Full text : Unser Schönes Samland

Fährmann sagt: „Na, denn smiet man
los.“ Und tucker, tucker ist die Fähre bald
auf meiner Seite: Anlegen, Motor abstellen.
 Still liegt sie wieder und gut vertäut
bis zum nächsten „Smiet man los!“
Ein echter Fährmann fährt, wenn er es
will. Und wenn er nicht will, fährt er
nicht. Da hilft kein Bitten: Würden Sie
freundlicherweise losfahren? Ich komme
sonst zu spät zum ... zur.... Da hilft auch
kein Anschlägen der Messingglocken an
den Anlegestellen, wo gerade gewartet
wird.
Der Fährmann fährt, wann er will, weil
er nicht fahren muss. Über ihm schweben
 nur zwei Gesetze, die auf großen
Tafeln hüben und drüben zu lesen sind:
DIE ÜBERFAHRT ÜBER KÜNSTLI­CHE
 GEWÄSSER IST KOSTENLOS.
DIE FÄHRE VERKEHRT NACHTS
VON 2 BIS 3 UHR NICHT.
Was geschieht auf der Fähre zu so später
Stunde? Schichtwechsel? Ich habe zu
dieser nachtschlafenden Zeit nie an einem
 Anleger gestanden. Auch an einen
Schichtwechsel kann ich mich nicht erinnern.
 So bleibt es denn für mich ein
ewiges Geheimnis, wer wann wem auf
meiner Fähre das Ruder übergeben hat.

Atom
Es ist Sommer, Mittagszeit, Schule aus.
Wiebke steht am Stadt-Seitenanleger und
wartet. Es ist heiß. Heut Nachmittag gehe
ich baden, Schularbeiten erst danach,
überlegt sie sich.
Da, ganz unerwartet, stellt sich jemand
neben sie. Rosi Hermes ist es, eine oder
zwei Klassen höher als sie. Rosi beginnt
sofort zu reden: „Du, weißt du, wie das
kleinste Teilchen heißt?“
„Atom“, antwortet Wiebke gelangweilt.
„Jetzt, Wiebke, eine zweite Frage.

Gibt es noch kleinere Teilchen als das
Atom?“
„Nein.“
„Falsch“, sagt Rosi, „es gibt sie. Und nun
stelle dir bitte dies vor: Man kann jetzt
Atome kleiner machen, man kann sie
spalten, ja sogar zertrümmern kann man
sie.“
Wiebke versucht, es sich vorzustellen. Ein
Atom, weiß sie, ist mit bloßem Auge
nicht zu erkennen. Trotzdem hat sie sich
unter einem Atom immer ein winziges
schwarzes Kügelchen vorgestellt, wie ein
Mohnsamenkom auf einem Brötchen, nur
eben noch kleiner. Das soll man spalten
können? Auf einem Holzbrett etwa, mit
einem Kartoffelschälmesser? Schwierig,
es wird wegrollen. Zertrümmern
vielleicht, ... mit einem Stein, oder?
Weiter kommt sie nicht mit ihrem
steinzeitlichen Vorstellungsvermögen.
Rosi redet wieder, noch aufgeregter als
eben: „Wiebke, die ganze Sache ist sehr
kompliziert und hochgefährlich. Bei der
Atomspaltung entwickelt sich nämlich
eine unvorstellbar große Hitze“. Darum
mache man noch alles im Kleinformat
im Labor - und sie nennt Namen wie
Madame Curie und Otto Hahn. Man forsche
 und arbeite fieberhaft, denke sogar
an Waffen. Rosi erwähnt Vokabeln wie
Radium und Uran.
Inzwischen ist die Fähre da. Die Mädchen
 steigen ein. Auch während der
Überfahrt ist Rosis Redefluss nicht zu
bremsen.
Einmal wird sie von Wiebke unterbrochen:
 „Rosi, das scheint mir etwas sehr
Wichtiges und Ernsthaftes zu sein, was
ihr in Physik hört und lernt. Ich bekomme
 sogar ein wenig Angst. Bei wem habt
ihr Physik?“ „Bei Papa Z. (Studienrat
Zweiniger).“

„Bei dem haben wir auch, aber nicht so
was. Außerdem, was er uns beibringt,
kapiere ich nicht. Liegt es an mir, dass
ich schlecht bin in Physik? Was du mir
eben erzählt hast, habe ich gut verstanden.“

Sie steigen aus, gehen bis zu Wiebkes
Gartenpforte, bleiben stehen.
„Wiebke, höre nur noch das: Es liegt etwas
 ganz Neues in der Luft, etwas kaum
Denkbares, eine Entdeckung wie das
Feuer, nur viel, viel heißer!“ sagt Rosi.
Dann geht sie.
Ich habe das Erlebnis nicht vergessen:
Der heiße Sommertag, das Warten auf
die Fähre, der lebhafte engagierte Vortrag

 von Rosi Hermes über Atomspaltung,
das alles denke ich immer zusammen.
Wäre die Fähre gleich gekommen und
gleich wieder abgefahren, ich wäre Rosi
nicht begegnet. Nie hätte es dies Gespräch
gegeben, nie hätte ich zu diesem Zeitpunkt
 etwas über Atomenergie erfahren.
Wann war das eigentlich? 1941, 1942?
Eine heiße Geschichte über ein heißes
Eisen, mitten im Krieg, der immer heißer
 wurde. (Fortsetzungfolgt im nächsten Fleft)

Wiebke Torp, geb. Treplin
Tangstedter Str 20
25421 Pinneberg

Mit einem Pungel mit Nuscht -

Es

war im Oktober 1947 in Sorgenau,
unserem Heimatort. Da hieß es auf
einmal, wir kommen raus. Geredet wurde
 schon lange davon. Und einen Transport
 hatte es auch schon gegeben. Nun
sollte alles ganz plötzlich gehen.
Wir wohnten in Schiemanns Haus am
Seeberg. Davor hatten wir jahrelang in
unserem Albrechts-Haus gewohnt. Wir,
das waren meine Mutter, meine beiden
Brüder, Tante Ruth und Elfe. In Schiemanns
 Haus hatten wir uns sehr verschlechtert:
 Es gab kein Klo. Überbevölkert.
 Der Herd kaputt. Da hätten
wir den Winter wohl kaum überlebt.
Maxens Herta mit ihren beiden Kindern,
die dort schon wohnten, rückten noch
etwas enger zusammen. Aber nun hieß
es: Raus.
Die Russen wussten anscheinend schon
Bescheid, wir waren noch nicht ganz raus,

1947 „heim ins Reich"

da wurde schon geplündert. Dann alle
rauf auf Lastwagen, es gab ja kaum etwas
 mitzunehmen. Im Dunkeln fuhren
wir zum Palmnicker Bahnhof, dort war
die Sammelstelle. Nach langem Warten
kam endlich der Zug. An Sorgenau vorbei
zuckelte er in Richtung Fischhausen-Königsberg.
 Als wir am Sorgenauer
Bahnhof vorbeifuhren, wurde mir ganz
traurig zu Mute, obwohl es doch „heim
ins Reich“ ging. Wer würde unser Dorf
noch einmal wieder sehen? In der
Morgendämmerung erreichten wir Königsberg.
 Alles raus und aufgestellt, abgezählt,
 warten, Papiere ausstellen
(Prokus), warten. Wir Kinder liefen rum,
hatten Hunger und Durst. Aber das waren
 wir ja gewöhnt. Ich war damals neun,
meine Brüder Detlef und Gerd acht und
sechs Jahre alt.
Erinnern kann ich mich, dass die ganze