nicken fahren. Das bedeutete früher aufstehen
und einen längeren Weg zum
Bahnhof. Der Zug fuhr um 5.45 Uhr von
Sudnicken ab und war etwa um 7.30 Uhr
am Königstor in Königsberg. Er hielt an
14 Bahnhöfen und Haltepunkten und
nahm von einigen Stationen noch Milchkannen
mit. Für mich begann nun wieder
der Wettkampf mit der Zeit. Nach einigen
Wochen wählte ich eine andere Verkehrsverbindung
aus, um morgens pünktlich
in der Schule zu sein. Ich fuhr mit
der Kleinbahn bis Konradswalde und
stieg dann in die Großbahn um. Am
Nachmittag fuhr ich die gleiche Strecke
zurück. In Konradswalde hatte ich dann
etwa 45 Minuten Aufenthalt. Während
dieser Zeit begann ich im Wartesaal meine
Schularbeiten zu machen, denn um
16 Uhr war ich erst zu Hause.
Wenn in der Nacht zwischen 24 und 2
Uhr in Königsberg Fliegeralarm gewesen
war, begann der Unterricht zwei Stunden
später. Ich musste trotzdem mit dem
Frühzug fahren, da eine entsprechende
spätere Zugverbindung nicht bestand. So
drückte ich mich bis zum Unterrichtsbeginn
in den Anlagen herum. Nach den
beiden großen Bombenangriffen Ende
August 1944 auf Königsberg wurde die
Burgschule mit ausgebombten Familien
belegt. Der Unterricht fiel aus und wurde
dann im Oktober wieder aufgenommen.
Am 20. Januar 1945 bin ich das
letzte Mal nach Königsberg zur Schule
gefahren. An diesem Tage ahnte ich noch
nicht, dass wir am 25. Januar bereits auf
die Flucht gehen würden.
Die Burgschule steht heute noch und
ist die Schule Nr. 1 in Königsberg. 1991
und 1997 habe ich sie besucht. Zwischen
der Burgschule und dem Mercator-Gymnasium
in Duisburg besteht seit 195 8 eine
Patenschaft. Durch diese Patenschaft findet
zwischen dem Mercator-Gymnasium
und der Schule Nr. 1 in Königsberg seit
1991 ein reger deutsch-russischer Schüleraustausch
statt. Leider hat ein russischer
Oberst 1945 die Köpfe von Kant
und Kopemikus abschlagen lassen, die
über dem Haupteingang angebracht waren.
Heute werden sie gesucht. Pech gehabt!
Herbert Paulusch
An der Kreuzwiese 19
61440 Oberursel
— Eintopfsonntag
Die
gesetzliche Grundlage zu dem
„Eintopfsonntag“ wurde durch das
„Gesetz zum Winterhilfswerk“ im September
1933 geschaffen. Am 30.09.1933
waren immerhin noch 3,85 Millionen
„Volksgenossen“ arbeitslos (lt. Chronik
20. Jahrhundert). Das Gesetz sollte die
staatlichen Kassen von den Ausgaben für
die Arbeitslosen entlasten. Dazu wurden
verschiedene Sammlungen durchgeführt,
bei denen alle „Volksgenossen“ spenden
sollten. Eine der Sammlungen wurde
einmal im Monat, meist am ersten Sonntag,
dem so genannten „Eintopfsonntag“
durchgeführt.
An diesem Sonntag sollte in allen
deutschen Familien ein einfaches Mittagessen
in nur einem Topf bereitet werden,
ohne Vorsuppe und Nachspeise, eben ein
Eintopfgericht. Das dabei, im Verhältnis
70
zum üppigen Sonntagsmahl, ersparte
Geld gehörte in die Sammelbüchse, mit
der ein Beauftragter um die Mittagszeit
in jedem Haushalt erscheinen sollte! Beauftragter
war meist der Ortsgruppenleiter,
das war der oberste Parteigenosse
eines Dorfes oder in den Städten, des
Stadtbezirkes. Oft vereinten sich, vor
allem in den Dörfern, wie auch in meinem
Heimatdorf, mehrere Aufgaben in
einer Person. So konnte der Ortsgruppenleiter
gleichzeitig Bürgermeister, Ortsbauemführer
und Brandmeister der freiwilligen
Feuerwehr sein. Die Aufgabe,
mit der Sammelbüchse am Eintopfsonntag
von Haus zu Haus zu gehen,
konnte aber auch dem zuverlässigen
Kameradschaftsführer der örtlichen HJ-Kameradschaft
übertragen werden. Wollte
der Beauftragte seine Aufgabe pflichtgetreu
erfüllen, musste er sich schon bis
zur Küche durchkämpfen, um kontrollieren
zu können, ob da auch wirklich
nur ein Topf auf dem Herd dampfte!
Am Ende war jedoch der Inhalt der
Sammelbüchse das Wichtigste an der
Arbeit des Sammlers. Im Allgemeinen
hatten die alten Kämpfer die besseren
Ergebnisse. Man kannte sich eben, und
wenn z. B. im August, zur besten Hähnchenzeit,
aus dem Backofen verräterischer
Duft aufstieg, ließ sich die Sache
mit einem Knochengeld von einer oder
gar zwei Mark je Hähnchenbein zur beidseitigen
Zufriedenheit regeln. Übrigens
erinnere ich mich noch heute, wie an
solch einem Sonntag mein Vater folgenden
Hinweis vom Ortbauernführer erhielt:
„Du Heinrich, de Büchs’ hät oak
e‘ rundet Lock, da kannst oak e‘ Twintichmarkschien
rinnsteecke!“ War jedoch
einer der jungen Idealisten unterwegs,
aber das erfuhr man spätestens am Sonnabend
vorher, die Sammlung musste ja
organisiert, und die verplombte Sammelbüchse
bei der Amtsperson abgeholt werden,
kochte tatsächlich in allen Häusern
nur ein Topf auf dem Herd! - Die Jungen
sollten eben keine unnötigen Lorbeeren
ernten!
Ähnlich wie bei der Sammlung am
Eintopfsonntag ging es auch bei den
Hausschlachtungen der Selbstversorger
während des Krieges auf dem Lande zu:
Aus der Personenzahl des Haushaltes und
der zu erwartenden Verpfle-gungszeit
ergab sich das dem jeweiligen Hauhalt
zusteh’ende Nettofleischgewicht, dieses
wurde mit einem Faktor umgerechnet
zum zustehenden Schlachtgewicht. War
das zu schlachtende Schwein schwerer,
sollte (?) auf das Nettofleischgewicht zurück
gerechnet und die überschießende
Fleischmenge bei einer Schlachterei abgeliefert
werden. Das einem Bauernhof
auferlegte Ablieferungssoll musste übrigens
erfüllt werden, um als Selbstversorger
schlachten zu dürfen! Vor der
Schlachtung sollte (?) das Schwein gewogen
werden - aber wo gab es eine
geeignete Waage in der Nähe? Man behalf
sich bei uns damit das Schwein zu
vermessen. Dabei wurde einmal der
Bauchumfang und einmal die Länge von
der Schulter bis zum Hinterschinken gemessen.
Daraus ermittelte man das
Schlachtgewicht. Bei den Schlachtungen
selbst war ich nie dabei, ich kann mich
aber gut daran erinnern, dass meist am
Abend vor der Schlachtung vermessen
wurde. Da die Hausschlachtungen immer
in der kalten Jahreszeit durchgeführt
wurden, musste zum Messen der Wasserkessel
heiß sein und eine Rumflasche
bereit stehen - für den Grog zum „Aufwärmen“
nach dem Messen im kalten