Heinz Schock in Sorgenau. Es musste ein
Extra-Raum vorhanden sein und dann
stand auf dem großen Tisch - oder war
es eine Art Tonbank (Theke) - die Waage
und Schüttelsiebe. In die an der Wand
stehenden Säcke kam der abgelieferte und
vorsortierte Bernstein hinein. So habe ich
es jedenfalls in Erinnerung, wenn ich mit
meinem kleinen Krebsch hinging und 15
Pfennig für das Pfund bekam. Was war
das für eine mühselige Sucherei gewesen,
aber meine Sparbüchse war leer und
Mutter hatte Geburtstag. Das Rabuschem
war also eine Missetat und ob sie gesühnt
oder jemand dabei belapst wurde, das
weiß ich nicht. So groß war mein Interesse
in einem Alter von neun oder zehn
Jahren auch wieder nicht.
ln Niedersachsen hat man einen tropfenförmigen
Anhänger gefunden, der vor
etwa 30.000 Jahren bearbeitet wurde!
Eva Pultke-Sradnick
Benzstr. 45
73614 Schorndorf
Tel./Fax: 07181 - 628 43
April 1945 -
Überleben unter russischer Besatzung
Nachdem
wir, meine Mutter, mein
10-jähriger Bruder und ich - damals
15-jährig - am 30. Januar 1945 aus unserem
Heimatort Perteltnicken in Richtung
Pillau geflohen waren, zu Fuß durch
Schnee und Eis, irrten wir bis Mitte April
durch das Samland - gerieten dabei auch
noch zwischen und hinter die Fronten.
In Dargen bei Fischhausen bekamen wir
die ganze Härte des Krieges noch einmal
hautnah zu spüren. Einen Tag und eine
Nacht verbrachten wir in einem aus Ziegelsteinen
gebauten freistehenden Keller,
der jeden Moment einzustürzen drohte,
um uns herum ein unmenschliches Krachen
und Bersten. Am Morgen wurde es
plötzlich ganz still, ein russischer Offizier
öffnete die Tür und sagte, wir sollten
nach Hause gehen.
Auf dem Weg in Richtung Perteltnicken
wurden wir mehrfach ausgeraubt, ich
musste mein goldenes Armband hergeben,
der nächste Russe nahm mir den
kleinen Handkoffer mit der letzten Habe
weg. Am schlimmsten aber war der
Durst. Verzweifelt wollten mein Bruder
und ich aus einer Fahrrinne aufgetautes
Schneewasser trinken, was unsere Mutter
aber gottlob verhindern konnte. Bei
einer russischen Feldküche bekamen wir
auf Bitten schwarzen Tee zu trinken. Dass
mir auf diesem schweren Weg erspart
geblieben ist, was so vielen Frauen und
Mädchen widerfuhr, habe ich dem erbitterten
Widerstand und Schutz meiner
Mutter zu verdanken, wobei bestimmt
auch geholfen hat, dass sie etwas polnisch
sprach und die Soldaten, die mich „mitnehmen“
wollten, auf polnisch beschimpfte.
Nach drei Tagen, an denen wir
uns immer wieder unserer Haut erwehren
mussten, kamen wir erschöpft in
Pobethen an. Es schien jedoch nicht mehr
der Ort zu sein, den wir verlassen hatten,
überall sah man nur Russen.
Wir wussten nicht wohin. Aus dem
Haus hinter dem Schlachter Bobeth in
der Schulstraße schauten zwei deutsche
Frauen raus, die schlugen vor, dass wir
bei ihnen bleiben könnten, was wir auch
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gerne annahmen. Es wird ungefähr Mitte
April 1945 gewesen sein.
So begann für uns das Leben Tür an
Tür mit russischem Militär, für mich eine
gefährliche Zeit, eine Aufregung folgte
auf die nächste. Schon in der ersten Nacht
wollte mich ein Rumäne „rausholen“,
doch meiner Mutter gelang es wieder,
mich zu schützen. Wie auf Kommando
schrieen wir, die Russen verschwanden
und kamen nicht wieder. Am nächsten
Tag zogen wir mit einer Nachbarin und
ihren fünf Kindern in die obere Wohnung,
deren Aufgang sich auf der Hofseite
befand. Meine Mutter wurde zur
Arbeit bei den Russen geholt, sie stand
schon bald in der Waschküche und wusch
für die russischen Offiziere, die jetzt
unsere Nachbarn waren. Dabei half ich
ihr. Für das Waschen bekamen wir wenigstens
Lebensmittel, die hauptsächlich
aus Brot bestanden, für uns gab es nichts
anderes, aber es war immer noch besser,
als zu verhungern. Wenn ich nicht gebraucht
wurde, saß ich auf einem Feldgerät
in den ersten tröstlichen Sonnenstrahlen
und versuchte aus gefundenen
Sachen Brauchbares zu machen. Außerdem
pflegte ich meine kaputten Füße, die
ich auf dem Marsch quer durchs Samland
wund gelaufen hatte und die sich
böse entzündet hatten.
Ein russischer Arzt wurde auf mich aufmerksam,
ein sehr netter deutsch sprechender
Mann, dem ich meine Füße zeigte.
Er kam mit Verbandszeug wieder, um
meine Füße zu verbinden. Diesem hilfreichen
Menschen wagte ich die Frage
zu stellen, warum denn die russischen
Soldaten den deutschen Frauen soviel
Leid zufügen würden. Seine Erklärung,
dass die russischen Soldaten ausgehungert
nach dem langen Krieg überwältigt
von der Schönheit deutscher Frauen wären,
sollte wohl deren Verhalten erklären,
verharmloste es aber, denn die brutalen
Vergewaltigungen machten nicht
vor halben Kindern oder alten Frauen
halt, nur die Angst vor Krankheiten konnte
sie bremsen - wie man später dann
erfahren hat. Dennoch sagte er zu mir:
„Aber Sie, Fräulein Gertrud, gehen nicht
mit, wenn Soldaten kommen, Sie holen
wollen!“ Auf meine Frage: „Und wenn
sie schießen?“ Er antwortete: „Sie brauchen
keine Angst zu haben, die Soldaten
dürfen nicht mehr schießen.“
Diesem Arzt bin ich heute noch dankbar,
denn er hat mir durch diese Aussage
viel Mut gemacht, mich allen späteren
Übergriffen entgegenzustellen.
Wenn ich in die Waschküche ging,
kam ich jedes Mal an einem Fenster
vorbei, das zu der Wohnung im Hof gehörte,
in der ein höherer Offizier wohnte.
Dieser „Kapitano“ war wohl auf mich
aufmerksam geworden und ließ mich fragen,
ob ich für ihn arbeiten wolle. Da
ich nichts Böses ahnte, sagte ich freudig
zu, denn etwas Besseres konnte mir nicht
passieren, bedeutete das doch Lebensmittel
für die Familie. So bekam ich Näharbeiten
und musste seine Wohnung putzen.
Diese Arbeit bedeutet aber zudem
Schutz vor den Übergriffen der russischen
Soldaten, zu denen es immer noch
kam, außerdem wusste ich meine Mutter
in der Nähe, was mir zusätzliche Sicherheit
gab. Mein „guter Geist“, der russische
Arzt, hatte allerdings von diesem
„Arbeitseinsatz“ etwas mitbekommen
und warnte mich eines Tages vor dem
Kapitano, er hätte ein „schwarzes Herz“.
Ich wurde also jeden Tag zum Putzen 75