Full text : Unser Schönes Samland

Flugreise nach Nordostpreußen

September 2001

(Fortsetzung des Reiseberichtes in Folge 152)

Im

ersten Teil des Berichtes galten unsere
 Besuche dem weiteren Umfeld
Fuchsbergs im einstigen Landkreis
Königsberg. Deprimierend der weitere
Niedergang der Landwirtschaft, verbunden
 mit einer zunehmenden Versteppung.
Ein Besuch in Rauschen soll diesen
Negativtrend kompensieren. Bei meiner
Visite im Sommer 1991 konnte ich meine
 Jugenderinnerungen an dieses Ostseebad
 durchaus positiv auffrischen.
Damals verhalf mir Sascha, ein russischer
Student, zu einem sehr aussagekräftigen,
halbstündigen Videostreifen. Diese
Kenntnis kommt mir jetzt zugute.
Die Strandpromenade wirkt bunter und
lebhafter. Unzählige kleine Stände präsentieren
 Bernstein in allen Farben und
Formen - teilweise ideenreich und verfeinert.
 Dazwischen Angebote für das
leibliche Wohl. Wir entscheiden uns, von
der Sonne inspiriert, für ein Eis. Damals
beeindruckten die vielen Mosaikplastiken
und ganz besonders die auf den Bodenplatten
 befindliche große Sonnenuhr mit
den Tierkreiszeichen. Dieses Prunkstück
hat inzwischen sehr gelitten. Positiv zeigt
sich das Hotelangebot, das damals noch
den „verdienten Veteranen“ der Sowjetmacht
 Vorbehalten blieb, ln diesem parkähnlichen
 Ostseebad könnte man sich
auch längere Zeit wohlfühlen. Dieser
Eindruck bestärkt uns in der Absicht,
Cranz zu besuchen.
Es war einst das Mondäne unter den
Ostseebädern. 1991 war uns der Besuch
verwehrt. Angeblich militärisches Gebiet
mit gewisser Vorpostenfunktion für die
Kurische Nehrung, die noch teilweise mit
Raketen bestückt war. Die Strandpromenade

 enttäuschend. Die Betonpiste dürfte
 dem Hirn eines sowjetischen Militärs
entstammen, trist und lieblos. Ein noch
in Betrieb befindlicher Hotelneubau lässt
hoffen. Ein Lichtblick das „Tanzcafe
Cranz“. Bemerkenswert, da deutsch in
Schrift und Namen verboten war. In der
Stadt selbst beeindrucken renovierte Bauten
 aus deutscher Zeit.
Auf der Rückfahrt bleibt noch Zeit für
den Besuch der einstigen Ordenskirche
Neuhausen. Damals ein Trümmerhaufen.
Heute zeigt sie sich im alten Kleid, naturgetreu
 restauriert. Das Innere nach ca.
5-jähriger Nutzung sauber und gepflegt.
Eine neu-apostolische Gemeinde bereitete
 gerade eine Feier vor. Der Blumenschmuck
 signalisiert Leben in dieser
Kirche, deren Renovierung oder besser
Neuaufbau sinnvoll war. Das kann leider
nicht von allen Kirchenrestaurierungen
behauptet werden, die deutsch finanziert
und orthodox genutzt werden.
Es bleibt uns noch Zeit, in Königsberg
Eindrücke zu sammeln. Ohne Fahrbahnmarkierungen
 auf den noch holperigen
Straßen, schieben wir uns in ein Durchund
 Nebeneinander von Pkw und klapprigen
 Lkw. Der Fahrstil von Andre, unserem
 Fahrer, passt sich der rücksichtslosen
 Fahrweise an.
Langsam durchfahren wir eine verstopfte
 Straße, die links und rechts von
teilweise primitiven Verkaufständen gesäumt
 ist. Vereinzelt beherbergt eine auf
dem Boden liegende Plane gebrauchte
Habseligkeiten. Die schneckenartige
Vorwärtsbewegung erlaubt uns, dieses
Durcheinader interessiert aufzunehmen.
Wer jedoch den anwachsenden Autoverkehr
 als Indiz für Wirtschaftsaufschwung
 hält, der irrt. Teuere Einfuhren

selbst für Nahrungsmittel verschulden
das Land immer mehr. Korruption ist alltäglich.
 Beispiele dafür konnte ich selbst
leidvoll erfahren (Projekt Sternau). Die
„oberen Etagen“ mischten kräftig mit.
Hier sei an den ehemaligen Vizegouverneur
 Karetnij erinnert, der vermutlich
ca. 20 Milk DM von der
Dresdner Bank veruntreut hat.
Bei seinem einstigen Vorgesetzten
 Gorbenko befand er
sich in guter Gesellschaft.
Eine hochgelobte, mit Krediten
 aufgebaute Hühnerfarm
war ein Flop. Pleite. Nach
den Millionen sucht man heute
noch. Gorbenko-Ära!
Das am folgenden Tag besuchte
 neue evangelische Kirchenzentrum
 lässt die negativen
 Eindrücke des Vortages
vergessen. Der geschmackvolle
 solide Bau zeugt innen
wie außen von der wirtschaftlichen
 Potenz deutscher Institutionen. Er
vermittelt daneben den dort ansässigen
Russlanddeutschen ein positives Image
nach den Jahren sowjetischer Unterdrückung,
 die diese Menschen zu rechtlosen
Parias machte.
1997 hatte ich das Ehepaar Trautmann
noch im Wohnwagen in Meyken, Kr.
Labiau, angetroffen. Frau Trautmann
war voller Zuversicht, sehr bald den einstigen
 großväterlichen Besitz in Annenhof
beziehen zu können, den sie uns damals
zeigte. Wir sind enttäuscht, das Wohnhaus
 leer und unbewohnt vorzufmden.
Ihre Heimatreue ist bewundernswert. Ich
könnte mirjedoch vorstellen, dass Rückschläge,
 Schwierigkeiten mit dem allmächtigen
 Sowchosedirektor Bujankin,
den dortigen Behörden und letztlich altersbedingter

 Gesundheitszustand gewisse
 Grenzen aufzeigen. - So bleibt uns
noch Zeit, den weiteren Verfall der einstigen
 Musterhöfe Meyken und Gr. Droosden
 zur Kenntnis nehmen zu müssen.
Auch das ein Ergebnis der Wirtschaftsweise
 des Direktors Bujankin.

Das neue evangelische Kirchenzentrum in Königsberg

(Foto: K.Wulff)

Jedes Busreiseunternehmen steuert
obligatorisch Trakehnen an Auch uns
treibt die Neugierde dort hin. In der 5-Häuser-Siedlung
 Amtshagen ist Ruhe
eingekehrt. Das frühere Misstrauen gegenüber
 Fremden fehlt. In Gesprächen
ist Zufriedenheit erkennbar. Zwei neue
Hallen standen kurz vor der Vollendung.
- Der jahrelang in Trakehnen residierende
 Geschäftsführer der GST,
Pomplun, ist in die Wüste gejagt worden.
 Endlich. Der Nachfolger zeigt sich
offen und verbindlich. Das trägt offensichtlich
 zur Imageverbesserung der dortigen
 Projekte bei. Die „Agnes-Miegel-Siedlung“
 in unmittelbarer Nähe der
„Apotheke“ kann, auch wenn noch nicht
vollendet, als Attraktion bezeichnet werden.
 Solide gebaute Wohnhäuser, deren