Wissenswertes aus den
Hiermit
möchte ich Sie über die Grenzen
unserer Heimatorte hinweg informieren,
was auf kirchlicher Ebene dort
geleistet wird.
Entnommen aus dem Rundbrief vom
Mai dieses Jahres des Ev.-luth. Kirchenzentrums
in Königsberg. Pastor Wolfram
und Frau äußern sich wie folgt:
„ schwierig sind die verschiedenen
Vorstellungen zu vereinbaren zwischen
deutscher und russischer Sicht der hiesigen
Aufbauarbeit in ihren vielen Facetten:
umfangreicher Predigtdienst in Stadt
und Land, humanitäre Hilfe und Zollprobleme,
ökumenische Kontakte, Konfirmandenunterricht,
Bautätigkeit, Geldbeschaffung,
Mitarbeiterschulung, Küche
und Garten, Gästebetreuung, Besuchsdienst,
Bibelstunden, Sprachbarriere,
Schreibtischarbeit aller Art, bezahlte und
ehrenamtliche Tätigkeit......
Wegen der vielen Besucher kommt dieser
Rundbrief allerdings später als vorgesehen:
ohne genaue Orts- und russische
Sprachkenntnisse sind eben viele auf unsere
Vermittlung und Hilfe angewiesen.
Erstaunlich und erfreulich, dass immer
noch so viele Menschen reges Interesse
an Ostpreußen zeigen, obwohl die Einladungs-
und Visaformalitäten alles andere
als einladend sind. “
Über die bauliche Tätigkeit in Kirchengemeinden
berichtet das Ehepaar wie
folgt:
„Am 12.5.02 feierte die Gemeinde
Slawsk-Heinrichswalde ihr 10-jähriges
Bestehen im Beisein zahlreicher Gäste
und Sponsoren aus Deutschland, und das
zur Freude aller in der alten Ortskirche,
an der freilich noch viel Weiterarbeit zum
Erhalt nötig ist. Am Pfingstsonntag wurde
das neu ausgebaute Gemeindehaus
Nachbarkreisen
(ehern. Pfarrhaus) neben der alten Kirche
in Turgenewo-Groß Legitten feierlich
als Versammlungsstätte für die Gemeinde
Slawjanskoe-Pronitten eingeweiht,
obwohl die Inneneinrichtung, die
Toilettenanlage und die Küche noch fehlen.
Am 26.5.02 folgt das Gemeindehaus
in Polessk-Labiau, wo bis zur Einweihung
noch allerhand Innen- und Außenarbeiten
anstehen. Besonders fieberhaft
wird z.Z. mit deutscher fachmännischer
Hilfe noch am Gemeindehaus in
Bolschaja Poliana-Peterswalde gebaut,
dessen Einweihung für den 23.06.02 vorgesehen
ist. Jede Baustelle hat ihren eigenen
problemgeladenen Werdegang.
Dort ist es die Stromzufuhr, hier die Wasserversorgung,
drüben die Nässe der Wände
und die Drainage, dort der Dachausbau,
die Zufahrt, die Innenausstattung
mit Mobiliar, und überall .... die langwierige
Dokumentenbeschaffung. “
Am 10. - 12.5.02 fand im Gemeindezentrum
der Salzburger Kirche in Gumbinnen
ein Seminar über Öffentlichkeitsarbeit
mit neun aufmerksamen Teilnehmern
aus der Propstei statt.
„In welchem Umfeld unsere Gemeindemitgliederwohnen,
erfahren wir durch die
vielen Einladungen, die wir meist im
Anschluss an die Gottesdienste erhalten.
So liebevoll oft die kleinen Wohnungen
eingerichtet sind, so schrecklich ist die
Umgebung der meisten Wohnhäuser.
Dazu dieses Stimmungsbild aus
Gumbinnen, eingefangen im Laufe eines
halbs tün d igen Spazi er ganges:
,Ein herrlicher Frühlingstag, blühende
Linden, gelber Löwenzahn überall, Birken
in Mauerritzen und Dachrinnen.
Gusev, das ist mit den rechtwinkligen
Straßen nicht nur die Stadt vom Reißbrett,
sondern heute auch eine Stadt der
maroden Heizungsrohre. Unübersehbar
mit ihren ca. 50 cm Durchmesser ziehen
sie sich durch fast alle Hinterhöfe, ihre
Isolierungsschichten zerrissen, angeflickte
Blechteile hängen herunter. Der
Einfachheit halber stehen die Rohre auf
ca. 1 m hohen Stelzen über dem Erdboden,
die Leute kriechen unter diesen Hindernissen
hindurch oder steigen auf brüchigen
schiefen Betonplatten über sie
hinweg. Unzählige Katzen sonnen sich
heute auf dem warmen Blech. Eine alte
Frau in lila Trainingshose und fleckiger
Steppjacke schleift eine Menge ineinandergeschachtelte
Pappkartons und viele
leere Plastikflaschen auf einer Art Kinderwagengestell
in den Hof. Sie hat alles
gesammelt, um ein paar Kopeken
Pfandgeld zu bekommen. Sie lässt sich
erschöpft auf einem ausrangierten Treckerreifen
nieder, den man als Sandkasten
vor der Tür hingelegt hatte. Aus einem
blühenden Fliederstrauch heraus bis
zum nächsten Heizungsrohr hat man eine
Wäscheleine gespannt, behängt mit wehenden
guten Jeans und grauem Bettzeug.
Neben einem offenen Gully hockt
auf einem Brett ein Opa mit Bierflasche
in der Hand; er ist offenbar der Aufpasser
für die Wäsche. Mehrere Fußgänger,
die obligatorische Plastiktüte an der
Hand, gehen hier einfach „Luftlinie“
durch die Hinterhöfe. Wege- oder gar
Gartengestaltung gibt es hier nicht. Als
mich ein paar kahlgeschorene Jugendliche
an der Ecke stehen sehen, werfen sie
mir einige böse Blicke zu, so dass ich
schnell meinen Weg zurück zur Straße
suche. Auf dem Bürgersteig voller Löcher
parkt ein dunkelblauer schicker VW-Passat,
in sicherem Abstand von einem weit
vorstehenden Balkon, den offenbar schon
lange niemand mehr betreten hat, denn
aus seinem Boden sprießt das junge Grün.
Ehemals private Häuser aus der deutschen
Zeit, ein Hauch vom alten Charme,
aber drei davon in dieser Reihe stehen
leer, die Hauseingänge mit Brettern
vernagelt, wahrscheinlich ungeklärte
Eigentumsverhältnisse und kein Geld für
die geringste Renovierung in dieser Stadt
mit hoher Arbeitslosigkeit. Gebäude der
Allgemeinheit sind da schon eher erhalten,
so der Bahnhof Gusev. Die Eingangshalle
riecht nach Desinfektionsmitteln,
auf der einzigen Bank schläft einer seinen
Rausch aus, die Fahrpläne sind mit
dicken Buchstaben von Hand geschrieben,
auf dem Vorplatz draußen das
Heldendenkmal vom Kriegsende 1945,
behängt mit Kränzen, roten Schleifen und
Blumen: seit dem 9 Mai feierte man hier
3 Tage lang den Sieg von damals, immer
noch... Trotz der angenehmen Frühlingstemperatur
wird es mir kalt in dieser
Stadt, und ich bin froh, nach diesem
kurzen Spaziergang wieder in die Wärme
und Geborgenheit unseres Gemeindezentrums
der Salzburger Kirche zurückkehren
zu können. „Siehe, ich bin bei
euch bis an der Welt Ende. “ (Matth.
28,20) Dieses Wort Jesu kommt mir als
Trost in den Sinn. ‘
Mit dem Wunsch, dass die jungen Gemeinden
mit ihren Häusern solche Geborgenheit
und Sicherheit für alle ausstrahlen
möchten, grüßen Sie aus Ostpreußen
sehr herzlich
Luise und Erhard Wolfram “
Pastor Wolfram und seine Frau sind mir
von früheren Besuchen vor Ort und diversen
Telefonaten bekannt, auch habe ich
einem Gottesdienst beigewohnt in deutscher
und russischer Sprache - für mich 51