Versuch unternahmen, etwas Trinkbares
zu bekommen und ...tatsächlich
gab es dort in einem Lebensmittelladen
an der Straße Apfelsaft zu
kaufen. Dies allerdings nur in 3-Liter-Gläsern
und nur im Austausch gegen
gleichartige leere Gefäße, die natürlich
keiner im Bus hatte. Es dauerte eine
Weile bis eine Lösung gefunden
wurde. Die Gefäße wurden gegen
Pfand ausgeliehen.
Nun fehlten aber Trinkbecher. Eine
Lösung bot sich in einer Bierstube nebenan,
in der das Bier statt in
Biergläsern in 1-Liter-Einweckgläsern
ausgeschenkt wurde. Auch hier mußte
verhandelt werden, ehe einige der
Gläser gegen Pfand ausgeliehen wurden.
Draußen auf einem schiefen hölzernen
Marktstand stellten wir die
Gläser zum Füllen auf und ließen uns
vom langersehnten Trunk erquicken.
Einige Gäste entschieden sich für
Milch, die an der Straße von einer „Babuschka“
verkauft wurde. Das war vielleicht
etwas unvorsichtig, denn ich bemerkte
später, daß diese frische Milch
direkt von der Kuh nicht allen deutschen
Touristen gut bekam.
Im nachfolgenden Winter schrieb
mir ein Teilnehmer dieser denkwürdigen
Fahrt, die improvisierte Trinkpause
sei für ihn und andere ein tolles
Erlebnis gewesen.
Später haben die Busfahrer erkannt,
daß sich mit dem Verkauf von
Getränken gutes Geld verdienen ließ
und so gab es auf den folgenden
Fahrten kein Getränkeproblem mehr.
Bei dem mit diesen Fahrten verbundenen
Streß für alle Mitarbeiter
unseres Reisebüros blieben unangenehme
Pannen nicht aus. So sollte eine
aus Memel kommende Reisegruppe in
Brest mit einer aus Königsberg zurückkehrenden
Gruppe Zusammentreffen
und mit ihr zusammen heimfahren.
Und nun geschah es, daß vergessen
wurde auf die Memeler Gruppe zu
warten. Als sie ankam war kein Bus für
die Weiterreise mehr da und der litauische
Reiseleiter hatte große Mühe, für
seine Leute Fahrkarten zum Zug nach
Berlin zu besorgen.
Erfreulicheres kann ich vom Sommer
1992 berichten. Damals begann
ich für DNV Tours, ein Reisebüro in
Baden-Württemberg, Touristengruppen
zu betreuen. In diesen Gruppen
gab es immer einige Ostpreußen, die
ihre alte Heimat Wiedersehen wollten.
In der Hauptsache handelt es sich aber
um Hobby-Ornithologen, die sich für
die reiche Vogelwelt des Memeldeltas
und für die Kurische Nehrung interessierten.
So lernte auch ich das
Memeldelta kennen. Dabei fiel mir auf
- und das war mir neu -, daß nicht alle
Memeldeutschen aus ihrer Heimat
vertrieben wurden. Mehrfach begegneten
wir dort wohnenden Menschen,
die ein „breites“ vom Litauischen beeinflußtes
Deutsch sprachen.
Wir standen auf einer Brücke und
bewunderten die herrliche Landschaft
mit dem Fluß Minge. Eine ärmlich gekleidete
Frau schob gerade ihr Fahrrad
die Brücke hoch und sprach uns an.
Wir erfuhren, daß sie deutscher
Abstammung und dies hier ihre
Heimat sei. Auf die Frage, wie es ihr
heute ginge antwortete sie: „Ach, ganz
schön kodderich!“
Ein anderes Mal - es war in der
Memel-Niederung - fragte ich einen
kleinen Mann auf russisch nach dem
Weg nach Heydekrug-Silute. Er verstand
mich nicht. Ich sagte zu dem
deutschen Reiseleiter: „Er spricht anscheinend
nur litauisch.“ - „und
deitsch“ sagte plötzlich der kleine
Mann mit selbstbewußter Miene.
Die Teilnehmer der ornithologischen
Reisen widmeten sich dem
Kennenlernen und Studium der schönen,
der Natur überlassenen Gebiete,
die in dieser Gegend noch reichlich zu
finden sind. Großartiges bieten in dieser
Hinsicht u.a. die Memel- und
Elchniederung, das Große Moosbruch
und natürlich die Kurische Nehrung.
Schwerpunkt war der Besuch der
Vogelwarte in Rossitten. Die russischen
Wissenschaftler gaben sich viel
Mühe, uns alles Sehenswerte zu zeigen
und zu erklären. Sie führten uns auch
zu den erhalten gebliebenen und gepflegten
Grabstätten von Prof. J. Thienemann,
dem Begründer der Vogelwarte,
sowie von Franz Epha, der seinerzeit
die Befestigung und Bepflanzung
der Dünen vorangetrieben hat.
Die Besichtigung der Beringungsstation
mit ihren Fangnetzen, Käfigen
und verschiedenen anderen der
Forschung dienender Hilfsmittel dauerten
von früh bis spät. Bei allen
Fachgesprächen mußte ich dolmetschen.
Das hat gewaltig zur Bereicherung
meines deutschen Wortschatzes
auf ornithologischem Gebiet beigetragen.
Einige Male hatten wir das Glück,
daß während einer Busfahrt auf der
Kurischen Nehrung ein Elch in unser
Blickfeld geriet. Das mußte man gesehen
haben, wie alle zu den Fotoapparaten
und Videokameras griffen, aus
dem Bus sprangen und auf das gesichtete
Wild zurannten, das majestetisch,
ohne seine Schritte im geringsten zu
beschleunigen, zwischen den jungen
Kiefern verschwand.
Die Vogelwarte von Rossitten wird
wohl allen Lesern des Samlandbriefes
bekannt sein. Nicht jeder aber weiß
vielleicht, daß sich auf der anderen
Seite des Kurischen Haffs im litauischen
Gebiet noch eine Vogelwarte
befindet, die in den zwanziger Jahren
des vorigen Jahrhunderts von Prof. Dr.
Schüz gegründet wurde. Sie befindet
sich an der Spitze der Windenburger
Ecke, die u.a. in Hermann Sudermanns
„Reise nach Tilsit“ beschrieben wird.
Diese Landzunge liegt gegenüber von
Nidden in einer Entfernung von etwa
12 Kilometern. Beim Besuch dieser
Vogelwarte verstand ihr Leiter, ein
namhafter litauischer Ornithologe, uns
auf eine angenehm heitere Art zu
führen und die Stimmung stieg noch
höher, als er uns zum Abschluß mit
Wein und Wodka bewirtete.
Bei dieser Gelegenheit möchte ich
allen, die einen Abstecher nach
Litauen*) planen, den Besuch des
Badeortes Polangen (Palanga) empfehlen.
Dort steht, umgeben von einem
herrlichen Park, das Schloß des
Grafen Tyschkewitsch, das heute das
große und sehenswerte Bernsteinmuseum
beherbergt. Die Ostseeküste
*) Ein Abstecher aus dem Kaliningrader Qebiet nach
Litauen mit anschließender Rückkehr in das
Kaliningrader Qebiet erfordert ein Visum für eine
zweimalige Einreise. Deutsche Qäste, denen das nicht
bekannt war, konnten ihren auf litauischem Qebiet
liegenden Eteimatort nicht aufsuchen. Bedenken Sie
das vor Antritt der Reise.