Sommerferien sind zu viel des Guten,
also sollten wir Marjellens aus der Tertia
zwei Wochen zum Ernteeinsatz. Bei
uns in Palmnicken gab es zwar ein großes
Gut, eine Domäne, auf der man hätte
eingesetzt werden können, aber die
wollten uns wohl nicht haben, obwohl
sie uns gar nicht kannten und so mussten
ich und noch zwei Mädchen aus meiner
Klasse nach Kumehnen zu Familien, um
dort unsere 14 Tage abzuarbeiten. Ach,
du grieset Kattke - nach Kumehnen!
Kumehnen lag für mich am Dups der
Welt. Das Dorf war mit dem Fahrrad
nur etwa 25 km von uns entfernt, aber
mit der Bahn war es eine kleine Weltreise
und mit der Bahn mussten wir nun
dorthin, wir drei junge
Marjellens. Es half alles
nichts, das Heimweh
packte mich
schon, wenn ich nur
daran dachte. Zum
ersten Mal weg von
zu Hause und das im
schönsten Sommer.
Nicht auszudenken.
Es ging über Königsberg Hauptbahnhof,
weiter zum Nordbahnhof und mit
der Samlandbahn dann bis Drugehnen.
Von dort wurden wir mit einem Pferdewagen
abgeholt. Die Familie, zu der ich
kam, hatte nicht nur eine kleine Bauerei,
sondern auch einen Kolonialwarenladen,
eine Kneipe und ein paar Fremdenzimmer,
die nicht belegt waren, die aber jede
Woche sauber gemacht wurden. Das war
nun meine Arbeit. Ich puschelte da ein
bisschen herum, denn Schmutz konnte
ich nicht entdecken und meine Gedanken
gingen auf die Reise - wie schön wäre
es jetzt am Strand - und das Heimweh
packte mich. Nee, was tat ich mir Feid
und ich fing an zu plinsen.
In der Küche war eine Hilfe eingestellt,
eine bisschen auschlije Marjell in ungefähr
meinem Alter. Die zergte mich gerne
und fragte mich jeden Morgen: „Na, hast
Heimweh?“ Und wie! Die alte Zock!
Aber zugeben wollte ich es nicht. Um
meine Tränen nicht zu zeigen, ging ich
dann erst einmal auf das „Partemang“ im
Hof und ließ die Tränen rollen.
Meistens jedoch war ich im Garten beschäftigt,
der an einer Kuhweide lag und
musste wehden. Die vier Kühe auf der
Weide nebenan waren meine einzige
Gesellschaft, wenn nicht die Melkersche
ab und an zu meiner Unterstützung kam.
Sie war sehr unterhaltsam, sprach ein
vollkommenes Platt
und jabbeite immerzu.
Das lenkte mich
ein bisschen von
meinem traurigen
Schicksal ab. Sie sang
auch gerne, ein Fied
habe ich noch behalten:
Fünf sind wir Mädchen,
lustig beim Heuen,
harken viel Käppse immer aufs neu.
Tralala, Tralala u.s.w.
Mein Schatz kommt Sonntag
und wird mich freien.
Ich bin so fröhlich, munter im Mai.
Trallala, Trallala -
Ich sollte ja nun auch was singen und
mir fiel nichts anderes ein als:
Es geht alles vorüber,
es geht alles vorbei,
auf Abschnitt Dezember,
gibt’s wieder ein Ei.
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E beetke dammlich, aber es entsprach
meiner Stimmung. Weil mein Schatz am
Sonntag nicht kam, ich hatte ja noch keinen,
schließlich war ich keine Jungensmarjell,
stieg ich an diesem Tag auf den
Aussichtsturm des Galtgarbens und suchte
mit traurigen Blicken in der Feme die
Schornsteine von Palmnicken, unserem
Wahrzeichen. Aber es war diesig und in
der Feme schwarkte es. Ein Gewitter
schien dort aufzuziehen. Also wieder eine
Enttäuschung, von den Schornsteinen
keine Spur zu sehen. Traurig schlich ich
zurück, fand unterwegs aber eine Menge
Walderdbeeren und Blaubeeren im
Straßengraben Eine kleine Entschädigung
für die entgangene Aussicht.
Eines Tages sagte die Melkersche zu
mir: „Wi motte de Kej oppe andre Weid
driewe, hier häbbe se nuscht mehr to
frete“ (Wir müssen die Kühe auf eine
andere Weide treiben, hier haben sie
nicht mehr genug zu fressen). Sie zeigte
mir die andere Weide, die entgegengesetzt
auf der anderen Dorfseite lag. „Du
gehst vor und ich treibe die Kühe an“,
erklärte sie, „de kohme dann schon noh.“
Auch das noch! Sie hatte keine Ahnung
von meiner Angst vor Kühen. Das waren
Tiere, die meiner Meinung nach so
etwas wie wilde Stiere waren. Da hatte
sie sich mit mir ganz schön beschlackert.
Ich deerte aber nuscht zu sagen.
Am anderen Tag war es dann soweit.
Es war Gott sei Dank in der Mittagszeit,
als dieser Umzug stattfand und die Dorfstraße
lag ziemlich verlassen da. Ich zog
mir denn auch nichts Rotes an, um die
Kühe nicht zu reizen und das Abenteuer
konnte beginnen.
Mit gemischten Gefühlen zuckelte ich los
in Richtung Dorf und die vier wilden
Stiere folgten mir auch ganz brav. Die
Melkersche zagelte hinterher mit einem
Pranken in der Hand und hetzte die Tiere
auf mich - meinte ich. Ab und zu
schnaubten sie und ich wurde ein bisschen
schneller aus Angst vor einem Angriff.
Die Stiere wurden auch schneller. Ich
kuckte mich um, sah die Hörner auf mich
gerichtet und fiel in einen leichten Trab.
Die Kühe auch! Ich wurde noch schneller,
die Kühe passten sich meinem Tempo
an und die Melkersche schrie: „Wat
rennst denn so, nu wacht doch!“ Sie konnte
nicht mehr mit und japste in einiger
Entfernung hinter her. Die Kühe
schnaubten nun auch hörbarer und ich
ging, sportlich wie ich war, zum Endspurt
über. Päste im 100 Meter Endlauf
durch das Dorf, die wilden Kühe hinter
mir her, sie hielten das rasante Tempo
mit und wir erreichten durch das offene
Gatter mit Müh und Not endlich die frische
Weide. Ich schlug einen scharfen
Haken, setzte über den Zaun zurück nach
draußen und japste nun auch nach Luft.
Die Kühe aber fingen sofort ganz friedlich
an zu grasen, ohne Luftnot, als ob es
das Natürlichste der Welt sei, im Peerdsgalopp
durch das Dorf zu rasen. Die
Melkersche kam dann weit abgeschlagen
hinter uns an, konnte nur den Kopf schlackern,
sie sagte nichts, ihr blieb tatsächlich
die Spucke weg, was nicht oft passierte.
- Was sollte man auch schon von
so einer dewatschen Marjell halten, am
besten nur den Mund.
Die 14 Tage gingen Gott sei Dank auch
einmal rum, mit viel Geplinse von mir.
Der Sommer war zum Glück auch noch
nicht vorbei, als ich wieder zu Hause war.
Der Ort Kumehnen wurde von mir nun 77