, egal ob
Mensch, Gissel, Keichel, Kartoffel, Winken
oder das Schweinchen, es war eben
gnuschlig, e Gruschel, e Huschke, etwas
spillrich. Und ein kleines vorlautes Kind
konnte auch ein Gnabbel oder Gnubbel
sein.
Aber schon kam Willi vergnügt angerannt,
ihn dursterte und ihm esserte, aber
das ließ die Mutter nicht durchgehen.
Aber schon hatte sie ihm aus lauter Liebe
einen Runzel Brot abgeknuschelt und
dick mit weißem Schweineschmalz beschmiert.
Sie drückte es ihm in die Hand
und seine strahlenden Augen entschädigten
Anni wieder für alles.
Eva Pultke-Sradnick
Benzstr. 45
73614 Schorndorf
Tel./Fax: 07181-62843
Auf dem Qut Nohnen 1945
yVer tägliche Hunger ließ uns immer nen herunter lief und schämte mich un--L/wieder
versuchen, in den Gutsgärten säglich, denn ich war doch schon 6 3/4
der Russen etwas zu stehlen. Meistens
stand zumindest ein Posten außerhalb
oder innerhalb des Gartens als Wache.
Siegfried und ich hatten ausgekundschaftet,
dass in einem Garten nicht immer
ein Posten da war. Siegfried nahm mich
mit, weil am Zaun zwei Holzstaketen
fehlten, wo ich gerade durchpasste. Es
klappte prima, doch bevor ich die ersten
Karotten herausziehen konnte, ertönte ein
lautes unmissverständliches: „Stoi! Stoü“.
Das hieß stehen bleiben.
Mit Riesenschritten stürzte ein Soldat
auf mich zu. Bevor er mich griff, schlug
er ein paar Mal mit einer Lederpeitsche
knallend in die Luft. Mit zomgerötetem
Gesicht fasst er mich am Hemdkragen,
hob mich in die Höhe, schüttelte mich
mehrere Male und schrie auf mich ein.
Ich spürte, wie es mir warm an den Bei-Leserbriefe
Liebe Heimatfreunde,
es ist an der Zeit, „Danke“zu sagen für den
von mir vierteljährlich mit Spannung und
Freude erwarteten Heimatbrief.
Im Herbstbrief gab es für mich eine ganz
besondere Freude - auf der Rückseite
fand sich ein Foto mit meinem Zuhause,
dem Gasthaus Seefeld, meinen Eltern,
meiner Schwester. Mir blieb fast das Herz
stehen, so groß war meine Freude. - Danke,
danke.
Mit großem Interesse lese ich alle Berichte
über Treffen, kleine Anekdoten, Gedichte,
Reiseberichte und ganz besonders die
Berichte von Herrn Schumacher, die mir
meine Heimat näher bringen.
Ich war erst 11 Jahre alt, als wir Seefeld
verließen, also noch zu klein, um die Orte
rundherum zu kennen. Seefeld, ein klei-Jahre
alt.
Wieder einmal hatten wir es nicht geschafft,
etwas Essbares nach Hause zu
bringen. Warum lief ich damals nicht
einfach davon? Es war wohl die körperliche
Schwäche und die Angst, die mich
verharren ließ.
Erst viele Jahrzehnte später, nach
Aufarbeitung der deutschen Kriegsgeschichte,
konnte ich besser verstehen,
warum die Russen auch Kinder mitleidslos
straften, nur weil sie Deutsche waren,
der verhasste Feind, der ihnen soviel
Böses angetan hatte.
Rudi Jonischkeit
Lessingstraße 12
72663 Großbettlingen
nes Dörfchen mit ca. 200 Einwohnern.
Mein Onkel Walter Porr war hier Bürgermeister.
Die Schule, in der Herr Reich und
Frau von Koss uns das ABC beibrachten.
Die Poststelle, die Herr Schneidermeister
Mörser und Frau führten. Einige große und
kleine Landwirtschaften. Der Dorfteich, der
im Sommer, besonders aber im Winter
seine Reize hatte. Meine Freundinnen
Waltraut Schröder und Lottchen Schwabenberger.
- Alles war so schön und ist
unwiederbringlich verloren. Dankbare Erinnerungen
sind geblieben an eine wunderschöne
Kindheit.
Im Jahre 1994 war ich mit meinem Mann
in Seefeld. Der kleine Ort, der für mich so
viel bedeutete, war nicht mehr vorhanden.
Nur eine Hausruine, die es jetzt bestimmt
nicht mehr gibt, war zu sehen. Der Dorf-