in den Windschatten der Wanderdünen
kamen und die Wellen kleiner wurden.
Total steifgefroren stiegen wir runter in
den Salon und sahen uns einem unbeschreiblichen
Chaos gegenüber. Die Luft
war zum Schneiden dick und es roch
fürchterlich! Die Gesichter unserer Lieben
waren grüner als die Polsterung. Der
große blanke Kugelaschenbecher hatte
sich losgerissen und seinen Inhalt im ganzen
Salon verstreut. In der kleinen Kombüse
nebenan waren die Teller gleich
stapelweise aus den Borden gestürzt und
selbst die Kaffeetassen an der Decke
waren ausgehakt und zerschellt. Als das
Vorschiff wieder frei war, konnte man
besser lüften und die Lebensgeister kehrten
langsam wieder zurück. Nach kurzem
Halt in Rossitten waren wir dann
bald in Nidden und die Qual hatte nach
über zehn Stunden ein Ende. Wir wurden
wieder vom Kapitän per Handschlag
verabschiedet, bevor er weiter nach
Memel fuhr.
Die Rückfahrt nach zehn Tagen war dann
das ganze Gegenteil, blauer Himmel und
Sonnenschein. Viele Möwen umkreisten
unser Schiff und ließen sich füttern und
das Haff glänzte wie flüssiges Silber, aber
trotzdem sind wir nie, nie wieder mit der
„Elisabeth“ in das schöne, unvergessliche
Nidden gefahren.
Heinz Bleeck
Erich-Weinert-Str. 37
18059 Rostock
In der Roggenaust
In
den Sommerferien beginnt bei uns
mit dem Roggen hauen die Getreideernte.
Wie bei allen kleinen Bauern wird
auch auf unserem Hof das Getreide noch
mit der Sense gehauen und von Hand gebunden.
Die Hauer haben am oberen
Ende des Sensenbaumes einen halbkreisförmigen
Bügel aus Weiden- oder Haselnusstrieben
befestigt. So legen sich die
geschnittenen Halme glatt und mit den
Ähren zu einer Seite in den Schwärt. Die
Binder, meist Frauen und junge Mädchen
- der Ausdruck Mägde wird von uns einfachen
Leuten kaum gebraucht - nehmen
das Getreide auf und formen es zu glatten
Bündeln. Mit einem Band aus einigen
Halmen wird die Garbe unter Anwendung
einer besonderen Verknotung
gebunden. Dabei dürfen keine Ähren
durch den Knoten beschädigt werden -
jedes Korn ist wertvoll, auch darf sich
das Band nicht öffnen, wenn die Garbe
geworfen wird! Bei uns sind meist vier
bis fünf Paare auf dem Feld. Zu einem
Paar gehört ein Hauer und ein Binder.
Die Väter von Hans und Manfred sind
immer als Hauer dabei. Dazu kommt
Walter Kauritz, unser Kutscher. Er wohnt
in der Kutscherstube über der Waschküche.
Meist sind auch die Väter von Trude
und Vera dabei; sie haben um diese Zeit
Ernteurlaub. Die Mütter von Hans,
Manfred, Trude und unsere beiden Mädchen
Hedwig und Hildchen binden.
Heute morgen wurde auf unserem
Roggenfeld mit dem Hauen begonnen.
Gerade angezogen, werde ich von Vater
gerufen: „Geh’ mal aufs Feld und sieh’
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nach, wie weit die Hauer gekommen
sind!“ Ich gehe über den Hof, vorbei an
meinem Bretterschuppen. Durch das
Kirchhofstor im Hofzaun erreiche ich das
direkt dahinter liegende Roggenfeld.
Zwischen den am Boden liegenden Garben
kommt mir Hildchen, mit einigen
glatten Roggenhalmen in der Hand entgegen.
Mit einem schnellen Griff erfasst
sie meine rechte Hand, legt das Band aus
den Roggenhalmen fest um den Oberarm
und verschließt es gekonnt mit dem
Garbenknoten! Es folgen die Worte:
“Nach altem Brauch wünsche ich euch
und uns Glück und Brot fürs ganze Jahr!”
Dann lässt sie mich los.
Ich kenne den Brauch des Bindens und
weiß: Jetzt muss ich schnellstens wieder
nach Hause! Dort hat Mutter schon den
Frühstückskorb voll gepackt, während
Vater im Laden aus den extra zur Aust
bestellten Fässern Ponather März für die
Hauer und Ponather Malz für die Binder
in die Tragekannen zapft. Zusammen
gehen wir aufs Roggenfeld. Diesmal
kommt uns Trudchens Mutter entgegen.
Sie, die älteste unter den Binderinnen,
nimmt mir die Roggenbinde vom Arm;
so will es der Brauch, wenn die von
Hildchen, der jüngsten Binderin ausgesprochenen
Wünsche sich erfüllen sollen!
Nach der Zeremonie des Bindens machen
wir alle Frühstück auf dem Roggenfeld.
Jetzt, in der zweiten Julihälfte, ist es
sehr warm, das macht durstig. So tragen
wir Kinder mehrmals am Tag Kannen mit
Saft, Tee oder Buttermilch auf das Feld.
Aber am liebsten mögen alle Bier; fürs
Tragen bekommen wir auch einen Becher
voll Trinken. Am späten Nachmittag,
nach der Vesperpause, werden die
Garben, sechs bis acht Stück, mit den
Ähren nach oben, zu je einer Hocke aufgestellt.
Dabei können wir Jungens
wieder mithelfen. Wir tragen die Garben
zusammen. Das Aufstellen machen
die Großen, denn dabei müssen die Garben
so auf den Boden gesetzt werden,
dass die Hocken auch bei einem Windstoß
nicht zusammenfallen.
Im Sommer wird überall bis abends
sieben Uhr auf den Feldern gearbeitet.
Nach Feierabend hört man im ganzen
Dorf den Klang der Hämmer beim Sensen
klopfen. Bei Sonnenuntergang wird
es dann still im Dorf. Die Arbeit auf den
Feldern gibt auch in warmen Sommernächten
einen guten Schlaf bis zum nächsten
Morgen. Wenn die Morgensonne im
Osten zwischen den gestutzten Linden
hindurch lugt, schiebe ich die Steppdecke
zurück. In Turnhose geht’s die Holztreppe
hinab und in den Garten. Dort
steht, von einem Bretterzaun geschützt,
die große Badewanne. Ein kurzes Abschnuddeln
mit dem über Nacht abgekühlten
Wasser erfrischt! An sehr warmen
Tagen planschen wir gern in der
Wanne. Das verplemperte Wasser holen
wir in Eimern von der großen Pumpe
bei Pax, dem Hofhund, denn am Abend
muss die Wanne wieder voll sein. Oft
baden sich dann die Mädchen dort. Hans
und Manfred versuchen dabei durch die
Ritzen im Bretterzaun zu spähen; eigentlich
weiß ich gar nicht so recht warum,
trotzdem nehme auch ich gern ein Auge
voll, wie Hans sagt. Einmal erwischt
Mutter uns drei dabei! Au au au! Wir
können uns nich’ mal umdrehen, da hagelt
es für alle drei links und rechts was
an’e Ohren! Trotzdem haben wir andermal
wieder gekiekt! Aber erwischt werden
wir nicht mehr; einer von uns hält
immer Wache!