Full text : Unser Schönes Samland

— Fuchsberg .........-Liebe

 Heimatfreunde, im September
d.J. unternahm ich eine Flugreise ab
Hannover in das Königsberger Gebiet.
Mit mir Bruno Berner. Er erlernte bei
Walter Behrend das Schmiedehandwerk
 und baute in den Nachkriegsjahren
 einen stattlichen Industriebetrieb
 in Bischofsheim/Rhön auf.
Unsere geplante Reise per Pkw missfiel
 meinem Hausarzt wegen der langen
 „Sitzzeiten“. Das Alter fordert seinen

 Tribut.
Da wir im Gästehaus 1 der „Fuchsberger
 Stube“ logieren wollten, war
eine Einladung aus der Oblast notwendig.
 Alessia, die dortige Besucherbetreuerin
 und gute Seele der Mustersiedlung
 Sternau bei Ludwigsort,
beschaffte uns zusätzlich die Visa.
Den „Nur-Flug“ buchten wir über Ost-Reise-Service
 Bielefeld für 645,—
DM einschließlich Sicherheitsgebühr.
Eine alterschwache Tupolew 134,
Ersatzmaschine, brachte uns dennoch
sicher nach Powunden, wo unsere
Betreuerin uns abholte. Das Gästehaus
stand uns alleine zur Verfügung.
Jeder Reisetag hatte 10 Stunden.
Andre Ginter, ein Russlanddeutscher,
stand uns mit Pkw zur Verfügung.
Mit Erstaunen registrierten wir die
neue Teerdecke auf der einstigen
Reichstraße 1. Ein deutsch-russisches
Bauunternehmen ist dafür verantwortlich.
 Vor zwei Jahren hatten die vielen
tiefen Schlaglöcher die fast neuen
Reifen meines Pkws derart beschädigt,
 dass vor Ort neue fällig wurden.
Natürlich galt unsere erste Fahrt den
Orten unserer Kindheit und Jugend-—

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zeit. In Friedrichstein, einst Sitz des
Grafen Dönhoff, konnte man nur den
weiteren Verfall feststellen.
Gespräche mit den russischen Bewohnern
 in menschenunwürdigen Unterkünften
 untermauerten die unfassbaren
 Verhältnisse. Das Umfeld bot
mannshohes Unkraut und Häuserruinen.
 Bei einem kurzen Spaziergang
in Richtung des früheren Parks ein seltener
 Fund, auf den uns ein russisches
Ehepaar aufmerksam machte. In
einem großen Findling fanden wir die
folgende Inschrift eingemeißelt vor.:
„Heinrich Graf Döhnhoff“ (darunter
schlecht leserlich Geburtsdatum und
eine römische Buchstabenreihe „Der
Tod ist das Tor zum Leben“
In Löwenhagen, das die Russen
Komsomolz nennen, sind die Trüm-...



■ - w

Gedenkstein Qraf Döhnhoff - das Bild schoss
Bruno (Foto: Privat)

mer der Kirche kaum wahrnehmbar.
Wucherndes Gestrüpp überdeckt alles.
Das Gemeindehaus wird als Schuppen
genutzt. Nur der Bahnhof trägt das
frühere Gesicht, wenn auch ohne die
Bahnhofsgaststätte Tillack. Sägewerk
und Ziegelei haben schon lange ausgedient.

 Ein unerklärbarer Widersinn.
Beides wäre vonnöten in diesem
verkommenen Land.

Seewiesen, Brunos einstiges Zuhause
 ist von der Bildfläche verschwunden
 und Gr. Hohenhagen eine
Wüstenei. Die Straße nach Fuchsberg
weist Löcher auf, die jedoch nicht das
Riesenausmaß wie vor zwei Jahren
hatten.

Die Kolchose Marienhagen ist vollkommen
 verschwunden. Davon profitiert
 Wladimir Stöcklein, der Russlanddeutsche,
 der die Höfe Faerber
und Riemann bewirtschaftet. Seine bewirtschaftete
 Fläche ist auf 500
Morgen vergrößert worden. Wir biegen
 auf seinen Hof ein und treffen das
Ehepaar an. Andre dolmetscht, da beide
 kaum deutsch verstehen. Unseren
Hinweis, die südlich von Fuchsberg
gelegenen Flächen wegen der besseren
Bodenbonität zu bewirtschaften, lehnt
er wegen der längeren Anfahrt ab. Das
koste mehr Diesel, so sein Hinweis.
Seine drei Söhne sind verheiratet.
Der Älteste bewohnt die Hälfte des
Wohnhauses Faerber, der Zweite das
halbe Insthaus Riemann und der Jüngste
 hat eine Wohnung bezogen, die im
Stall des Bauernhofes Riemann ausgebaut
 worden ist. Die vorgesehene Restaurierung
 des einstigen Bauernhauses
 sei wegen des zu weit fortgeschrittenen
 Verfalls nicht mehr möglich.
Wir werden zum Essen eingeladen
und bekommen beim Abschied je ein
Glas Blaubeermarmelade geschenkt.
Gepflückt in „unserem Wald“.
Im Ort hat sich nichts Wesentliches

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geändert. Wir stehen vor dem einstigen
Wohnhaus des Schmiedemeisters Walter
 Behrend. Hier, im Lehrlingszimmer,
wohnte mein Begleiter während seiner
Lehre. Er ist erstaunt über die geschrumpften
 Größenverhältnisse. Er
kommt mit den jetzigen Bewohnern
über jene Zeit ins Gespräch. Seine
Grundkenntnisse der russischen Sprache
 helfen ihm dabei. Und zwischendurch
 lange Gesprächspausen, in denen
sein versonnener Blick verrät, dass er
gedanklich seinen Erinnerungen nachgeht.

Andre fährt uns langsam durch den
Ort. Unkraut und Gestrüpp bestimmen
das Bild. Unser Haus steht. Die Bewohner
 sind verstorben. Kein Wunder
bei dem Konsum Selbstgebrannten
Wodkas. Ich traf das Ehepaar stets im
betrunkenen Zustand an. Der Sohn ist
jetzt der neue Besitzer. Das Haus hat
gelitten.

Das Bauernhaus Stobbe zeigt sich
unverändert, ebenso das Altenteil. Hier
treffen wir das stets freundliche Ehepaar
 an. Es beklagt den Tod seiner einzigen
 Tochter. Sie wurde von einem
Pkw angefahren und tödlich verletzt.
Gegenüber ist das „geschrumpfte“
Wohnhaus Eichwald in dem wuchernden
 Gestrüpp kaum auszumachen und
immer noch unbewohnt. Im „Karpfenteich“
 hat der Stallanbau am Schweißingschen
 Wohnhaus kleine Fortschritte
gemacht. Es ist das letzte Haus des
Ortes, denn Bahnhof, Elisenhof und
anderes gibt es schon lange nicht mehr.
Wir drehen um und fahren langsam zurück.
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