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Sol invictus - das Licht ist unbezwingbar
Eine Weihnachtsgeschichte von Hans-Qeorg Balzer
/♦ eil erleuchtete Prachtstraßen und
«^übervolle Schaufenster locken
schon lange vor dem Christfest die
Kunden. Das Kunstlicht und die Geschäftigkeit
können aber nicht jenes Licht
ersetzen, das zur Geburt des Heilands in
die Welt kam. Es strahlte in Bethlehem
für die Armen und Vergessenen. Welche
Kraft und wieviel Trost davon ausgehen
kann, durften wir in schwerer Zeit erfahren.
In der Finsternis, die 1945 über Ostpreußen
gekommen war, blieb das Weihnachtsfest
in den Herzen der überlebenden
Deutschen trotz Verbotes der Siegermacht
bestehen. Seit dem Spätherbst
des Jahres hatten wir eine Bleibe im
Pestalozzi-Haus zu Rauschen im Samland
gefunden. Der tägliche Kampf um das
Überleben ließ eigentlich keinen Raum
für vorweihnachtliche Gedanken. Schon
im November war ein harter Winter ins
Land gezogen. So hatten wir Mühe, genügend
Brennholz für den kleinen Kanonenofen
herbei zu schaffen, der die zerstörte
Heizungsanlage mühsam ersetzen
musste. Da es auch keine Streichhölzer
mehr gab, musste man das Verlöschen des
Ofenfeuers unbedingt verhindern. Geschah
es doch einmal, wurde mit Hilfe
eines alten Kohlebügeleisens etwas Glut
von der Feuerstelle irgendeines Nachbarn
geholt. Einige Tage vor Heiligabend sagte
meine Mutter zu mir: „Mien Jung, wir
haben außer Angst und Hunger nichts,
es ist aber der Heiland geboren. Bisher
hatten wir immer noch einen Weihnachtsbaum.
So soll es auch diesmal sein.
Such uns irgendwo am Waldrand ein
Bäumchen, lass dich aber nicht erwischen.“
Beim Aufsammeln trockener Kieferzapfen
hatten wir unlängst ja schon
einmal eine gefährliche Situation mit den
Russen, den neuen Herren des Landes,
zu überstehen gehabt. Diesmal gelang es
mir, kurz vor Einbruch der Dunkelheit
eine kleine Tanne zu beschaffen. In den
folgenden Tagen zog nun so etwas die
Verheißung in unsere armselige Behausung
ein. Aus Staniolstreifen, die wohl
von feindlichen Flugzeugen zur Störung
der Abwehr abgeworfen worden waren,
schnitten wir Lametta und Muttchen bastelte
einige Sternchen aus altem Stroh.
Es fehlte jedoch die Hauptsache, das
Licht!
Mein praktisch veranlagter Vater hatte
denn die „Erleuchtung“. Er baute mühsam
und unter Schmerzen seiner geschwollenenen
Hände eine kleine Lampe
aus einer leeren Konservendose, die
in der Mitte durch die Abdeckung einen
dicken Wollfaden hatte. Ein wenig Kerosin
aus weggeworfenen Benzinkanistern
der Russen konnte ich ergattern und
so war das Licht für Heiligabend gesichert.
Der 24. Dezember bescherte uns einen
Wintertag mit klirrendem Frost und
Schneefall bis zum Abend. Unser Bäumchen
und das Öllämpchen versuchten etwas
von der altbekannten Stimmung zu
vermitteln und konnten doch die Traurigkeit
nicht überdecken.
Ein zaghaftes Klopfen an der Tür ließ
uns aufhorchen. Draußen stand das alte
Ehepaar Badorreck aus einem der Nachbarhäuser.
„Wir sahen einen Lichtschimmer,
dürfen wir hereinkommen, es
ist doch Weihnachten,“ sagte die alte
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Frau. Am rot glühenden Öfchen fanden
wir zu fünft Platz und schauten eine
Weile schweigend auf das Bäumchen.
Denn trat der alte Herr an die Tanne heran
und trug mit fester Stimme die
Weihnachtsgeschichte aus dem Lucas-Evangelium
vor. Das schönste der deutschen
Weihnachtslieder „Stille Nacht“
konnten wir jedoch nur in der ersten
Strophe gemeinsam singen, weil danach
die Stimmen versagten. -
Später buk meine Mutter auf der
Ofenplatte ein paar Plätzchen aus einer
muffigen Masse von Kartoffelflocken, die
wir in einer halbzerstörten Scheune gefunden
hatten und den Resten von grobem
Hafermehl, das sie heimlich aufbewahrt
hatte. Der Tee aus den getrockneten
Hagebutten vervollständigte das weihnachtliche
Mahl. Wie lange wir beieinander
saßen, weiß ich nicht, niemand
von den Deutschen besaß mehr eine Uhr.
Zum Abschied machten die beiden Altchen
uns ein wunderbares Geschenk; der
alte Mann war einst Uhrmacher und bekam
von einem Russen, dem er zu Diensten
gewesen war, ein Stückchen Speck
und eine Tüte Erbsen als Lohn. So konnte
daraus zum ersten Feiertag ein Festessen
gezaubert werden, zu dem wir eingeladen
waren.
Ich begleitete unsere Nachbarn auf
tiefverschneitem Wege zu ihrer Behausung.
Der Schneefall hatte aufgehört, wir
traten in die eiskalte Nacht, die von einem
stemenübersäten Himmel überdacht
war. Der alte Mann sagte mir zum Abschied:
„Danke, Jungche, dass ihr Platz
für uns hattet im Stall von Bethlehem.
Wenn du zurückgehst, schau ins Sternenzelt
und wünsch dir was. In der Weihnachtsnacht
gehen manchmal Wünsche in
Erfüllung.“
Auf dem Rückweg wünschte ich mir
sehnlichst, dieses Jammertal lebend verlassen
zu können.
Sol invictus - das Licht ist unbezwingbarIn
dieser Nacht erfüllte sich für uns
diese Kunde. Als ich Jahrzehnte später
im Kirchenchor in Berge das Lied vom
hellen Licht sang, stand mir jener Weihnachtsabend
vor Augen, den ich nie vergessen
werde.
Das Lied vom hellen Licht
Oh Bethlehem du kleine Stadt,
wie stille liegst du hier.
Du schläfst und goldne Sternelein
steh 'n leuchtend über dir.
Und über dunkle Gassen
ein helles Licht dir scheint
für alle, die da traurig sind
und die zuvor geweint.
Hans-Georg Balzer
Landhausstraße 33
15746 Groß Köris
Tel.: 033766 -631 91
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Ein RECHTER, FESTER WlLLE TUT ÜBERALL WUNDER.
J o s e p h v o n E i c h e n d o r f f
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