Stadt in Trümmern lag. Und in der Nähe
des Bahnhofs stand ein abgebrannter
Turm. Die Russen hatten im Bahnhof die
wartenden Menschen aufgeteilt und ließen
durch eine Schleuse immer nur eine
geringe Anzahl von Deutschen durch. Als
wir an der Reihe waren, stellten wir fest,
dass mein kleiner Bruder Gerd verschwunden
war. Mutter hatte fürchterliche
Ängste durchlitten, bis sie ihn wieder
gefunden hatte, nachdem wir noch Verpflegung
erhalten hatten. Übrigens waren
das amerikanische Spenden, die wir
den Russen teuer bezahlen mussten. Dann
ging’s rein in die Güterwagen. Dort war
aus Brettern und Bohlen zusätzlich eine
weitere Etage eingebaut. Das hatte sich
aber nicht bewährt, denn durch das Gerüttel
und Geschüttel verschob sich die
Konstruktion und drohte herabzustützen.
Wahrscheinlich hatte ein Russe die Nägel
gestohlen. Deshalb wanderten die
Bretter in den kleinen Ofen, der in dem
Güterwagen Wärme spendete. Und die
Sorgenauer und Palmnicker lagen dicht
gedrängt drum herum und wärmten sich
gegenseitig. Nachdem sich der Zug in
Bewegung gesetzt hatte - es muss wohl
in südliche Richtung gegangen sein -
waren auf den Schienen viele zerstörte
Lokomotiven und Waggons zu sehen.
Noch lange fuhr der Zug daran vorbei.
Die erste Zeit lag ich ja noch auf der
obersten Etage und konnte durch eine
kleine Luke etwas sehen. Nach langem
Hin und Her und wiederholtem Stillstand
erreichten wir endlich die Weichselbrücke,
die wir langsam überfuhren. Im
ganzen Zug pflanzte sich ein Lied fort:
„Nun danket alle Gott“.
Als der Zug schließlich in Polen anhielt,
drängte alles hinaus, denn die Gerüche
im Wagon waren schrecklich und
die hygienischen Vorrichtungen katastrophal
bzw. nicht vorhanden. Die Polen
aber bewarfen uns mit Steinen, an den
Gleisen lagen ja genug herum. Mein Bruder
Gerd wurde dabei am Knöchel getroffen.
Er musste später deswegen einen
orthopädischen Schuh tragen.
Der Zug setzte sich abermals wieder
in Bewegung und nach vielen Tagen des
Hin und Hers landeten wir in der Nähe
von Storkow. Der Zug hielt auf offener
Strecke. Wir hatten nur ein Ziel: Raus
und bewegten uns quer übers Feld über
Stock und Stein hin zu einem Barackenlager.
Später stellte sich heraus, dass
Busse zum Abholen bereit gestanden hatten.In
diesem Auffanglager, es lag am
Wald und See, wurden wir das erste Mal
sortiert, entlaust und eingewiesen. Die
Verpflegung war zwar ausreichend, aber
wir waren ja so ungeheuer ausgehungert.
Ich ging hinter die Küchenbaracke, um
Kartoffelschalen zu suchen. Am anderen
Tag gab es keine mehr, sie waren eingegraben
worden.
Langsam lebte man sich ein und traf
sogar diesen und jenen Bekannten wieder.
Mutter war ständig unterwegs. Es
gab in diesem Lager auch eine Kulturbaracke
mit Kino. Es wurden Stummfilme
gezeigt, was wir Kinder toll fanden.
Es ging uns gut.
Raus durften wir allerdings nicht, obwohl
manche haben es trotzdem gemacht
haben. Nach einiger Zeit bekam Mutter
die Nachricht, dass wir nach Heikendorf
bei Kiel zu Tante Herta, Mutters Schwester
durften. Wieder zur Entlausungsbaracke,
wieder das giftige DDT-Pulver
in Hemd und Hose. Dann ab mit dem
Zug in Richtung Friedland.
Und hier wieder: Entlausung! DDT
Pulver, puff, puff, dass es einem aus dem
Genick heraus kam. Die Kleider kamen
in eine Gaskammer, nach einer Stunde
konnte man sie wieder anziehen. Alles
wurde gezählt und registriert. Nach einer
Nacht dort wieder rein in den Zug,
der total überfüllt war. Jeder war sich
selbst der Nächste. Irgendwann und
irgendwie kamen wir schließlich in Kiel
an. Mit der Fähre sollte es weiter nach
Heikendorf gehen, sie fuhr aber nicht.
Und so kamen wir erst am Abend an.
Nach Möltenort war es noch ein Stück
zu gehen. Einige Kinder spielten auf dem
Weg. Plötzlich blieb Mutter stehen: „Bist
du nicht der Hans Schock“ fragte sie einen
der Jungen. Er war tatsächlich der
Sohn ihrer Schwester, sah uns erstaunt
an, zeigte uns dann aber, wo seine Mutter
wohnte.
Da gab es nun auch Überfüllung. Der
Emst und Manfred schliefen von nun an
auf dem Kutter. Und Mutter sagte zu ihrer
Schwester: „Doa kick, wat wi mötgebrocht
häbe, e Pungel möt Nuscht.“
Eckhard Kranke (ehemals Sorgenau)
Braakländsweg 17
28259 Bremen
— Die alten Fischer
^tfYVer kannte sie nicht, die alten Fi-Sy
\\scher? Ihre Gesichter waren
f^^mraun, gegerbt von Wind, Sonne
und Regen. Bei manchem sah sie etwas
lederartig aus. Die Augen zeigten oft
ein verwaschenes Blau und wurden nur
als Schlitze getragen. Ja, eben, ebendchen,
sagten wir. Aber wenn man über
Jahre bei Sturm, Regen und Wind
draußen auf See war, da kneistete man
schon mit den Augen etwas. Oder haben
Sie schon mal einen Fischer mit Sonnenbrille
gesehen? Im Sommer sahen lange
weiße Hemdsärmel aus ihrem Lievke
heraus. Sie kennen kein Lievke? Ich
erzähl’s gleich. Ein Lievke ist ein Leibchen,
gehörte zum guten Anzug. Lievke
ist eben plattdeutsch. So viele Anzüge
trugen die Einheimischen aber nicht und
ich bin überzeugt, dass da manch städtisches
Stück am Strand von den Fischern
getragen wurde. Denn unser Sorgenau
war damals das, was man heute einen
Geheimtipp nennt. Wunderschön gelegen,
der Badestrand lang und steinfrei,
am Anfang nicht gleich in Untiefen versinkend.
Der Sandstrand war fast schneeweiß.
Fast ein bisschen wie Pfeffer und
Salz, allerdings nicht zu viel schwarzer
Pfeffer. Alles bildlich natürlich. Gute und
natürliche Wege, einigermaßen in Ordnung
gehalten, führten gemächlich hinunter.
Seeberg und Küste waren bei uns eine
Bezeichnung. Es war da nicht überall begehbar,
aber die Fischer hatten sich schon
an einigen Stellen ein „Kiekut“ geschaffen,
wo sie stundenlang stehen konnten
und auf die herunterkommenden Boote
warteten. In meiner Kindheit standen
auch schon Bänke, aber wie gesagt, sie
waren den Fischern Vorbehalten. Man saß
meistens nur einmal da. Viel sprachen sie
nicht, aber der Fremde ging dann meistens,