Die Fähre Russendamm in Pillau
/ \ \ illau, die kleine, von Ostsee und
\Frischem Haff umspülte Stadt,
■^►'verdankte ihren Hafen einem künstlich
aufgeschütteten Damm, dem so genannten
Russendamm, denn Russen hatten
ihn errichtet. In den Jahren 1758 -
1763 hielten sie Ostpreußen besetzt, eine
Koalitionsvereinbarung mit den Österreichern
während des Siebenjährigen
Krieges, den Preußen gegen Österreich
führte.
Der Dammbau, eine arbeits- und
materialaufwendige Tat, war dennoch
eine weise. Der Russendamm machte aus
einer weiten, natürlichen Bucht einen
schmalen Einfahrtshafen, 100 m breit,
700 m lang. Der hintere Teil blieb bestehen
als geschützter Liegeplatz für Schiffe
aller Art. Zu meiner Zeit lagen dort
die Boote der Marineartillerie, die Fischkutter
und während des Krieges eine U-Boot-Flotte.
Auf dem Russendamm lag das Hafenbauamt
mit seinen Werftanlagen und einer
Reihe von Wohnhäusern für Angestellte
des Bauamtes. Auch wir wohnten dort.
Die Stadt Pillau lag auf der gegenüberliegenden
Seite. Sie war nur mit einer
Fähre zu erreichen, wollte man den
langen Weg um den Hinterhafen herum
vermeiden.
Unzählige Male fährt Wiebke über den
Hafen, hin und zurück: Wenn sie zur
Schule will, zum Turnverein, zur Klavierstunde,
zum HJ-Dienst, zum Bahnhof,
zum Einkäufen, zum Schlittschuhlaufen,
zum Baden am Nordermolenstrand
oder am Strand auf der Nehrung.
Fahrzeit jeweils 5 Minuten, manchmal
länger, vor allem im Winter, wenn Eisschollen
das zügige Fahren und Anlegen
behindern. Die Fähre ist nämlich ein
breites, etwas plumpes Schiff, nicht sonderlich
manövrierfähig. So geht ihr im
Winter die Puste aus und ein Schlepper
muss sie vertreten. Der ist ein schwarzes,
schweres Arbeitsschiff, ohne Dach,
ohne Kajüte für die Fahrgäste, wie es die
gemütliche, behäbige, grau angestrichene
Fähre aufweisen kann. Der Schlepper
macht überdies einen Umweg über den
Vorhafen, wo sich die Eisschollen nicht
gar so drängeln, aber da ist’s dann auch
kälter, der Wind kommt aus erster Hand.
Schön ist es, wenn der Hafen zufriert
und alle wunderbar schnell auf die andere
Seite laufen können. Doch das geschieht
selten, denn ein ordentlicher Hafen
darf nicht zufrieren. Die „Hafenbau“
hat Eisbrecher. Einer heißt „Odin“, stark
wie sein Vorbild, der eisenharte Germanengott.
Er bricht mit Gekrache und
Getöse eine Fahrrinne. Bis heute sehe ich
sie vor mir, die blau, türkis und silbern
schimmernden Bruchkanten der Eisschollen,
dick, scharf, mit Gewalt sich gegenseitig
schiebend, als spielten sie Eiszeit.
Der Winter, immer war er „kernfest und
auf die Dauer.“
Und da steh mal eine an der Anlegestelle
und warte auf die Fähre, die manchmal
zum Halse heraushängende Fähre!
Wiebke kann ein „Fähre-Winterlied“ singen:
So steht sie da, die Schultasche unterm
Arm, sie von links nach rechts wechselnd,
um die jeweils frei gewordene
Hand in die „Fup“ zu stecken. Trägt sie
Schlittschuhe, zerren die schweren Dinger
nach unten, lassen die Schultern
schmerzen. Ist es der Tumbeutel, drehen
sich dessen Schnüre um die eiskalten Finger
bis zur Blutleere. Das Einkaufsnetz
ist ebenso lästig und im Wege wie die
Klaviemoten. Alles ist im Wege, denn
Wiebke muss sich ja bewegen, muss hin-72
und hertrampeln, auf- und abhüpfen,
damit die inzwischen gefühllos gewordenen
Zehen nicht vollends erfrieren.
Sie sollen warm werden, werden sie
aber nicht, sie fangen an, weh zu tun.
Dann denkt sie an die kommende Nacht,
wo der „Frost“, der in den Zehen steckt,
unter der warmen Bettdecke nicht aufhören
will zu jucken, trotz der Frostsalbe,
dieser grünen, schmierigen, die so
nach Kampfer stinkt.
Ach, wann endlich kommt sie, die
Fähre! Wann endlich bin ich zu Hause!
Wenn ich da erst bin, wird Mutti mir die
vereisten Schnürsenkel lösen müssen,
weil meine Hände noch viel zu klamm
sind.
Mutti wird mir couragiert und ohne Erbarmen
die nackten blauen Füße rubbeln.
Das erstarrte Blut wird langsam zu fließen
beginnen, wird kribbeln und kitzeln
bis in die äußersten Zehenspitzen. Sie
sehnt sich ins häusliche Wohnzimmer, wo
langsam die ganze Wiebke wieder warm
werden wird, wo ihre Wangen glühen
werden wie rote Kohlen. Sie muss nur
kommen, die doofe alte Fähre! Alles nur
wegen ihr! Merkwürdig, schließlich, auf
einmal, völlig unerwartet, kommt sie
ganz von selbst angefahren. Wie ist das
möglich? Man hatte sie schon fast vergessen.
Und lächelt sie nicht sogar ein
wenig?
Fähren
Fähren sind nach meiner Ansicht dazu
da, dass Menschen auf sie warten. Das
ist ihr tiefer Sinn, ihr Mythos, geheimnisvoll,
sagenumwoben. Bei diesen Gedanken
merke ich,
wie sehr ich meine
Fähre liebe, denn
sie ist eine echte
Fähre. Es gibt andere.
Die habe ich
später kennen gelernt.
Potthässliche
Ungetüme, die von
Dagebüll über Föhr
nach Amrum fahren.
Nach festem
Fahrplan, versteht
sich. Tidenunabhängig
eingeschworen,
denn die Fahrgäste
haben bezahlt. Sie
wollen keine Zeit verlieren, denn sie fahren
auf Urlaub, um Ruhe zu finden am
anderen Ufer.
Echte Fähren, die stehen am anderen
Ufer. Ich sehe sie da, wo ich noch nicht
bin, wohin ich aber gern möchte. Ich sehe
den Fährmann, sehe auch seinen Gehilfen,
den Anlegejungen. Der Fährmann,
im Steuerhäuschen sitzend, schaut den
Möwen nach. Der Junge, über die Reling
gebeugt, schaut ins Wasser, wo Stichlinge
in Schwärmen vorbeischwimmen.
Über allem liegt eine große Ruhe, bis der