Full text : Unser Schönes Samland

versucht es nach Möglichkeit zu verhindern.
 “Uns geht’s schlecht, wir machen
 nichts. Euch soll es nicht besser
gehen, darum sollt ihr auch nicht mehr
machen. Wenn es zum Wodka reicht,
sind wir zufrieden.” So etwa kann man
diese Haltung volkstümlich umschreiben.
 Darunter leiden am meisten unsere
 zugezogenen Rußlanddeutschen,
die durchaus fähig und willens sind,
die Landwirtschaft neu zu beleben.
Aber ihnen fehlt es ebenfalls an Geld,
Technik und Land. Unterstützung finden
 sie weder bei Behörden noch bei
der ansässigen Bevölkerung.
ln dem eindrucksvollen, sehr sehenswerten
 Nehrungsmuseum in der
Nähe von Sarkau/Lesnoje begegnet
uns Albina. Auch sie spricht ausgezeichnet
 Deutsch und führt deutsche
Touristen durch das Museum. Aber im
Hauptberuf ist sie Deutschlehrerin.
Obwohl Russin, hat sie sich von einem
deutschen Pfarrer in der Gemeinde in
Labiau/Polessk taufen lassen. Sie freut
sich, Glied der Evangelischen Kirche
sein zu können. Ich lud sie zum
Gottesdienst ein. Sie kam, und als sie
die anderen Teilnehmer sah, sagte sie:
“Die kenne ich ja fast alle! Sie haben
bei mir Deutsch gelernt.”

Lebenswege und Menschenschicksale,
 die oft bewegend sind. Ich
habe die Urlaubswochen bewußt dazu
genutzt, um diese Kontakte, auch zu
Menschen außerhalb unserer Gemeinden,
 zu suchen, um sie kennenzulernen
 und sie zu verstehen. Leider bildeten
 meine mangelhaften Russischkenntnisse
 hierbei eine Grenze.

Oksana ist eine junge Deutschlehrerin
 deutsch-russischer Herkunft,
die nebenberuflich im Empfang der
Pension “Neringa” arbeitet, um ihr
schmales Lehrergehalt, vielleicht 400
bis 500 Rubel -ca. 35 - 40,— DM - aufzubessern.
 Sie möchte gern als
Aupairmädchen oder Haushaltshilfe
für ein halbes oder ein Jahr nach
Deutschland kommen, um ihre
Sprachkenntnisse zu verbessern. Kann
ihr jemand helfen? Bitte, wenden Sie
sich an mich!
Helena hatte ich schon früher
während eines Gottesdienstes in
Cranz kennengelernt. Sie ist Bibliothekarin
 und hatte in ihrer Bibliothek
ein kleines Heimatmuseum eingerichtet.
 Dieses konnte sie nun erweitern.
So wurde am 27. August 2000 in der
ehemaligen Baptistenkapelle in der
Kirchstraße das Museum während
eines Stadtfestes eingeweiht. Helena
hatte mich eingeladen und um ein
Gruß wort gebeten. Doch der Bürgermeister,
 der den Lestakt leitete, wollte
es nicht. Aber als er fort war, sagte ich
das Grußwort und wurde von Inna
übersetzt. Ich betonte, daß Cranz unsere,
 der hier geborenen Deutschen
Heimat ist, aber zugleich die Heimat
der hier geborenen und aufgewachsenen
 Russen. Darum gehören wir zusammen.
 Wir wollen niemand vertreiben.
 Als Christen wissen wir, daß wir
alle nur einen Vater im Himmel haben,
der alle Menschen und Völker in gleicher
 Weise liebt. Mein Grußwort
wurde mit Beifall aufgenommen. Es
war wieder einmal ein Beweis, daß politische
 Entscheidungsträger anders

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denken als die Bevölkerung. Zum ersten
 Mal können jetzt die Einwohner
von Selenogradsk auf eindrucksvollen
Fotos und Bildern sehen, wie schön
Cranz früher war. Natürlich fehlt die
Darstellung der Einnahme von Cranz
und des Samlandes durch die Rote
Armee im Lrühjahr 1945 nicht. Auch
das gehört zur Geschichte, leider.
Nach der Museumseröffnung kehrten
 wir, gemeinsam mit Inna, in einem
kleinen Café in der Nähe des
Bahnhofs ein. Es war die frühere

Meierei Radtke. Am Nebentisch saßen
zwei ältere, deutsche Ehepaare. Langsam
 kommen wir ins Gespräch. Die
Männer sind, wie meine Schwester
und ich, geborene Cranzer. Der eine,
I Walter Flesig, war ein Klassenkamerad
I meines ältesten Bruders Rudi. Auch er
(war, wie wir, bis Ende 1947 in Cranz
I geblieben. Während wir, meine Mutter
mit 4 Kindern mit den Arbeitsunfähigen
 in einem Elendstreck nach
Schloßberg/Pillkallen getrieben wurden,

 wurde er dem Beerdigungskommando
 zugeteilt. Sie mußten die
gefallenen Soldaten und verstorbenen
Zivilisten beerdigen. Während er erzählte,
 standen ihm die Tränen in den
Augen. Der andere - sein Name ist mir
entfallen - hatte 5 Jahre als “Wolfskind”
 in Litauen überlebt. Es war eine
bewegende, unerwartete Begegnung.
Die letzte Urlaubswoche verbrachten
 wir in Königsberg. Hier nahm ich
teil an einem Seminar des Vereins
Königsberger Gedenkstätten

Pamjatniki
Kenigsberga, das dem
preußischen Politiker
und Reformer Heinrich
 Theodor von
Schön (1773 - 1856),
einem Schüler Immanuel
 Kants, gewidmet
war. Er ist in Arnau begraben.
 Seine Grabstätte
 wird als Gedenkstätte
 neu gestaltet. Ich
war erstaunt, wie gut
das Seminar besucht
war, und mit welchem
Eifer junge, intelligente
Russen sich für die
preußische Geschichte interessieren
und sie diskutieren. Ich machte die
Beobachtung - nicht nur auf diesem
Seminar -, daß sich unter den hiesigen,
jungen, intelligenten Russen ein neues
Identitätsbewußtsein entwickelt. Ostpreußen
 ist ihre Heimat geworden.
Hier sind sie geboren und aufgewachsen.
 Vielleicht wurden auch ihre Eltern
schon hier geboren. Die Geschichte
dieses Landes wird zu ihrer

Das Heimatmuseum in der früheren Baptistenkapelle in der Kirchstraße 63