waren, (zapzarapp wurde es damals
genannt) war abzusehen, daß als nächstes
die Standuhr dran sein würde. Die
sollten die Beestkraten aber nicht bekommen.
Nie und nimmer! Es wurde
überlegt, wie man das gute Stück retten
konnte. Sie mußte aus der Wohnung
entfernt werden, das war klar, aber
wohin damit? Guter Rat war teuer,
aber der Mensch kann noch so dammlich
sein er muß sich nur zu helfen wissen.
Einer von uns hatte die rettende
Idee, auf den Holzschuppen mit ihr.
Sie wurde also in Decken gewickelt,
zum Schluß noch in eine Flickerdecke
und auf den Boden vom Stall transportiert.
Unter Brennholz und Gekrassel
versteckt lag sie dort über ein Jahr, bis
wir uns eine neue Bleibe suchen mußten.Im
Sommerl946 mußten wir unsere
Wohnung räumen,weil ein Kapitan
sie für sich beanspruchte.Wir teilten
nun das Schicksal mit vielen anderen
Deutschen und mußten uns ein neues
Asyl besorgen, was gar nicht so einfach
war. Wir zogen zu Familie Mehr, die
uns in ihre schon mit vielen Leuten
überfüllte Wohnung auch noch aufnahm.
Nun wurde auch die Uhr aus
dem Stall geholt und kam dann in unserem
neuen Zuhause wieder zu
Ehren. Die Zeiten waren ruhiger geworden
und man mußte kaum noch
Angst um sein Eigentum haben.Man
konnte sie wieder ohne Sorge aufstellen.
Mit der Seejer aber stimmte etwas
nicht. Sie hatte wieder ihre Nicken.
Entweder war sie kaputt oder sie stand
nicht in der Waage, jedenfalls sie ging
nicht mehr. Doch wenn man dem
Pendel einen Dulks gab, tickte sie so
lange wie das Pendel hin und her
schwang und die Zeiger bewegten sich
dann auch. Der Schlag war aber noch
in Ordnung und klang so schön wie eh
und je.
Ein knappes Jahr später, der erste
Transport heim in’s Reich war schon
mit etwa 120 Palmnickem abgefahren,
begannen wir unsere uns noch verbliebenen
Sachen zu verkaufen, in der
Hoffnung auch bald die Ausreise zu
bekommen. Bevor wir einen vermutlichen
Käufer in die Wohnung ließen,
wurde das Pendel angestoßen, damit
die Uhr an’s Laufen kam. Es fand sich
dann auch sehr schnell ein Käufer und
großer Bewunderer für unsere Seejer.
Der russische Kapitan, der die Uhr
kaufen wollte, war begeistert . Wenn
die Uhr 12 oder auch 13 schlug, hörte
er die Glocken vom Kreml, wie er uns
sagte. Er saß dann ganz verzückt da
und lauschte hingerissen dem Klang.
Die Russen sind ja ein musikalisches
Völkchen. Dieses gute Stück mußte er
unbedingt haben. Wir handelten einen
guten Preis aus, aber die Sache hatte
einen Haken.Der Haken war der, er
hatte nicht so vid Geld! Ein Schwein
hatte er nicht zu verkaufen, also mußte
auch er für die Seejer sparen.
Angesichts seiner großen Bewunderung
für die Uhr und seinem musikalischen
Verständnis , durften wir
keine Unmenschen sein.Er durfte also
eine Anzahlung leisten und wir wollten
dann das begehrte Stück so lange
für ihn aufheben, bis er die Summe zusammen
hatte. Der Handel war also
perfekt. Muttchen freute sich trotz
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aller Wehmut im Herzen, daß sie so
einen großen Liebhaber für die Seejer
gefunden hatte.
Der Kapitän erschien ab jetzt in unregelmäßigen
Abständen in unserer
Wohnung, um sich von der Existenz
seines Kaufobjektes zu überzeugen.
Das ging dann so vor sich. Es klingelte
an der Tür, die immer abgeschlossen
war. Einer von uns Bewohnern schaute
durch das Küchenfenster auf die
Treppe, um zu sehen wer da draußen
stand und verkündete „Der Kapitän“!
Dann rannten wir schnell in’s Zimmer,
stießen das Pendel, an stellten die
Zeiger und ließen ihn dann ein. Er
setzte sich, wir ließen die Glocken vom
Kreml läuten und unterhielten uns so
gut wie es möglich war mit ihm. Er
konnte kaum deutsch und wir nicht
viel russisch. Zum Glück ging er aber
immer wieder so rechtzeitig, noch
bevor die Seejer zum Stillstand kam.
Nun hatte meine Mutter Geburtstag
und da es ein Sonntag war,
wurde auch ein bißchen gefeiert. Es
wurden Plietschkes gebacken und es
gab sogar Bohnenkaffee, gekauft auf
dem Schwarzmarkt hinter dem Hotel
„Glück Auf.“
Wir saßen am Kaffeetisch, es klingelte
und wer stand draußen? Der
Kapitän! Wir beschlossen, heute
kommt er nicht rein! Nach sicher einer
Stunde, wenn nicht länger, ging unser
erster Besucher und wer saß im Garten
unter dem Küchenfenster auf der
Bank? Unser Kapitän! Er lächelte
freundlich und wollte natürlich die
Glocken vom Kreml hören. Jetzt aber
dalli, dalli, einer peste zur Uhr und bis
er im Zimmer war, ging alles seinen
Gang. Wir entschuldigten uns und erklärten
ihm, warum wir ihn nicht eingelassen
hatten. Er hatte großes Verständnis,
erfreute sich an der Uhr und
zog zufrieden davon.
Eines Tages hatte er aber das nötige
Geld zusammen und holte die Uhr ab.
Muttchen mußte Abschied nehmen
von dem Traum ihrer jungen Jahre, für
den sie sich so abgerackert hatte.Wir
haben nie wieder etwas von dem
Kapitän gehört. Hätten doch zu gerne
gewußt, ob und wie er die Uhr an’s
Laufen bekommen hat. Vielleicht betätigt
er bis heute noch das Uhrwerk
mit dem Pendel?
Nu mot eck tom End kome, de
Seejer schloj grod tijje on eck mot enne
Pose.
Es grüßt Euch Eure
Hanni Lenczewski-Wittke
Hummelnstück 29
58762 Altena
Tel. 0 2352 - 5 26 68
Redaktionsschluß für Folge 152
ist der 10. Oktober 2001 75