Erdbeeren auf der Fensterbank, das die
Gärtnerfrau mir hingestellt hatte.
Meine Mutter erzählte mir viel aus ihrer
eigenen Kindheit. Als ihre Schulzeit
begann, wohnten sie noch nicht in Palmnicken
(möglicherweise in Kirpehnen?)
und die Kinder mussten den Weg in die
Schule zu Fuß bewältigen. Opa hatte den
Kindern Schlorren gemacht, denn für
alle Kinder Schuhe zu kaufen, war nicht
möglich. Als sich einmal der Schulrat
angemeldet hatte, sollte Mama nicht mit
Schlorren gehen und bekam die viel zu
großen Schuhe ihrer älteren Schwester
angezogen. Sie wurde dann an die Tafel
gerufen und hat sich furchtbar geschämt
mit den großen Schuhen.
Oma hatte sich einmal den Arm ausgekugelt
und Sanitätsrat Lehnert kam,
um ihn wieder einzurenken. Die beiden
jüngsten Marjellchen saßen verängstigt
und weinend auf der Ofenbank, aber der
gute Onkel Doktor tröstete sie: „Grient
man nich, die Mama (Betonung auf der
zweiten Silbe!) is wedder gesund!“
Noch etwas erzählte meine Mutter:
Die Toiletten waren nicht in den Wohnungen,
sondern an den Ställen. Die Marjellchens
trafen sich dort auf dem „Pardemang“,
wo sie in einer Reihe nebeneinander
sitzen konnten. Besonders schön
war es natürlich, wenn ein Bonbon von
Mund zu Mund die Runde machte! Diese
Kinder waren auch ohne Komfort
glücklich und sicher gut vorbereitet auf
das nicht immer leichte Leben, das vor
ihnen lag.
Ein besonderer Tag war es immer,
wenn die Rente von der Post geholt
wurde. Dann stand Oma schon besonders
früh auf und traf sich mit Oma David.
Da die Post erst um 8 Uhr öffnete, saßen
die beiden bereits auf den Stufen und
warteten.
Ja, das Leben damals ist für die heutige
Generation wohl kaum vorstellbar.
Aber die Menschen waren dennoch
glücklich und zufrieden. Abends saßen
sie nach getaner Arbeit auf der Bank vorm
Elaus und „schabberten“ mit den Nachbarn.
Die Goldene Hochzeit unserer Großeltern
war für uns Kinder ein Erlebnis.
Das „Goldene Paar“ und die Erwachsenen
fuhren mit Kutschen in die Kirche
und wir Kinder liefen fröhlich mit. Die
ganze große Familie hatte für die Feier
Platz in der kleinen Wohnung!
Für mich ist Palmnicken mein Kindheitsparadies.
Aufgewachsen bin ich in
Königsberg, aber alle meine Schulferien
verlebte ich bei meinen Verwandten auf
Frannecks Höh. Unsere See war wirklich
einmalig. Wir brauchten nur über die
Straße und den Seeberg runter zu gehen
und konnten den ganzen Tag in dem herrlichen
Sand liegen und immer wieder ins
Wasser gehen. Schön war es für uns natürlich,
dass die Blaue Erdwäsche in der
Nähe war. So gingen wir oft „inne Mott“,
um Bernstein zu finden. Das aber sollte
wohl nicht sein, der Wächter ließ auch
manches Mal den Hund auf uns los, doch
wir konnten immer noch schnell wegpesen!
Ab März 1945 lebte ich mit meiner
Mutter (nach den beiden schweren Bombenangriffen
der Engländer auf Königsberg)
in Palmnicken und musste auch die
schwere Zeit beim Russen dort durchleben.
Doch das ist ein anderes Kapitel,
Wir waren abgetrennt von jeder Nachricht
und meinten, als in Pillau noch geschossen
wurde, der Amerikaner käme
uns befreien. Wie glücklich waren wir,
als im Herbst 1946 die erste Post aus dem
78
v - »
Westen kam und wir erfuhren, dass mein
Vater und mein Mann sich dort gefunden
hatten. Das gab Kraft, auch noch den
Winter zu überstehen, so dass es im Sommer
1947 ein glückliches Wiedersehen
gab.
Im Sommer 1992 fuhr ich mit meinem
Enkel nach Palmnicken und wollte
ihm unseren wunderschönen Strand zeigen.
Was aber hatte man mit dem Bemsteinabbau
daraus gemacht? Es war zum
Heulen. Zu verkraften ist das bedrückende
Wiedersehen nur, wenn man die Gegenwart
ausblendet. Das wurde mir bewusst,
als ich die abgeschlagene Stufe zur
Wohnung meiner Verwandten erst auf
dem Foto wahmahm. Aber auch wenn
das Wiedersehen mit der Heimat bedrückend
ist, es bleibt unsere geliebte Heimat,
in der wir fest verwurzelt sind.
Elsbeth Dardat, geb. Schirrmann
Melssunger Straße 12
34576 Homberg/Efze
Hundeleben
In
der elterlichen Landwirtschaft aufgewachsen,
entwickelte man im Laufe
des Lebens auch viel Tierliebe. Viel??
Nach heutiger Einsicht zu wenig! Denn
die Erkenntnisse von Herrn Prof. Heinz
Sielmann, Tierforscher und -filmer (ein
treuer Ostpreuße) beschäftigen mich
immer wieder. Dessen Überzeugung ist:
Hunde, die die Beine der Menschen umklammern,
wollen sagen: „Komm, spiel
mit mir.“
Genau dies tat „Nixe“, unsere Hofhündin
(Kettenhund), wenn ich an ihrer
Hundehütte vorbei ging. Dieses Verhalten
wiederholte sie. Schroff wehrte
ich ihr Begehren ab! Denn es konnten ja
die Strümpfe schmutzig werden - und
natürlich auch kaputt gehen. Erst Professor
Sielmann öffnete mir nach Jahr
und Tag die Augen. Anscheinend sind
auch weibliche Hunde verspielter.
Außerdem bedaure ich noch heute die
verschiedenen Kettenhunde, die im Laufe
der Jahre ihren „Dienst“ bei uns taten -
doch nie zum Austoben ihre Zwangsketten
ablegen durften. Warum? Nachts
Herrchen mit Hund - Effie hat sich durchgesetzt
Foto: priv.
wäre dieses doch möglich gewesen. Zu
den Kettenhunden zählten auch „Lord“
und „Mops“, die uns aus Altersgründen
nach und nach verließen. Arme Hunde!
Nur ein Hund hatte „Familienanschluss“.
Es war „Effi“ - sie durfte zur
Viehweide mitlaufen und hatte im Sommer
ihre Aufgabe, die Milchkühe als
Gruppe zur Melkzeit zusammen zu halten.
Aber auch sonst war sie recht neu- 79