Full text : Unser Schönes Samland

Liegt Kafkas Schloß in Ostpreußen?

„War Kafka eigentlich ein realistischer
 Beschreiber von Diktaturen, oder
war er ein krankhafter Sadist?“, fragte
mich einmal die Germanistik-Professorin
 der Universität Kaliningrad,
Dr. Jenny Salkova, die mir im Laufe
der Jahre zu einer heben Freundin
geworden ist. „Ich finde seine Werke
schrecklich!“, fügte sie noch hinzu.
Gemeint war der Prager Dichter
Franz Kafka (1883-1924), der mit seinem
 Roman „Der Prozeß“ und „Das
Schloß“ eine Welt entwirft, in der der
Einzelne einen verzweifelten Kampf
gegen undurchdringliche und unerreichbare
 Behörden, unverständliche
Vorschriften, rätselhafte und stets neue,
unbekannte Gesetze und unsichtbare
juristische Einrichtungen führt, ln dem
Roman „Der Prozeß“ wird die Hauptperson,
 der Prokurist Josef K., von
einem unbekannten Gericht angeklagt,
erfährt aber nur, daß er jetzt einen
Prozeß hat, nicht aber den Grund der
Anklage, und kämpft ein Jahr lang mit
allen Mitteln gegen dieses Gericht, zu
dem plötzlich seine ganze Umgebung
gehört, bis er zuletzt hingerichtet wird.
In dem Roman „Das Schloß“ wird der
Landvermesser K. in eine abgelegene
Gegend berufen, um in die Dienste des
dortigen Schlosses zu treten, und findet
sich einem rätselhaften, unerreichbaren
Beamtenapparat gegenüber, der alle
seine Versuche, ins Schloß zu gelangen
und dort seinen - schriftlich angeforderten!
 - Dienst zu tun, vereitelt. Auch
er scheitert an den irrationalen, absurden
 Gesetzen dieses Systems.
Daß Dichter Seher sind und daß
auch Kafka vieles vorausgesehen hat -

er war im Dritten Reich verboten, weil tum, ein erhaltenes Gebäude natürlich
er Jude war, und er war in sämtlichen auch. Das ließe sich ja noch klären, aber
Ostblock-Staaten strikt verboten ist plötzlich treten noch weitere Besitzer
eine Binsenweisheit. Im nördlichen und Nutzer mit Rechtsansprüchen auf,
Ostpreußen aber kann man heute mit- von denen man bisher eigentlich nichts
unter „Kafka life“ erleben, um ein neu- wußte. Da hat jeder etwas zu sagen und
deutsches Wort zu gebrauchen, das gar vor allem etwas zu bekommen: der
nicht nötig ist. Es gibt nämlich in der Bürgermeister, der Lagerverwalter der
Fachliteratur bereits den Begriff „kaf- Sowchose, der Direktor der Reparaturkaesk“,
 und damit sind absurde, surrea- Werkstatt zwei Dörfer weiter und noch
listische, traumhafte Vorgänge gemeint. einige mehr.
Da steht irgendwo in einem Dorf Die deutschen und russischen
eine Kirche oder Kirchenruine, ein Idealisten treten dennoch den Weg
Schul-oder Pfarrhaus aus dem 18. Jahr- durch die Institutionen an. Es gibt
hundert, eine große Ziegelscheune aus schöne Erfolge. Das Gebäude wird
deutscher Zeit oder was auch immer. unter Denkmalschutz gestellt, Persön-Niemand
 kümmert sich darum, wenn lichkeiten aus der Kulturabteilung, aus
das Gebäude nicht mehr genutzt wird. der Gebietsverwaltung und von der
Es hat vielleicht jahrelang noch als Behörde für Denkmalspflege bekun-Lagerhalle,
 als Wohnhaus oder auch als den Interesse und Freude darüber, daß
Kindergarten gedient, und eines Tages dieses erhaltenswerte Gebäude nun
wird es nicht mehr gebraucht. Nun auch erhalten werden soll, man reist an,
kann es passieren, daß es verfällt, daß I begutachtet, verspricht Unterstützung,
brauchbares Material „mitgenommen“ zeigt sich verbindlich. Den Kampf mit
wird und daß es schließlich nur noch den Ämtern führen die Träger der
als Steinbruch dient. Auch das interes- Initiativen dann aber allein. Die Zusiert
 zunächst niemanden. Bis plötzlich ständigkeiten der Behörden wechseln
jemand entdeckt, daß es sich um ein die Direktoren. Jeder will andere Vorhistorisch
 bedeutsames Gebäude han- aussetzungen erfüllt haben. Der eine
delt. Da kommt ein russischer Maler ins verlangt ein Vermessungsgutachten von
Dorf und erblickt hier ein kostbares einer bestimmten Firma - daß das
Motiv; da stellt der russische Lehrer Gebäude bereits vermessen ist, interesdes
 Dorfes nach einigen Recherchen I siert nicht. Liege aber dieses gewünschdie
 Entstehungszeit, den Baustil, die I te Gutachten vor, so werde das Gefrühere
 Nutzung des Gebäudes fest; da bäude zur Restaurierung freigegeben,
bilden sich deutsch-russische Initiati- Das Gutachten wird erstellt und teuer
ven, die das Gebäude retten und sanie- I bezahlt. Doch dann wird der Direktor
ren wollen. Die Bevölkerung freut sich, abgesetzt. Sein Nachfolger verlangt ein
weil sich in ihrem Dorf etwas tut. I genaues Nutzungskonzept, das Gut-Doch
 dann wird die Sache schwierig. I achten interessiert ihn nicht. In vielen
Die Ruine ist schließlich Staatseigen- I Arbeitsstunden wird das Nutzungskonzept

 von den Russen und den Deutschen
 aufgestellt. Dann aber sind noch
notarielle Beglaubigungen nötig, denn
inzwischen haben nicht nur die
Deutschen einen Verein zur Erhaltung
des Gebäudes gegründet, sondern auch
die Russen. Die russische Advokatin ist
dann aber weitaus preiswerter, ihr
Honorar beträgt ein Wenigfaches der
Summe für das Gutachten - ein
Vorteil. Aber da - wieder ein neuer
Direktor! Inzwischen haben Wahlen
stattgefunden, da kann das halt passieren.
 Der wiegt den Kopf. Die Finanzierung
 der Restaurierungsarbeiten
müsse von deutscher Seite garantiert
sein, sonst könne das Gebäude nicht
übergeben werden. In Deutschland
setzt ein Notar eine entsprechende
Erklärung des deutschen Vereins auf,
der russische Partner, der endlich einmal
 die deutschen Freunde zu ihrer
aller Freude besucht, nimmt sie mit,
liefert sie ab mit Übersetzung - er ist
zugleich der Dolmetscher der ganzen
Initiative, aber dann kommt der
Winter, und als das Frühjahr in das
schöne, geliebte Ostpreußen zieht, ist
wieder ein neuer Direktor da. Der muß
sich erst mal einarbeiten. Als er sich
eingearbeitet hat, schlägt er vor, das
ganze Projekt über Moskau laufen zu
lassen; anders ginge es nicht. Weder die
Deutschen noch die Russen der Initiative
 haben etwas dagegen, aber als sie
hören, daß allein der Vertrag DM
30.000,— kosten soll, müssen sie passen.
 Der Vertrag kommt nicht zustande.
Eine solche Summe kann man auch auf
bundesdeutscher Seite nicht so ohne
weiteres ausgeben.

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