ganz vollständig; sie hat ja einen Helfer,
das Bewusstsein. Dieses ist diffizil und
dennoch mächtiger als die Materie der
Erinnerung und ihrer Historie.
Achtzigjährig können wir uns an die
Jugendzeit erinnern, aber können wir
auch unser Bewusstsein aus der damaligen
Zeit zurückgewinnen? Es ist, so behaupte
ich mal, unmöglich. Meine Gedanken
zu einem der spannungsreichsten
Themen will ich versuchen zum Ausdruck
zu bringen. Und dazu ist das Er-Dank,
Dir, liebe Ingrid Brandt für die
Überlassung des Fotos dem Samlandbrief.
Was sehen wir? Unsere Klasse, die
Schüler und Schülerinnen, in der Mitte
Frau Dr. Kikull, also unsere damalige
Klassenlehrerin. Sie war ein sehr, - wie
man auch auf dem Bild erkennen kann -
ein sehr freundlicher Mensch. Von der
späteren Nachfolgerin Fräulein Z. war
am Anfang meines Briefes die Rede.
Nach dem Foto zu urteilen gelten wir als
Jugendliche. Aus der heutigen Sicht meiner
achtzig Jahre betrachte
ich das Bild mit ganz anderen
Augen. Könnten sie
alle augenblicklich vor mir
auferstehen, ich würde sie
alle umarmen und küssen.
Ich weiß, dies ist ein
schwärmerisches, romantisches
Gefühl, das jeder
Mensch im Leben empfindet,
wenn er an seine Eitern
und auch an seine ersten
Mitschüler zurück
denkt.
Das Qymnasium in Pillau auf einem Foto von 1991.
lebnis im Klassenzimmer meine Ausgangsposition.
Ich hoffe nur, dass es mir
gelingt, den Grundgedanken verständlich
zu machen und auch eventuellen Widerspruch
zu hören.
Im Mittelpunkt steht für mich die Frage,
was die Bedeutung von Bewusstsein
in der Verbindung mit Bewusst-Sinn sein
kann. Ich fahre nun fort mit dem Hinweis
auf den Samlandbrief „Herbst III/
1986“. Dort finden wir auf Seite 45
„Klassenbild des Pillauer RR-Gymnasiums“.
Herzlichen, leider sehr späten
Foto: prtv. Wir waren Kinder, unwissende,
unerfahrene, unschuldige
Kinder. Hatten wir Gedanken,
Ahnungen? Hatten wir eine Vorstellung
von unserer Zukunft? Nein, nicht einmal
die Vorstellung eines großen Vaterlandes.
Was hätten sie gedacht, wenn jemand gekommen
wäre und hätte ihnen erzählt
von Pillau vor der Hölle?
Sie hätten ihn ungläubig angeschaut.
Und die Hölle kam wirklich zu unserem
Städtchen und verwandelte es in eine
brennende, rauchende Trümmerstätte.
Wenig blieb verschont wie die Schule der
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Kinder, die wir in diesem Augenblick betrachten
können.
Wir hatten eine Idee! Und mein und
unser aller Schulfreund Ketels war auserkoren,
in einem kurzen Auftritt die
Hauptrolle zu spielen. Und er tat es gern
und auch präzise gut wie ein echter Schauspieler.
In der Pause danach trösteten wir
ihn und uns. Wir waren doch Kinder,
unschuldig, vielleicht sogar Engel. Und
die Idee kam von ihnen, nicht jedoch von
einem Unbekannten. Unbewusst trauten
und vertrauten sie ihrer Idee, die als Begriff
noch nicht in ihrer Gedankenwelt
existierte. Zwei Welten standen sich gegenüber:
Die Welt der Kinder und die
der überzeugten Lehrerin. Wussten wir
Kinder denn wirklich, wovon Fräulein
Z. überzeugt war? Eigentlich war das
etwas Unbekanntes, von dem wir Kinder
überzeugt werden sollten. Das war
das Erziehungsprogramm. Es kam kein
Hass auf, auch keine Liebe. Sie war auch
eine gute Lehrerin. In der Sorge um das
künftige Wohl der ihr anvertrauten Kinder
war sie redlich bemüht, den Unterricht
für unser späteres Leben nutzbar zu
machen.
Allerdings fehlte ein einziger Gedanke:
„Werdet wie die Kinder“. (Mt 18.2)
Werner Dudat
Lerchenweg 2
24340 Eckemförde
Die Volksschule in Schaaksvitte
Die
Schule in Schaaksvitte hatte
drei Klassen, in der die Kinder aus
Schaaksvitte und den Nachbarorten
Eythienen, Sand und Wesselshöfen unterrichtet
wurden.
Die Kinder aus den erwähnten Nachbarorten
hatten insbesondere in den
schneereichen und kalten Wintermonaten
einen beschwerlichen und kräftezehrenden
Weg. Gemessen an den damaligen
Verhältnissen hatte Schaaksvitte
dank der Lehrer eine vorbildliche und
gut ausgerüstete Schule.
Die drei Schulstellen waren von dem
Hauptlehrer Schmissat, Fräulein Simpson
und Herrn Knitter besetzt. Alle hatten
ihre Wohnungen in dem Schulgebäude.
Die Lehrerstelle von Herrn Knitter,
der bereits Anfang September 1939 zur
Wehrmacht einberufen wurde, wurde in
den Folgejahren wiederholt von
Junglehrem(innen), die überwiegend aus
dem „Reich“ kamen, besetzt. Hier sind
mir die Lehrer Petermann und Bärenwinkel,
die m. E. aus dem Münsterland
kamen, sowie die Lehrerin Adelheid
Hebing, ein liebenswürdiger Mensch, die
vom Niederrhein stammte, in Erinnerung.
Ungern erinnere ich mich an den
Lehrer Herrn Singer, der eine gewisse
Zeit an unserer Schule tätig war und aus
Cranz stammte. Hatte er doch in einer
Rechenstunde einen Mitschüler zur
Schultafel gebeten und diesen derart auf
den Hinterkopf gehauen, dass dieser mit
dem Kopf gegen die Schultafel schlug,
nur deshalb, weil er das Teilen nicht kapierte.
Anfang der 40er Jahre wurde auch
Herr Schmissat, der Hauptmann der Reserve
war, zur Wehrmacht einberufen. 67