wenn der Platz immer kürzer wurde, von
selbst. Schön war es bei uns, herrlich!
Es war so groß, weit und es war so viel
Sand da, dass wir Burgen schaufelten.
Keine Ritterburgen, das auch, aber die
waren für Kinder und unten am Wasser.
Wir bauten sie groß, so dass ganze Familien
drin längelang lagern konnten. Es
war dann meins und manchmal war auch
noch am Ausgang so was wie ein
Mäucherchen gemacht, zur See hin. Mit
Muscheln und Steinen kennzeichnete man
seinen Heimatort oder es hieß nach dem
Namen der Liebsten. Eigentlich war man
damals freizügig bei uns und es wurde
auch als natürlich angesehen. Da rutschte
schon mal ein Busen beim An- oder
Ausziehen freihändig nach draußen, mancher
Mann mag vielleicht bisschen gieprig
gekuckt haben, aber es war ja alles
natürlich. Und Muttche war auch nicht
die Schlankeste. Die Dickeren trauten
sich auch nicht so richtig in Freiheit zu
sitzen, die blieben im seidenen Unterrock.
Omi hatte den alten Regenschirm
aufgespannt. Blieb man natürlich ein
paar Wochen, dann hatte Vater zu Hause
schon einen Windschutz aus Nesselstoff,
Stangen, Bindfäden und Heringen gebaut.
Das waren die, womit man den
Windschutz arretierte. Um die kleinen
Kinder brauchte man sich nicht zu sorgen.
Wenn das Wasser ruhig war, konnte
man ohne Bedenken die Augen schließen.
Das laute Gekreische und Rufen
gehörte natürlich auch dazu. Wer das gar
nicht vertragen konnte, der musste eben
weiter nach Nodems gehen. In Richtung
Palmnicken war es steiniger.
Jetzt bin ich ja vom Lievke abgekommen.
Es war die Weste vom guten Anzug
oder ein Gilet, wie der Franzose sagt.
- I — Qewagte Flucht aus Pobethen
Bei uns zu Hause wurde viel Plattdeutsch
gesprochen, selbst wenn die Mädchen
auch alle behaupten, dass sie es nicht gesprochen
haben. Unbewusst haben wir es
alle gekonnt. Oder stellt Euch mal vor,
dass in unseren Fischerdörfern von den
Einheimischen feinstes Hochdeutsch geredet
wurde. Jeder, der es probiert hätte,
wäre doch ausgelacht und verteufelt worden.
Und als mein Bruder in der Lehre
in Preußisch-Eylau war, schrieb er an
meine Mutter: Schickt mir doch mein
„Leifchen“. Er schrieb ja hochdeutsch,
hat sich wahrscheinlich seinen Kopf zermartert
wie dieses Kleidungsstück wohl
heißen möge. Ich weiß, dass meine Mutter
lange rätselte, aber dann doch die richtige
Entscheidung traf.
Das will aber nicht heißen, dass wir
kein gutes Hochdeutsch konnten. Mein
Vater hat in Germau noch auf Erbsen
gekniet, beim alten Lehrer Knoll (1896).
Die Sorgenauer mussten damals noch
nach Germau in die Schule gehen, später
nach Palmnicken. Es gibt so viel zu
erzählen, meine lieben Samländer. Wir
haben ja gar nicht gewusst, wie schön
wir es hatten. Wir nahmen es als so selbstverständlich
hin, weil wir meinten, es
müsste uns auf ewig bleiben. Schade um
unsere Ostsee, gerade auch in Sorgenau.
Wenn da keine Sintflut kommt, wird in
100 Jahren niemand wissen, dass da weißer
Sandstrand war. Gebt Euer Gedankengut
weiter, schreibt auf.
Eva Pultke-Sradnick
Benzstr. 45
73614 Schorndorf
Nach
dem Einmarsch der russischen
Armee in Pobethen im Februar 1945
war in der Lehrerwohnung Valentin in
der alten Schule ein Waisenheim eingerichtet
worden, in dem bis zu 300 Kinder
untergebracht waren. Die Ernährung
war aufgrund des Mangels an Lebensmitteln
katastrophal.
Die Köchin Emma Sareyka und die
junge Hildegard Scheer konnten daran
nicht viel ändern und die Not kaum lindem.
Die Töchter Elsa und Ruth Sareyka
waren auch ständig vor Übergriffen zu
beschützen. Frau Sareyka erkannte unter
den Heimkindern die kleinen Töchter
Iris und Ina der Familie Lange aus
Paggehnen, wo sie bei vielen Festlichkeiten
gekocht hatte. Die beiden kamen
in die Obhut der 21-jährigen Hilde, die
die beiden Mädchen als die Töchter ihrer
verstorbenen unverheirateten Schwester
ausgab, um sie aus dem Heim zu bekommen.
Die Hilde Scheer hatte zuvor
das Elend so vieler ostpreußischer Frauen
erfahren müssen, war eingesperrt
worden, weiter über Neukuhren bis Cranz
nach Königsberg gebracht, jedoch nicht
zur Deportation nach Sibirien verschleppt.
Lebensmittelsuche war die alltägliche
Aufgabe.
Vom Hof Lange nahm sie noch häufig
kleine Beutel mit Weizen mit, bis sie ertappt
wurde; sie widersetzte sich aber auch
der Brigadeurin Menkenhagen furchtlos.
Beim Kohlenklau auf dem Hähnchenberg
wurde eine gefundene Kiste Eingewecktes
als Geschenk des Himmels angesehen,
mitgenommen und redlich geteilt.
Die über 50-jährige Frau Sareyka
weihte die Hilde in ihren Fluchtplan ein.
Sie hatte noch etwas Geld und zwei Handim
Sommer 1946
wagen wurden organisiert. Im Spätsommer
1946 wurden die beiden Lange-Töchter
darin verpackt und der Weg Richtung
Königsberg eingeschlagen. Eine Übernachtung,
weiter ging es nach Brandenburg
ans Frische Haff. Dort trafen sie
auf zwei Männer, die gleichfalls fliehen
wollten. Über die Handwagen wurde je
eine Hälfte einer aufgeschnittenen Blechtonne
als Dach gestülpt und die beiden
kleinen Lange-Töchter darunter gebettet.
Man übernachtete in einem leerstehenden
Haus - ein Ruderboot wurde gestohlen
und bestiegen, es war jedoch zu klein
für acht Personen und wäre wohl gesunken.
Ein zweites Boot musste also gestohlen
und versteckt werden. Der jüngere
der beiden Männer hatte es auf das
Geld von Frau Sareyka abgesehen, fand
in dem Älteren jedoch keine Unterstützung
für seine Pläne und musste sich von
der Gruppe entfernen.
Gemeinsam gelang die Flucht über das
Haff nach Tolkmitt ins polnische Gebiet.
Dort wurden sie von einem Deutschen
angehalten und nach Elbing gebracht.
Hilde, der Mann und die Lange-Töchter
galten als die „Familie“ Scheer.
Verhöre nach dem Woher und dem Wohin,
Zweifel an der Glaubwürdigkeit der
Angaben kamen auf. Man versuchte
auch, der Hilde die beiden blonden Mädchen
abzukaufen, denn man glaubte ihr
nicht, die Mutter der älteren Iris zu sein.
Arbeit auf dem Acker, in einer Schuhmacherei,
Schneefegen und Haushaltshilfe
hielt die „Familie“ am Leben. Der
Mann war auch als Uhrmacher tätig. Bis
zur Ausgangssperre um 21 Uhr musste
die Familie immer beisammen sein.
Es wurde September 1947, bis mit ei-78
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