Full text : Unser Schönes Samland

Bei Einbruch der Dunkelheit versteckten
 wir uns mit noch einigen anderen
Leuten im Schilf und Rohr am Rande
des zugefforenen Haffes in der Hoffnung,
dass die deutschen Truppen die Russen
noch einmal Zurückschlagen würden;
zumal auf der gegenüberliegenden Kurischen
 Nehrung bei Sarkau noch deutsche
Truppen waren.
Nach fünf bitterkalten und hungrigen
Nächten fanden uns russische Suchtrupps.
Die darauf folgende Nacht verbrachten
wir mit etwa 20 Personen in einem Insthaus
 in Eythienen. Es war eine der grauenvollsten
 Nächte, ganz besonders für die
jungen Mädchen und Frauen. Eine mir
bekannte junge Frau wurde in dieser
Nacht von 23 Rotarmisten vergewaltigt.
Am nächsten Tag trieb man uns in großen
 Trecks über Sudnicken und Gallgarben
 in Richtung Osten. Übernachtet
haben wir in Scheunen und Stellungen
immer mit der Angst, irgendwann erschossen
 zu werden; zumal die Aufforderung
 von Stalins Chefideologen Ilja
Ehrenburg bestand, jeder russische Soldat
 solle mindestens einen Deutschen am
Tag töten.
In dem Treck war unsere Verwandtschaft
 auseinander gerissen worden. Meine
 Mutter und wir drei Kinder waren mit
einer anderen Familie aus meinem Heimatort
 Schaaksvitte zusammengeblieben
und „quartierten“ uns im März 1945
zunächst in Adl. Legitten ein. Überleben
konnten wir von Kartoffeln aus den vorhandenen
 Mieten. Hier und da lag auf
dem betreffenden Gut noch ein totes
Schwein, dem Fleischteile entnommen
wurden. Immer wieder tauchten nachts
die Bestien unterschiedlicher Rassen auf
und vergewaltigten die deutschen Mädchen
 und Frauen.

Am 2. Osterfeiertag 1945 vertrieben
uns die russischen Soldaten aus Adl.
Legitten und ich wurde als damals 14-jähriges
 schmächtiges Kerlchen von der
Mutter und meinen Geschwistern getrennt
 und. nach Schakaulack (südlich
von Labiau) in ein Lager gebracht. Dort
befanden sich etwa 30 gleichaltrige Jungen.
 Nachts holte man uns zum Verhör:
ob wir Brücken gesprengt, Trinkwasser
vergiftet oder auf russische Soldaten geschossen
 hätten. Sofern die Fragen wahrheitsgemäß
 verneint wurden, gab es
Schläge, bis wir wahrheitswidrig die Fragen
 bejahten. Fast alle zwei Tage fuhr
ein russischer LKW vor und stets wurden
 einige der Jungen abtransportiert.

Nach etwa zwei Wochen, unsere
Bewacher waren stark betrunken, flüchtete
 ich mit noch sieben anderen Jungen
in der betreffenden Nacht aus dem Lager,
 es mag ca. 4 Uhr morgens gewesen
sein.
Über Labiau gelangten wir östlich der
Deime und hielten uns danach wochenlang
 in den Wäldern bei Labiau und der
Elchniederung auf. Zum Glück war das
Frühjahr 1945 sonnig und für die dortigen
 Verhältnisse nicht so kalt. Wir ernährten
 uns von Fischen und Kartoffeln. -
Zwischenzeitlich hatte die deutsche
Wehrmacht kapituliert.
Nun beschlossen wir Jungen entgegen
den Anweisungen in Richtung Westen
zu ziehen. Entlang des Kurischen Haffes
entdeckten wir bei Agilla ein leer stehendes
 Fischerboot. Sechs der Jungen legten
 sich flach ins Boot und zwei ruderten
 oberhalb der Deimemündung nach
Labagienen, wo wir gegen Abend eintrafen.
 Nachdem wir die Nacht in einem
Heuschober verbracht hatten, trennten

wir uns und jeder versuchte, seine Angehörigen
 zu finden.

Zunächst fand ich meinen Großvater
wieder. Meine Mutter und meine Geschwister
 trafen im Herbst 1945 in unserem
 Heimatort ein. Die Brutalitäten der
russischen Soldaten hatten inzwischen
nachgelassen und wir fanden allmählich
wieder zur „Normalität“ zurück.
Im Sommer 1946 mussten wir auf Anweisung
 unseren Heimatort Schaaksvitte
verlassen und „siedelten“ uns in der Domäne
 Schaaken in einem der leer stehenden
 Insthäuser ein. Wie viele der Ortschaften
 gehörte auch Schaaken zur russischen
 Sowchose 73 mit der Kommandantur
 in Gallgarben. Bis zum Wintereinbruch
 1946/47 arbeitete ich u. a. in
der Landwirtschaft. Dafür gab es einmal
in der Woche ein Brot, etwas Zucker und
einige Löffel Graupen. Es versteht sich
von selbst, dass man davon nicht existieren
 konnte. Demnach blieb uns nur das
„Organisieren“ (Klauen). Wurde man
ertappt, gab es Fußtritte. Einige Mütter,
welche die russischen Soldaten beim
Stehlen von Kartoffeln erwischt hatten,
wurden nach Schauprozessen zur Zwangsarbeit
 nach Russland verbannt.
Der Winter 1946/47 brachte mitunter
38 Grad Kälte. Fast die Hälfte der dort
verbliebenen Deutschen verhungerte. Es
war ein Massensterben. Sofern die noch
Lebenden die Kraft hatten, wurden die
Toten zur Kirche Schaaken gebracht und
dort in der Kirche oder auf dem Friedhof
 niedergelegt. Angesichts des strengen
 Frostes war es nicht möglich Gräber
zu schaufeln; auch reichten die Kräfte
dazu nicht aus. Nach der Frostperiode
wurden die Leichen in einem Massengrab
 verscharrt.

Ganze Familien sind dem Hungertod
zum Opfer gefallen. Sofern Kinder zurückblieben,
 gingen diese vielfach nach
Litauen, wo sie bei liebevollen Menschen
eine Unterkunft und Essen bekamen.
Dieses sind die so genannten 3.000
Wolfskinder, die ohne ihre Eltern ihre
Identität überwiegend verloren haben.
Im August 1948 erhielten wir den Befehl,
 uns in Schaaken in einem Saal einer
 ehemaligen Gastwirtschaft für die
Ausweisung nach Deutschland einzufinden.
 Ich muss gestehen, dass die Ausweisung
 angesichts bis dahin erlittenen
Entrechtungen und Qualen eine Gnade
und Wohltat war.
Wir waren einige Jahre völlig rechtund
 wehrlose Zwangsarbeiter gewesen.

Den Müttern, die ihre Kinder trotz der
Entbehrungen und Entrechtungen über
diese Jahre durchgebracht haben, gilt
meine Hochachtung und Verneigung.
Sich dieser Frauen und Mütter dankbar
zu erinnern, ist unsere Pflicht.

Es ist erwähnenswert, dass ich keine
Rache- oder Hassgefühle gegenüber den
russischen Menschen hege. Die russischen
 Menschen haben sich unter dem
Stalinismus ebenso missbrauchen lassen,
wie das deutsche Volk in der NS-Zeit.
So etwas darf sich nie wiederholen.

Herbert Laubstein
Amselstraße 29
58285 Gevelsberg
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