Vaters schwerer Schafspelz
^W^iele Stunden hatte mein Bruder
y ^Siegfried Vaters schweren Pelz
der Flucht getragen. Von
morgens früh bis in den späten Abend
zog er ihn fast in den Boden hinein. Das
ging Wochen und Monate so. Wenn wir
erschöpft in einem Notquartier ankamen,
deckte er sich damit zu. Siegfried war
damals zwischen neun und zehn Jahre alt.
Mit der Zeit kamen wir auf die Idee,
unsere noch nicht geplünderten Wertgegenstände
in den Pelz einzunähen, was
Mutter dann besorgte. Es waren einige
tausend Reichsmark und ein paar Bernsteinketten,
sowie Armreifen. Es funktionierte
sehr gut und keinem gefiel Vaters
schwerer Pelz mit dem grauen Fischgrätmuster.
Im Jahre 1947, im Juli, fuhr uns unser
Opa zur Bahnstation. Wir hatten unseren
Vater in Niedersachsen gefunden, mit
Hilfe des Roten Kreuzes. Endlich durften
wir ausreisen. Mit uns waren viele
Familien, das heißt: Frauen und Kinder,
auch alte Menschen. Sie alle wollten gen
Westen, weil man ihre Angehörigen gefunden
hatte.
Auf dem Bahnhof war der Sammelplatz.
Es wimmelte auch von polnischen Uniformen.
Nach der Papierkontrolle wurde
höchst offiziell noch einmal geplündert.
Obwohl Siegfried Vaters Pelz angezogen
hatte, wurde er dieses Mal nicht
verschont. Ein Uniformierter deutete auf
Siegfried und ging auf ihn zu, um sich
das Kleidungsstück anzueignen.
Siegfried hielt den Pelz fest, was den
Zorn des Uniformierten nach sich zog.
Er nahm den Jungen, hob ihn auf und
warf ihn ins Eck. Dann riss er ihm den
Pelz weg und sagte sehr laut: „Njemez,
Du nix brauchen!“ Wir verloren außerdem
noch ein Federbett. Der Bedarf in
Polen war damals auch sehr groß. Siegfried
meinte Jahrzehnte später: „Wenigstens
habe ich versucht, den Pelz mit Inhalt
zu retten.“ Er war damals 11 Vi
Jahre alt.
Rudi Jonischkeit
Lessingstraße 12
72663 Großbettlingen
Tel. 07022/46966
Der Schulweg
Unser
Weg zur Schule vom Gut Kalk-Kumehnen
nach Pojerstieten führte
uns an der Wasserpümpe
vorbei, über die Brücke vom
Forkener Fließ, links am
Haus von Schneider Mielke
entlang. Etwas weiter rechts
war ein kleiner Teich, den
wir als „Katte-Diek“ bezeichneten,
hochdeutsch Katzenteich.
Hier mussten die großen
Jungs, die überzählig geborenen Katzen,
in alte Strümpfe gehüllt, ersäufen.
Auf diesem Teich tummelten
sich in der schneeund
eisfreien Zeit immer die
Gänse vom Gut. Häufig versperrten
sie schreiend und
zischend den Weg. Es half
nur immer schnelle Flucht.
Die Wiese rechts davon
war manchmal mit Jungbullen besetzt,
sodass es kein Ausweichen gab. Einmal
hatten mich die Gänse eingekesselt und
meine nackten Beine ziemlich schmerzhaft
zugerichtet, so dass ich heulend in
die Schule kam.
Vater sagte mir, dass ich mich wehren
müsste. Es war schwierig, die Angst zu
überwinden, nur weil der Vater das wollte.
Irgendwann in den kommenden Wochen
passierte es wieder, dass die Gänse
mir nahe auf den Pelz rückten.
Die Angst war wieder gegenwärtig
Trotzdem nahm ich den vordersten Gänsehals
mit beiden Händen und hielt
krampfhaft fest. Zuerst schlug der Gänserich
heftig mit beiden Flügeln. Plötzlich
hatte er keine Gegenwehr mehr. Er
fiel zu Boden und schnappte mühsam
nach Luft. Die ganze Schar wich schnatternd
zurück und ich konnte zu meiner
Überraschung ungebissen Vorbeigehen. In
der nachfolgenden Zeit wichen mir die
Gänse immer aus. Der Schulweg rief nun
keine Ängste mehr bei mir hervor.
Rudi Jonischkeit
Die wunderbare Kraft der Sonne
fui T..“ entfuhr es ihr ungewollt,
ls sie aus dem Fenster nach
draußen sah. Was für ein Wetter!
Gi&u und neblig, und dazu noch Regen,
und was für ein Regen, wie aus Eimern
goss es. Drinnen war es gemütlich und
warm, aber es half alles nichts,
sie musste hinaus, einkaufen,
der Kühlschrank war leer.
Bewaffnet mit einem
besonders großen Regenschirm
verließ sie das
Haus. Unwillkürlich zog sie
den Nacken ein. Ausgerechnet
heute hatte sie die neuen
Schuhe an - es ist ja nur ein
bisschen Wasser, redete sie sich ein,
aber um die neuen Schuhe tat es ihr nun
doch leid. Den Blick auf den Bürgersteig
gerichtet, damit sie ja nicht auch
noch in eine tiefe Pfütze trat, ging sie in
Richtung Markt. Die Bürgersteige könnte
die Gemeinde endlich auch einmal reparieren,
dachte sie brummig, aber nein,
immer gibt es wichtigere Dinge zu tun,
an die Fußgänger dachte scheinbar niemand.
Der Markt brachte auch keinen
Sonnenstrahl zum Vorschein. Dort schoben
sich die Leute gegenseitig, da war
ein altes Ehepaar, das untergehakt gemächlich
vor sich hinspazierte, so dass
niemand daran vorbei kam, wo man
es doch so eilig hatte. Schirme
und volle Taschen machten
den Einkauf nicht angenehm.
Nur schnell wieder weg
von hier. Vorher noch ins
Geschäft gegenüber, das
würde schnell gehen. Aber
sie hatte sich verrechnet, auch
dort wartete eine Menge Leute daraufbedient
zu werden, und die alte Frau,
die jetzt noch zur Türe herein kam und
versuchte sich vorzudrängen, kam bei
allen schlecht an.
So, nun schnell zum Bus - da fuhr er
schon, am liebsten hätte sie ihm hinterher 77