Full text : Unser Schönes Samland

Gerade um ihre Belange kümmert er sich,
nimmt ihre Sorgen ernst. Besucht sie.
Er ist Parteimitglied, wie sicher auch
einige unter ihnen. Ob das im gegenseitigen
 Verhältnis eine Rolle gespielt hat?
Wiebke glaubt, dass zwischen Arbeitern
und ihrem Chef über Politik nicht geredet
 wurde.
Die Arbeiter kennen natürlich auch die
Ehefrau des Chefs und die vier Kinder.
Eines Tages äußert sich Wiebkes Mutter
voller Stolz den Kindern gegenüber:
„Der Herr X und der Herr Y haben mir
erzählt, wie sehr sie sich über euem exakten
 Hitlergruß gefreut hätten.“ „Haben
das andere auch gesagt? Der Herr A oder
der Herr B zum Beispiel?“ „Weiß ich
nicht, die haben das nicht gesagt.“
Es eilen die Jahre. Sie, nach Arbeitsdienst
 und Emtearbeit ist wieder ganz zu
Hause und 19 Jahre alt. Die politische
Lage ist düster. Keine Siegesmeldungen
mehr, deutsche Städte liegen in Trümmern.

Obwohl in Pillau noch keine Bombe
gefallen ist, sind die Gesichter der Menschen
 ernst, auch die der Arbeiter, die
Wiebke, wie immer, nur auf der Fähre
trifft.
Die lachen nicht mehr, denkt sie. Auch
die, die unsem Hitlergruß gelobt haben,
sind zurückhaltend. Stattdessen reden
andere, und sie hört zu. Es fallen zunächst
 eher nebenbei gesagte, aber doch
negative Bemerkungen über die allgemeine
 Lage, die knapper werdenden Lebensmittel,
 den Mangel an Kohlen. Auch die
miese Lage an den Fronten, die hohen
Verluste an Menschenleben, der permanente
 Truppenrückzug werden kritisch
bewertet, jedoch immer noch hinter vorgehaltener
 Hand. Offenes Reden gilt als
gefährlich. Die deutsche Propaganda liegt

dem deutschen Volk unermüdlich in den
Ohren mit Durchhalteparolen und Endsiegbeschwörungen.
 Viele glauben daran.
Auch Wiebke, auch ihre Eltern.
Dann explodiert im Norden der Stadt
ein Munitionslager. Es sind angeblich
250 Tote zu beklagen. Das steht zwar
nirgends geschrieben, aber es spricht sich
herum. Wiebke hört es auf der Fähre. Aus
Arbeitermund hört sie das Wort Sabotage.
 „Es geht sowieso alles drunter und
drüber. Ich hab es ja schon immer gewusst.“
 Der Sprecher hielt diesmal seine
Hand nicht vor den Mund.
Sie ist tief erschrocken, spricht mit niemand
 darüber, will es nicht wahrhaben.
Dabei stehen Hunderte von Flüchtlingen
aus der Provinz am Hafenrand auf der
Stadtseite und warten auf Einschiffung
in Richtung Westen.
Nicht lange danach sinkt in der Ostsee
die „Gustloff‘, getroffen von einem russischen
 Torpedo mit mehreren tausend
Flüchtlingen an Bord.
„Das ist das Ende“, sagen die Arbeiter.
„Viel schlimmer kann es kaum mehr kommen.“

„Aber die VI!“ entgegnet einer.
„Alles Quatsch!“
„Und die V2?“
„Die gibt es gar nicht. Alles Lüge. Die
haben uns immer betrogen, jetzt wisst
ihr’s!“
Auch sie weiß, will es aber nicht wahrhaben,
 wehrt sich innerlich dagegen. Es
ist Ende Januar 1945.
Anfang Februar verlässt sie mit Mutter,
 Großmutter und den Brüdern, ohne
den Vater, ohne die kleine Schwester
(Vater ist in Krakau, die Schwester in
einem KLV-Lager in Sachsen) die Stadt
auf einem Kohlenfrachter in Richtung
Danzig.

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w ■

— Hi

Sie schaut nach vom. Sie dreht sich nicht
um. Keinmal dreht sie sich um. Sie verhält
 sich wie eine, die kurz verreisen will,
die bald wieder zurückkommen wird.
Nicht einmal von ihrer treuen Fähre hat

sie sich verabschiedet.

Wiebke Torp, geb. Treplin
Tangstedter Str 20
25421 Pinneberg

Aus den Kirchengemeinden

Zur

Situation in den Dörfern schreibt
Probst Heye Osterwald im Rundblick
Nr. 20:
„ Viele Ortschaften scheint man vergessen
 zu haben. Das Dorf Uschakowo
beispielsweise, das Dorf liegt an der
Hauptstraße zwischen Taplaken und
Tschernjachowsk/Insterburg, kurz vor
dem Ort Meschduretschje/Norkitten, eine
richtig arme Ortschaft. Die Leute leben
vom Fischfang; man verkauft den Fisch
an der Hauptstraße nach Insterburg. Das
ist sozusagen die Haupteinnahmequelle
für das Dorf. Sonst gibt es nichts. Keine
Arbeit weit und breit. In Uschakowo kommen
 15 Gemeindemitglieder zum Gottesdienst,
 und 20 Kinder zum Kindergottesdienst.
 Beide Gottesdienste finden gleichzeitig
 statt. Ganz bescheiden, im Haus
der Vorsitzenden Swetlana. Swetlana hält
die Gemeinde zusammen, kümmert sich
um die Mitglieder, sie ist die gute Seele
der Gemeinde. “
Früher fruchtbares Ackerland wird
nicht mehr bearbeitet, so dass Unkraut
und Buschwerk stark wuchern. Sogar vom
Krieg verschonte frühere Domänen, die
dann Kolchosen wurden, sind aufgegeben.

Die Menschen haben keine bezahlte
Arbeit mehr, darben und müssen wegziehen.
 Viele durchaus stabile Häuser,
Ställe und Scheunen, aus Feldsteinen und
harten Ziegeln dauerhaft erbaut, stehen

deshalb leer und verfallen dadurch langsam.

„ Wie wird sich das Leben auf dem Lande
 weiter entwickeln? Eine Verbesserung
ist nicht, erkennbar. Man plant in der
Duma wohl nur für die Hauptstadt, nicht
für das Land. In der Stadt geht es voran,
hier gibt es Arbeit. Und deshalb versuchen
 auch viele nach Kaliningrad zu ziehen.
 Hier fangen sie sehr bescheiden an,
finden eine erste Unterkunft in einer Datscha
 der einfachsten Sorte irgendwo am
Stadtrand, oder sie mieten sich ein Zimmer
 in einem Wohnheim. Von hier aus
bemühen sie sich um eine bessere Bleibe.
Arbeit finden Männer auf dem Bau, Frauen
 in den großen Supermärkten an der
Kasse oder im Lager. Andere finden eine
Stelle als Straßenbahnschaffnerin, als
Fahrer eines Kleinbustaxis, oder auch in
einer Möbelfabrik und wo es sonst noch
was gibt.
Es ist schön, wenn sie nach dem Umzug
 nach Kaliningrad die Kirche nicht
aus den Augen verlieren und weiterhin
zum Gottesdienst kommen. Einige, die ich
noch aus meiner Dienstzeit in Gussew/
Gumbinnen kenne, treffe ich nun in der
Auferstehungskirche in Kaliningrad
wieder. Einige kommen aber auch nicht
mehr, gehen auf oder auch unter im
Großstadtleben. „Seht auf und erhebt
eure Häupter, weil sich eure Erlösung
naht! “ Wie sehr wünscht man den Men- 71