Hier hörten wir von den deutschen
Gästen dann: „Was, nach Palmnicken
wollt Ihr? Da müsst ihr eine Sondergenehmigung
haben. Das ist Sperrgebiet!
Wir hatten Schwierigkeiten!“ Das mit
dem Sperrgebiet war uns zwar nicht neu,
aber bisher hatte noch kein Hahn nach
einer Sondergenehmigung gekräht, ich
war ja zum sechsten Mal hier. Aber wir
hatten Glück. Im Laufe der Woche, in
der wir fast täglich in Palmnicken waren,
wurden wir nicht angehalten, aber
andere! Ein Reisebus mit Touristen wollte
den Tagebau des Bemsteinwerkes besichtigen,
wurde aber an der Schranke
nicht durchgelassen, weil die Einreiseerlaubnis
fehlte. Hinter der Schranke
wurde Bernsteinschmuck angeboten und
die Verkäufer mussten ärgerlich mitansehen,
dass ihnen ein Geschäft durch die
Lappen ging. Ein anderer Bus, dessen
Besucher zum Seeberg wollten, um den
dortigen Tagebau am Strand zu besichtigen,
konnten erst nach längerem Palaver
und Bezahlen einer Geldsumme dorthin
gelangen. Wie uns Einwohner aus Palmnicken
berichteten, standen eine Zeit
lang am Bernsteinhäuschen Polizisten,
kontrollierten die Autos und nahmen den
Touristen nach Lust und Laune Geld ab.
Die hiesige Bevölkerung war wütend und
beschwerte sich in Königsberg bei der
zuständigen Behörde. Nach längerer Zeit
kam dann die Antwort, das Ganze gehe
von der örtlichen Behörde aus. Ja, irgendwie
muss sie ja auch sehen, wie sie
zu Geld kommt, wenn es nicht gar in
private Taschen fließt.
Auf dem alten Sportplatz fand an diesem
Samstag ein Dorffest statt, Brasnik
genannt. Auf einer großen Bühne wurden
Vorführungen gezeigt. Sänger, Tanzund
Musikgruppen zeigten ihr Können.
Buden mit Essen und noch mehr Getränken
standen für die Besucher bereit. Viele
festlich gekleidete Besucher waren erschienen,
besonders die sehr schicken rassischen
Frauen und Kinder fielen uns auf.
Es herrschte reges Treiben bei herrlichem
Sommerwetter.
Das kleine Museum in der früheren
Wohnung von Sanitätsrat Lehnert hat sich
gut entwickelt. Ernst Giesebrecht, der
Mitbegründer, hätte seine helle Freude
daran, wenn er noch leben würde. Sein
Bild hängt zur Erinnerung zwischen alten
Aufnahmen aus deutscher Zeit. Auch
Frau Berta Pulwer ist zusammen mit der
Jüdin, die sie vor dem Tod bewahrt hat,
zu sehen. Leider fehlt zu den meisten
Bildern eine Erklärung, so dass Außenstehende
die Bedeutung der Bilder nicht
ermessen können. Es kommen auch Busse
mit russischen Touristen, die sich für alles,
was mit Bernstein und dem Ort zusammenhängt,
interessieren.
Die Zeit verging uns viel zu schnell.
Wenn wir die Einladungen alle angenommen
hätten, die wir bekamen, hätten wir
nicht viel vom Dorf und der schönen
Küste gesehen. Unvergesslich ist mir der
heiße Sommernachmittag auf dem Seeberg
in Sorgenau, wo ich alleine saß, wie
abgeschnitten von der Welt. Wenn auch
die Bucht zugeschwemmt ist, die See
glitzerte und es duftete wie früher nach
Sonne, Sand und Wasser und nach den
vielen bunten Blumen und Gräsern um
mich herum, die mir früher gar nicht
aufgefallen waren. Es war Sommer wie
in unserer Erinnerung aus Kindertagen.
Man sagt ja auch, dass wir im Paradies
gewohnt haben. Jedenfalls aber nicht weit
davon entfernt. Was ist davon übrig geblieben?
Die unverfälschte Natur!
Unsere Heimfahrt mit dem Zug wur-62
de dann noch ereignisreicher als die Hinfahrt.
Die Angestellte vom Königs-berger
Reisebüro, die für unsere Abreise verantwortlich
war, hatte uns eine falsche
Abreisezeit mitgeteilt. Sie hatte Ankunft
mit Abfahrt verwechselt. So mussten wir
4 Stunden unfreiwillig auf dem Bahnhof
in Königsberg verbringen. Da die
Abfahrtszeit des polnischen Zuges nicht
angezeigt wurde, er aber die ganze Zeit
auf dem Bahnsteig stand, wagten wir es
nicht uns zu entfernen, doch wir durften
nicht einsteigen. Die Schaffnerin verbot
es uns energisch. Doch nach und nach
trudelten junge Polen ein. Die Männer
und Frauen bestiegen den Zug, denn die
Schaffnerin war verschwunden und so
stiegen wir nun auch ein. Eine junge,
blonde, recht mollige Frau stand im Zug
auf den Sitzlehnen und montierte an den
Neonlampen herum, sie nahm sich eine
Lampe nach der anderen im Waggon
nebenan vor. Wir achteten nicht weiter
darauf, dachten an Reparaturen. Nach
einer Stunde erschien die Schaffnerin
uns aus dem Zug. Das Gepäck durfte drin
bleiben. Nach einiger Zeit stiegen die
Polen wieder ein. Die Schaffnerin war
im vorderen Zug verschwunden. Die
Männer zogen ihre Hemden aus, es war
sehr heiß, und liefen eifrig durch den
ganzen Zug, mit Schraubenziehern und
Stemmeisen in der Hand bewaffnet. Wir
stiegen nun auch wieder ein und bemerkten
nun, dass es Schmuggler waren, die
Zigarettenstangen überall verstauten. Sie
montierten nicht nur die Lampen ab, sondern
nahmen Sitze und Wandpaneele
auseinander, um die Stangen unterzubringen.
Sie machten das ganz ungeniert
und bedeuteten uns nur durch Auflegen
des Zeigefingers auf die Lippen, wir sollten
schweigen. Endlich fuhr der Zug nun
ab. Der russische Zöllner, der den Zug
kontrollierte, schraubte zufällig die Fensterpaneele
ab, wo nichts hinter steckte.
Ohne Zwischenfälle kamen wir nun in
Braunsberg an. Im Krimi werden ja Mitwisser
immer ermordet, das blieb uns
zum Glück erspart. Im Gegenteil, ein
junger Schmuggler trug mir in Braunsberg
den Koffer zum Zoll und bugsierte
mich und meinen Begleiter ganz schnell
zur Kontrolle, so dass die Abfertigung
zügig verlief.
Nun standen wir wieder auf dem Bahnsteig
und warteten etwa anderthalb Stunden
auf den Zug nach Danzig. Der Zug
aus Königsberg stand auf dem anderen
Bahnsteig leer und verlassen mit samt der
Zigarettenstangen. Da tauchten vier oder
fünf Zöllner auf, Akkuschraubenzieher
und Stablampen in der Hand und stiegen
dort ein. Jetzt nahmen SIE den Zug
auseinander. Am Anfang sah es aus, als
ob sie nichts finden würden, aber dann
kam doch einiges zum Vorschein. Sie
schienen gut vorbereitet zu sein, denn sie
hatten Plastiksäcke bei sich, in die sie das
Schmugglergut verstauten. Der Zug nach
Danzig lief nun ein und stand noch einige
Zeit auf dem Bahnsteig. Drei Polinnen,
die mit uns im Schmugglerzug gesessen
hatten, stiegen auch ein und beobachteten
das Treiben in dem anderen
Zug. Kurz vor der Abfahrt des Zuges stiegen
sie schnell aus. Das Ende der Ge-...
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