Object : Unser Schönes Samland

Winter in Sorgenau

Jetzt ist es bereits März, meine
Erinnerungen an unser Sorgenau
schrieb ich zu Beginn des neuen Jahres
auf. Im Fernsehen hatte ich das
Neujahrskonzert aus Berlin gehört,
was ich mit einem Drei-Gänge-Menü
verband und allein zu mir nahm. Ich aß
also Hähnchenfrustfilet, mit von mir
selbst gesuchten Gelböhrchen (Gählerkes),
 dazu Kartoffelbrei mit gemahlenen
 Haselnüssen. Das schmeckt
wirklich delikat und ich kann es empfehlen.
 Dazu noch ein Klecks’chen
Preiselbeeren, so als Farbe und Tippelchen
 auf dem I. Gibt ja auch heute
alles zu kaufen, sogar mitten im
Winter. War alles in allem recht gut.
Hoffentlich murmelt da nicht einer
was von Kulturbanausin. Aber warum
auch? Zuhause hatten wir ja immer
Meeres- und Wellenrauschen als
Begleitkonzert zum Essen. Ein
Schlückchen Sekt war auch noch übriggeblieben.
 Prost Marjellchen, sagte
ich darum zu mir, hoffentlich wird das
nicht wieder so ein dammliges Jahr
wie das Letzte. Hätt’ aber auch schlimmer
 kommen können, beeilte ich mich
noch schnell zu sagen, denn man soll
sein Schicksal ja nicht beschneien.
Seit dem sind nun Wochen vergangen
 und ganz sacht beginnt es in
Wiesen und Vorgärten zu sprießen.
Die Zaubernuß blüht schon längst und
die Forsythien haben dicke Knospen.
Nun drehe ich mein Gedankenrad
wieder weit zurück und stelle mir vor,
daß ich in Sorgenau bin. Es ist tiefster
Winter. Es ist Krieg, der einschneidend
auf unser aller Leben wirkt. Jeden
Moment wird unser Zug einlaufen, der

uns nach Pillau zu unserem
Arbeitsplatz bringt. Im Sommer fuhren
wir bereits um 5.20 Uhr, im Winter
war es 7.35 Uhr. Es gab keine Gleitzeit
wie heute. Wir hatten 56 Stunden
Arbeitszeit pro Woche und dazu fast
drei Stunden Fahrzeit (mit Aufenthalt
in Fischhausen) pro Tag.
Der ankommende Zug war gut besetzt,
 Palmnicker, Hubnicker, Männer,
Mädchen Frauen. Am liebsten würde
ich sagen: “allet wat Kopp on Kroage
had”, oawer denn meene mache gliek
wedder, dat wie doch zo Hus niemoals
so gesproake hadde. Na, eck weet ok
nich wo eck mien Platt ejentlich gelehrnd
 hew, denn ok ons Mutter paßd
opp, dat önne Stoaw nich platt gesproake
 wurd. Wi sönd joa ok aller e
bätke fein gewoarde, oawer fär miene
Muddersproak bruk eck mi joa nich to
schäme.
In Fischhausen mußten wir umsteigen
 und hatten am Abend eine 3/4
Stunde Aufenthalt. Das war im Winter
kein Vergnügen. Im Bahnhofsrestaurant
 tranken wir dann eine Tasse
Würfelbrühe für 35 Pfennig. Bei unserem
 Gehalt fast ein Luxus, aber es gab
ja kaum etwas anderes was dem
Gaumen Freude bereitet hätte. Alles
war ja rationalisiert, alle Lebensmittel
gab es nur auf Karten und Genußmittel
 waren Utopie.
Nun bin ich wieder mit meinen
Gedanken ein wenig abgedriftet. Aber
unsere Enkel, selbst die Kinder können
 es sich kaum vorstellen, daß man
auf Zuteilungen für Kleiderstoffe und
Bezugscheine für Schuhe warten
mußte. Aber bei aller Stoffknappheit

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hatten wir ein ausgeprägtes Modebewußtsein
 und “mach zwei aus eins”
war kein neues Ratespiel sondern das
Ergebnis für ein neues Kleid. Im
Sommer konnte man ja aus manchem
Stück Stoff so ein Fummelchen zaubern,
 wenn aber im Winter die Kälte in
sämtliche Nasenlöcher und Ärmel
kroch, wenn der Frost in die Backen
kniff und mit dem jagenden Wind
einen Pakt geschlossen hatte, dann war
der ostpreußische Winter vollkommen.
 Wehe, wenn es dann bei 15 - 20
Grad Frost noch mit Graupeln stiemte.
Wohl dem, der dann auf seinem
Mantel einen Pelzkragen vom
Truscherbock tragen konnte und
womöglich noch hohe Stiefel besaß.
Darüber sahen aber die Nichtbesitzenden
 erhaben hinweg, nicht
jeder konnte eben einen Onkel,
Bruder oder sonstwen vorweisen, die
zu solchen Errungenschaften beitragen
konnten. Mir hatte es da auch an der
nötigen Verwandtschaft gefehlt und
ich trug wegen der Kälte lange Hosen,
mehr Skidress, unten mit Bündchen
und Schnalle, wegen des Schnees. Und
damit die Ohren nicht abfroren trugen
wir Taufelskappen und Kapuzen, farbig

 angesetzt oder paspeliert. Morgens
war oft noch ein Schal für Mund und
Nase nötig. Für ein paar Tage wünschte
 ich mir mal wieder so einen Winter
herbei, nur so zur Erinnerung.
Der Winter dauerte lange, doch
schien an manchen Märztagen die
Sonne schon so warm, daß wir uns in
der Mittagspause mit Mütze und
Mantel an windstillen Plätzen ihrer
Wärme hingaben. Am meisten profitierten
 davon die Sommersprossen,
die ich in den Wintermonaten so erfolgreich
 mit Schwanenweiß und irgendwelchen
 Mixturen bekämpft hatte. All
die kleinen Racker waren wieder da.
Es sind alles Erinnerungen - wir
leben noch. Alles Schwere haben wir
verdrängt, in den tiefsten Winkel unserer
 Herzen gelegt. Wie gut, daß das
Schöne die Oberhand behält und
leuchtet. Wie anders hätten wir sonst
das große Unglück der Vertreibung
überleben können. Allerdings auch dadurch,
 daß wir uns dem neuen Leben
gestellt haben. Jeder auf seine Weise.
Frohe Ostern!
Eure Eva Pultke-Sradnick, Benzstraße 45,
73614 Schorndorf,
Telefon/Fax: 07181 - 62843

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frag, was du für das Land tun kannst.