ließ. Der Anblick der ersten russischen
Uniform verursachte allerdings in mir ein
angstvolles Zittern.
Bei der zweiten Reise, die ich mit meiner
Frau 1997 unternahm, war ich viel
ruhiger. Wir nahmen uns auch mehr Zeit,
fragten auch nach manchen Orten, und
warum sie nicht mehr existierten. Es
wurde uns Folgendes erzählt: „Durch die
erbitterten Kämpfe gingen viele Gebäude
zu Bruch. Unter der Herrschaft von
Breschnew wurden Dörfer abgerissen und
es entstanden aus diesen Trümmern Flugbahnen
für das russische Militär.“
Ganze Landstriche sind versteppt. Die
Natur hat sich die frühere Kornkammer
zurückerobert. Wir haben auch weitere
„sterbende“ Dörfer gesehen, wo nur alte
Menschen und Störche leben, in desola-—
Qeliebtes Wangnicken
/ ^ ^ p r ein paar Jahren zog ich in ein
j l i2.200-Seelen-Dorf in Hessen
und immer, wenn ich mit dem
Auto zu meiner Arbeitsstätte in der
nächstgelegenen Kleinstadt fuhr, kam ich
an einem Haus vorbei, das inmitten seiner
Vorderfront ein mir vertrautes Wappen
schmückte: Die Elchschaufel mit dem
Preußenadler! Die handwerklich gelungene
schmiedeeiserne Arbeit ziert die
gelb geklinkerte Fläche in edler Zurückhaltung.
„Hier muss doch ein Ostpreuße
wohnen“, ging es mir jedes Mal durch
den Kopf - und eines Tages fasste ich
den Mut nachzufragen. Zu Fuß machte
ich mich auf den Weg, klingelte an der
Haustür, eine Dame mit schönen, klassitem
Zustand die Menschen. Im Sommer
liegt eine freundliche, bunte Blütendecke
über dem Land. Die Störche fliegen klappernd
in ihre Horste. Dieser Eindruck
macht fast vergessen, was vor über fünfzig
Jahren für grausame Kämpfe, Qualen,
Tod, Vergewaltigungen, Verschleppungen
an der Tagesordnung waren.
Meine Vorstellung, als ehemaliger Bewohner
von Ostpreußen, für die Zukunft
des Landes sieht folgendermaßen aus:
Friedliche Aufteilung des Landes an Litauen
und Polen, damit das Land wieder
eine Zukunft hat.
Rudi Jonischkeit
Lessingstraße 12
72663 Großbettlingen
Tel. 07022/46966
sehen Gesichtszügen öffnete mir, ich
stellte mich vor und drückte geradeheraus
meine Frage aus, ob hier ein Ostpreuße
wohne, denn ich stamme auch aus Ostpreußen.
„Ja“, sagte die Dame, „das bin
ich selbst, kommen Sie doch herein.“ -
Und so entstand eine Verbindung, die bis
heute gehalten hat und die mir lieb geworden
ist, ganz einfach durch eine Seelenverwandtschaft,
die nicht zu erklären
ist.
Alle paar Wochen besuche ich nun
Frau Wallbach, geb. Ziel und es bereitet
mit jedes Mal viel Freude. Inzwischen
kann die früher äußerst agile Dame kaum
mehr das Bett verlassen und doch ist sie
immer ausgeglichen und heiter -
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manchmal auch wehmütig, weil wir viel
über unsere Heimat sprechen. Aber die
Blumen, die sie umgeben, blühen immer
in verschwenderischer Pracht, eine Augenweide
- kein Wunder, war sie doch
Gärtnerin. Ihr schwer kriegsverwundeter
Mann besaß eine kleine Gärtnerei; mit
ihrem Geschick und Einsatz jedoch erweiterte
sich diese zu einem ansehnlichen
Gartenbaubetrieb mit Lebensmittelgeschäft,
von dem noch heute in der
Dorfbevölkerung die Rede ist, auch wenn
es nicht mehr existiert.
„Ostpreußen - wunderbares Land meiner
Kindheit, schönes Eingebettetsein in
das dörfliche Leben. Einer gab dem anderen
die Hand!“, erzählt sie mir immer
wieder und ich sauge alles in mich hinein.
Sie erzählt von dem Dorf Wangnicken,
das etwa 300 Personen umfasste.
Es war gar nichts Besonderes an dem
Dorf, eine Stellmacherei gab es (Wolff),
aber es war schön dort im Winter wie im
Sommer! Die unendliche Weite des Landes,
unterbrochen von kleinen Waldungen,
darüber der hohe weite Himmel mit
seinen transparenten Wölkchen, machten
gottesfürchtig, weiteten Herz und Sinne.
Herrlich war das Baden in der Ostsee,
der weiche Strand war mit dem Fahrrad
in 15 Minuten zu erreichen. Von dem
Bernstein, der besonders nach einem
Sturm reichlich im Tang zu finden war.
Sie erzählte mir von ihrem Vater, dem
die Schweinehaltung des 1.000 Morgen
großen Gutes Barkowski unterstellt war;
dass es noch ein ähnlich großes Gut gab:
Sauvant, sowie drei weitere Bauernhöfe:
Kecker, Pries und Wolf. Und sie erzählte
von ihrer Mutter, einer sehr beliebten
Frau im Dorf, die bei Geburt,
Krankheit, aber auch Tod gerufen wurde
und die sie bereits als 4- bis 5-jähriges
Mädchen immer begleitete. Aber
auch, dass ihre Mutter bereits mit 42 Jahren
an Lungenkrebs starb, da war sie
gerade elf Jahre alt und der Vater verließ
sich sehr auf sie als Älteste der Geschwister
bei der Haushaltsführung.
Der nächste große Ort war Groß Kuhren,
drei Kilometer entfernt, in dem es
auch einen Bäcker und einen Schlachter
gab, aber man orientierte sich mehr nach
Heiligencreutz, cirka zwei Kilometer
entfernt. Hier gab es neben Arzt und
Hebamme auch Lebensmittel, Gaststätten,
die Post, die Molkerei (Familie
Mantkeim) und natürlich die Schule und
ihr gegenüber die Kirche. Ja, und gerät
sie ins Schwärmen und erzählt, dass hinter
dem Altar ein Spruch angebracht war:
Gott segne deinen Eingang und Ausgang.
Die Buchstaben waren aus Moos geflochten
und vielleicht so 15 Zentimeter groß.
Schön muss das ausgesehen haben - ihre
Augen leuchten dabei in Erinnerung. Und
dann trägt sie mit aus dem Stegreif ganz
flüssig vor:
Einst spülte die Ostsee ein Kreuz aus Holz
an Samlands gesegnete Küste.
Es wurde errichtet am Ufer stolz,
ein jeder mit Andacht es küsste.
Welch ein Wunder:
Am folgenden Tage stand das Kreuz
nicht mehr auf dem Hügel!
Gewandert war es über Nacht ins Land,
als wär es getragen von Flügeln.
Dies haben als göttlichen Fingerzeig
die Gläubigen sinnig gedeutet.
Sie bauten ein Kirchlein am Orte gleich
zum „Heiligen Creutz“ es läutet!
So wurde auch das Dorf „Zum heiligen 67