Full text : Unser Schönes Samland

Ein Abschied für immer

Die

letzten Tage und Stunden in unserem
 Heimatdorf Gutenfeld um den
20. Januar 1945 herum. Es war schon
das Donnern und Grollen der Granaten
zu hören. Wir vier Geschwister, Margot
15 Jahre, Jutta 12 Jahre, Ingrid 6 Jahre
(sie hatte gerade am 23. Januar 1945 ihren
 6. Geburtstag gehabt) und der kleine
Eckard 3-jährig, waren alleine zu Hause.
 Unsere Mutti war am 6. August 1944
verstorben. Wir konnten sie noch in aller
 Stille auf dem Friedhof in Steinbeck
zur letzten Ruhe beisetzen.
Unser Vati war zu diesem Zeitpunkt
auf dem Fliegerhorst Gutenfeld tätig. Ich
selbst begann im September 1944 in
Königsberg bei der Fleischerei Denk auf
dem Oberhabersberg eine Lehre. Das erste
Weihnachten 1944 ohne Mutti. Es war
traurig. Mein Vati und ich haben versucht,
den kleinen Geschwistern etwas Freude
zu bereiten. Doch Anfang Januar musste
unser Vater zur Wehrmacht nach Königsberg
 in die Trommelplatz-Kasemen. Was
nun? Ich durfte heimlich meinen Arbeitsplatz
 verlassen, was normalerweise bei
Todesstrafe verboten war. Frau Denk,
meine Chefin, sagte jedoch: „Geh nach
Hause zu deinen drei kleinen Geschwistern,
 mach das Beste draus, ich wünsche
euch alles Gute. Ich weiß sonst von
nichts, falls eine Kontrolle kommt.“
So waren wir Geschwister wieder
beisammen. Ich habe dann, es muss der
24. Januar gewesen sein, meine Geschwister
 genommen und schön warm eingemummelt,
 denn es war ein eisig kalter
Winter, so wie wir ihn ja in Ostpreußen
kannten. Die beiden Kleinen wurden auf
den Schlitten gesetzt, schön eingepackt.
Jutta und ich sind dann mit ihnen zu Fuß
nach Königsberg gezogen. Wir wollten
noch einmal zu unserem Vati. Sind es 15

Kilometer oder mehr? Ich weiß es nicht.
An der ersten Haltestelle sind wir dann
in die Straßenbahn gestiegen und zur
Kaserne gefahren. Man ließ uns rein, und
unser Vati kam uns entgegen mit Tränen
in den Augen. Ich habe immer noch das
Bild vor Augen, wie wir dann in dem
großen Gemeinschaftsraum saßen. Er
hatte seinen kleinen Sohn - sein „Mannche“
 auf dem Schoß und wir drei Mädchen
 neben ihm, eng angekuschelt. Vati
sagte uns, dass er ein Gesuch eingereicht
hätte, um seine vier Kinder ins Reich zu
bringen, und sich anschließend gleich
wieder der Wehrmacht zu stellen.
- Abgelehnt. -
Er sagte noch, dass ich das Nötigste
einpacken sollte (was ich schon längst getan
 hatte) und dann dort hinkommen. Der
Abschied war schwer, es gab viele Tränen,
 wir mussten aber nach Hause. Allmählich
 wurde es schon dunkel, so sahen
 wir unseren Vati das letzte Mal.
Unterwegs nahm uns noch ein hilfsbereiter
 Bauer mit seinem Wagen mit. Wir
saßen beim Abendbrot, als die Meldung
kam: Alles zum Bahnhof, es wird noch
ein Zug eingesetzt! So zogen wir los, mit
Gepäck, mit Decken und etwas Verpflegung
 für uns. Lange Wartezeit, bis wir
dann auf dem Hauptbahnhof in Königsberg
 ankamen. Es war ein totales Durcheinander
 auf den Bahnsteigen. Unser Zug
fuhr aber weiter bis Zimmerbude und
dann nach Peyse zu einem Bauern, wo
wir zwei bis drei Tage verbrachten. Dann
wurden wir zum Hafen von Peyse gebracht
 und kamen mit einem Schiff bis
Gotenhafen. Dort herrschte das Chaos.
Marinesoldaten nahmen uns mit und
brachten uns auf ein Kriegsschiff. In all
dem Gewühl ging uns der kleine Koffer
mit allen unseren persönlichen Papieren

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verloren, aber wir vier Geschwister blieben
 in all dem Trubel zusammen. Auf
der Ostsee gab es Fliegeralarm, aber wir
kamen heil in Saßnitz auf Rügen an.
Von dort ging es mit dem Zug Richtung
 Rostock. Wir wurden in Blankenhagen
 raus gelassen. Wir kamen von dort
in das Forsthaus Billenhagen bei Rostock.
 Ich schrieb sogleich an unseren
Vati. Die Feldpostnummer hatte ich, und
nach langer Wartezeit bekamen wir auch
eine Antwort - geschrieben am
23.3.1945. Er hatte sich so gefreut, weil
er doch in großer Sorge um uns war. Für
jedes seiner Kinder hatte er ein kleines
Briefchen geschrieben in der Hoffnung,
uns bald wieder in die Arme schließen
zu können. Es war das letzte Lebenszeichen,
 aber er wusste, seine Kinder waren
 aus dem Inferno in Ostpreußen heraus
gekommen und gesund. Mit dieser Gewissheit
 ist er dann wohl auch in den Tod
gegangen. Seine Briefe habe ich noch

heute und nehme sie manchmal in die
Hand, um sie zu lesen.

1994 sind meine Schwester Jutta und
ich mit einigen ehemaligen „Nachbarskindem“
 in der Heimat gewesen. Wir waren
 in unserem Haus, welches gut erhalten
 ist. Den Friedhof und die Kirche gibt
es nicht mehr. Die Kirche wurde erst 1947
abgerissen und auf dem Friedhof steht
heute ein Haus. Es lagen noch ein paar
Trümmer der Kirche dort, und dort haben
 Gitta und ich ein paar Blumen im
Gedenken an unsere Eltern abgelegt.
Somit war es ein „Abschied für immer“.
Wir vier Geschwister haben alle Familien
 gegründet und wir sprechen viel mit
unseren Angehörigen über unsere schöne
 Heimat Ostpreußen.

Margot Benter
(früher: Reichssiedlung Gutenfeld)
Ludwig-v.-Beethoven-Str. 1
17438 Wolgast

Jugendjahre in russischer Gefangenschaft

von Januar 1945 bis August 1948

Am

27. Januar 1945 wurde der Großteil
 des Landkreises Königsberg von
russischen Truppen besetzt. Meine Mutter
 und wir drei Kinder hatten uns unserem
 Großvater mütterlicherseits, Gustav
Schütz aus Schaaksvitte, angeschlossen
und sind gemeinsam am 27. Januar 1945
mittags über das zugefrorene Kurische
Haff mit Pferdeschlitten aus Schaaksvitte
westwärts geflüchtet.
Unterwegs von russischen Tieffliegern
 beschossen, erreichten wir gegen

Abend des betreffenden Tages das
Fischerörtchen Stombeck. Nachdem wir
dort die Nacht, die gespenstisch von brennenden
 Gehöften und Fahrzeugen erleuchtet
 war, verbracht hatten, trafen am
28. Januar 1945 gegen 10 Uhr die ersten
russischen Soldaten in Stombeck ein.
Nach einer weiteren Nacht mussten wir
gegen Abend das Dörfchen Stombeck
über das Eis des Kurischen Haffes in östlicher
 Richtung verlassen mit der Weisung,
 dass wir nach Sibirien kämen. 71