Full text : Unser Schönes Samland

mich zur Seite und schlug mit der rechten
 Hand mit voller Kraft in mein Gesicht.
 Ausdauerndes Nasenbluten war die
Folge. Sie schrie mich an: „Wie grüßt
ein deutscher Junge?“ Weinend kam die
Antwort: „Heil Hitler“. Diesen Gruß vergaß
 ich nie mehr.
Sicher war Frau Luley die erste Frau,
mit der ich mich als Sechsjähriger schon

damals im Krieg befand, denn ich hatte
ein feines Gespür für ungerechte Strafen.


Rudi Jonischkeit
Lessingstraße 12
72663 Großbettlingen
Telefon 07022/48519

Frau Böhms Obstgarten in Stangau

>^^ieser war eine Quelle der Freude
i jfür die Stangauer, Fuchshöfener

und Waldauer.
Iwan, seit 50 Jahren auf dem Mückenbergerschen
 Hof lebend, schwärmte
oftmals von den alten deutschen Obstsorten.
 Der Obstgarten von Frau Böhm
lag in unmittelbarer Nähe.
So waren da die Sorten wie Cousinot,
Gelber Richard, Purpurroter Cousinot,
Ontario, Cox Pomano, Köstliche von
Chaneux. Alle Kinder in der Umgebung

Von links nach rechts mit Mädchennamen: Erika Heyn atz, Christel Gronau,
Herta Karsties, Geburtstagskind Herta Böhm, Tochter Regina Böhm, im Hintergrund
 Sohn Heiner Böhm, rechts außen: Carl Mückenberger

wussten das und stiegen auch mal
verbotenerweise über den Zahn.

Frau Böhm feierte nun am 15. März 2005
ihren 92. Geburtstag mit einigen Stangauer
 Nachbarn.
Eine Mischung von Tüchtigkeit und
Glück begleitete unser Geburtstagskind
ein Leben lang, mit Ausnahme des Verlustes
 der geliebten Heimat. Heinz Böhm,
der Sohn vom „Zigeunerböhm“, war der
liebste und beste Ehemann; er hatte das

Glück, seine Herta
bis ins Jahr 1989
zu begleiten. In
Mecklenburg, wohin
 Herta mutig
mit ihren beiden
kleinen Kindern
geflüchtet war,
wurde die Familie
sesshaft und konnte
 schon im Jahr
1945 einen gemeinsamen
 Neubeginn
 in der Landwirtschaft
 starten.
In späteren Jahren
ist die Familie

80

dann noch einmal an den Stadtrand von
Magdeburg umgezogen.
Wir alle ehren hiermit unser liebes Geburtstagskind,
 wünschen Herta Böhm gesunde
 und glückliche Lebensjahre im
Kreise ihrer Familie und ab und an ein
Wiedersehen mit uns, um noch recht viel

aus unserem lieben, unvergessenen
Stangau zu erfahren.

Im Namen der Stangauer
Christel Zimmerling geb. Gronau
und
Hadwiga Meyer geb. Mückenberger

Qeschichte eines Wolfskindes

ZJVin schweres Schicksal hat Horst
l J^Löll hinter sich. Mit seiner Mutter
^ründ den zwei jüngeren Schwestern
erlebte er den Einmarsch der Roten Armee
 am 15. April 1945 in Palmnicken.
Ein Jahr später musste die Familie das
Dorf verlassen und wurde nach Goldbach
zwangsumgesiedelt. Hier starb die Mutter
 und wurde von ihren Kindern in einem
 Panzergraben beerdigt.
So standen die Kinder einsam und verlassen
 da. Die Kinder kamen nach Tapiau
in ein Waisenhaus, von wo er und seine
älteste Schwester Irmgard mit ungefähr
30 anderen Waisenkinder nach Russland
transportiert wurden. In der Nähe von
Minsk mussten die Kinder auf freiem
Feld den Zug verlassen und niemand
kümmerte sich weiter um sie. Horst und
seine Schwester zogen bettelnd durch das
Land, bekamen zwar etwas zu essen, wurden
 aber, verdreckt und verlaust wie sie
waren, erst nach einem halben Jahr von
Bauern aufgenommen, jedoch getrennt
von einander untergebracht. Horst musste
Kühe hüten und fand später in einer Dörrfabrik
 Arbeit. Um seine deutsche Sprache
 nicht zu verlernen, sagte er in jeder
freien Minute deutsche Gedichte und
Lieder im Stillen auf. Im Jahr 1955 heiratete

 er dann die hübsche Polin Danuta.
Sie bekamen vier Kinder und lebten mehr
schlecht als recht in einem kleinen Dorf
rund 150 km von Minsk. Die ganzen Jahre
 versuchte er für sich und die Familie
die Ausreisegenehmigung nach Deutschland
 zu bekommen. Mit seiner jüngsten
Schwester, die nach Litauen verschleppt
wurde, von dort aber inzwischen nach
Deutschland ausgewiesen worden war
und bei Pflegeeltem in der DDR lebte,
bekam er mittels eines Suchantrages beim
Roten Kreuz endlich einen Kontakt.
Die Schwester Rosemarie war inzwischen
 nach Westdeutschland umgesiedelt
und versuchte von hier aus die Ausreisegenehmigung
 für den Bruder mitsamt
Familie zu bekommen. Da die Ausreise
für die Familie nicht genehmigt wurde,
traf er sich in Moskau nach vielen Jahren
 mit seiner jüngsten Schwester, die eine
Studienreise dorthin machte. Die Freude
 war groß, aber nicht ungetrübt.
Im Jahre 1972 bekam nur er alleine
die Besuchserlaubnis in die Bundesrepublik
 zu seiner Schwester. Von hier
aus schrieb er an den damaligen Außenminister
 Scheel und bat um Hilfe. Ein
Jahr später im Mai bekamen er und seine
Familie dann endlich die Ausreise­ 81