Full text : Unser Schönes Samland

— Mein Angorakaninchen

meiner Kindheit im kleinen
i ü o r f Godrienen im Landkreis
Königsberg sind noch viele Erinnerungen
 wach. So auch diese:
Im kleinen Stall, neben großen und
kleinen Gartengeräten, standen links vom
Eingang auf hohen Stelzen ein paar
Kaninchenställe. Darüber war eine Zwischendecke
 eingezogen, über eine
schmale und wackelige Leiter gelangte
man dorthin, wo Eleu für die Tiere lag.
Jedes der graumelierten Kaninchen hatte
einen Namen und wurde oft von mir mit
zusätzlichen Leckerbissen gefüttert. Jedes
 Mal, wenn eines der Kaninchen dann
im Brattopf landete, gab es eine große
Tragödie.
Eines Tages kam Papa mit einem großen
 Karton nach Hause. Im Karton, der
mit vielen Löchern versehen war, raschelte
 es geheimnisvoll. „Mach den Karton
ruhig auf‘, sagte er zu mir, „es ist keine
giftige Schlange drin.“ Schnell machte
ich mich über den Karton her. Ein starkes
 Band war mehrmals herum geschlungen,
 aber ich machte jeden Knoten einzeln
 auf, ohne nach der Schere zu greifen.
 Auch Mutti schaute nun neugierig
zu und meinte „Nun mach schon!“ Endlich
 war der Karton vom Band befreit,
ich nahm den oberen Deckel ab und
schaute hinein. Ein schneeweißes,
wuscheliges Knäuel sah mich sppeukc*.
mit roten Augen an. „Ein
Kaninchen“, rief ich, „ein
schneeweißes Kaninchen
mit roten Augen!“ „Es ist
ein Angorakaninchen“, sagte
 Papa, „und es gehört dir. Du \
musst es füttern und auch täglich ^
bürsten, denn das Fell wird noch viel
länger und darf nicht verfdzen. Und ich
verspreche dir, dass es nicht geschlachtet

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wird.“ Das war die schönste Nachricht,
die das Kaninchen begleiten konnte. „Ich
werde es Schneeweißchen nennen“, sagte
 ich, „so ein weißes Kaninchen habe
ich noch nie gesehen. Und ich werde es
gut pflegen.“
Vorsichtig nahm ich nun Schneeweißchen
 aus dem Karton. Es sah mich
neugierig an und kuschelte sich in meine
Armbeuge. Ein paar Tage lang durfte es
noch in seinem Karton in der Küche stehen
 bleiben, aber dann musste es ebenfalls
 in den Stall. Papa hatte schon einen
neuen Stall gebaut. Jetzt kam frisches Heu
hinein. Ich bürstete „Schneeweißchen“
und achtete darauf, dass immer frisches
Futter und Wasser in seinem Stall standen.
 Wenn ich am Nachmittag den Stall
betrat, kam Schneeweißchen gleich an
das Gitter seines Ställchens gehoppelt, es
wusste, dass ich ihm eine knackige Karotte
 aus dem Garten brachte. Wir hatten
viel Spaß miteinander. Es wuchs und sein
Fell nahm immer mehr zu. Eines Tages
sagte Mutti „Hol doch vom Keller den
großen Karton herauf. Morgen kommt
der Knecht vom Bauern und holt Schneeweißchen
 zum Scheren ab. Wir fahren
übers Wochenende zu Omchen und nehmen
 das Vlies gleich mit.“
Ich konnte mir unter „Scheren“ nicht
viel vorstellen und dachte weiter nicht
nach. Ich war nur um mein Kaninchen
 besorgt. Ich holte den
Karton, der Knecht kam und
* ging gleich wieder mit

Schneeweißchen unter
dem Arm. Am Nachmittag
i, } brachte er den Karton

wieder zurück. Er stellte
ihn einfach mitten auf die Erde
im Stall und verschwand, nachdem
Mutti ihm etwas in die Hand gedrückt

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hatte. Ich lief in den Stall und machte
den Karton auf. Aber, oh Schreck, was
war mit Schneeweißchen geschehen? Es
war nackt und rosa, und seine roten Augen
 schienen noch größer. Ich schrie wie
am Spieß, so dass Mutti angelaufen kam.
Als sie den Grund meines Geschreis sah,
lachte sie nur laut und sagte: „Schneeweißchen
 ist doch nur geschoren worden.
 Es wird nicht lange dauern, dann
hat es wieder sein schönes, weißes Fell.“
Wenige Tage darauf nahmen die Eltern
 die Fahrräder aus dem Stall, und wir
fuhren zu Omchen nach Althof. Vorne
bei Mutti wurde ein Körbchen für mich
eingehängt, Schneeweißchens Vlies kam
auf den Gepäckträger zu Vater.
Ich fuhr gerne zu Omchen. In ihrem
Haus gab es die wundersamsten Düfte,
die man sich vorstellen kann. Da roch es
schon beim Betreten des Hauses nach Geräuchertem,
 nach Stoffen und Kreide in
der Schneiderstube, nach Äpfeln, die auf
den mächtigen Schränken in der großen
Schlafstube aufgehoben wurden, nach
Kaffee in der Röhre des großen Kachelofens.
 Und heute roch es nach Fladen,
der noch im Backofen über dem ausgehenden
 Feuer stand. Gleich würde ihn
Omchen herausnehmen und dick mit

Zucker bestreuen. Später ging ich mit
Opa auf die Weide. Dort stand die „Liese“
 mit ihrem Kälbchen. Ich war auf
„Liese“ gar nicht gut zu sprechen, hatte
sie doch ruhig zugesehen, als mich ihr
Kälbchen einfach umrannte, als wir zuletzt
 hier zu Besuch waren.
Omchen würde sich dann später ans
Spinnrad setzen und aus dem Vlies von
Schneeweißchen Wolle spinnen.
Zu Weihnachten 1944 bekam ich ein
Päckchen von Omchen, höchstpersönlich
an mich adressiert. Darin war ein wunderschöner,
 schneeweißer, kuschelweicher
 Pullover. Er hatte kurze Ärmel und
würde ganz besonders zu meinem neuen
Faltenrock passen.
Aber ich konnte mich nicht lange über
dieses schöne Stück freuen. Als wir kurz
nach Weihnachten zu Fuß auf die Flucht
gehen mussten, zog Mutti mir diesen
Pullover an und zwei weitere, warme
Kleider darüber.
Und Schneeweißchen? Werweiß, was aus
ihr geworden ist.

Marlies Stern
Via 27 Marzo, 65
1-19122 La Spezia

— Palmnicken - mein Kindheitsparadies

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keine Erinnerung geht zurück bis
[zur Mitte der zwanziger Jahre,
rals ich mit meinen Eltern oft bei
meinen Großeltern war, die auf dem
Gutshof (Pächterhof) wohnten. Opa war
Schäfer und das mit großer Liebe zu den
Tieren. Von den Bauern der Umgebung
wurde er nachts oft zu schwierigen Tiergeburten

 geholt.
In der Stube stand ein großes Himmelbett,
 in das ich kleine Marjell zum Mittagsschlaf
 gelegt wurde. Später gab es
das von mir so bewunderte Himmelbett
nicht mehr. Da schlief ich in der „Kammer“,
 deren Fenster zur Gärtnerei ging.
Morgens fand ich oft ein Tellerchen mit 77