Full text : Unser Schönes Samland

— Reise ins Samland im Juli 2005

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Tochter Heike, hier in Schwa-?en
 geboren, wollte das Land seien,
 aus dem ihr Vater stammt. Wir
entschieden uns für die Anreise mit dem
Flugzeug über Polangen und Weiterreise
von dort mit dem Bus.
Das Passieren der russischen Grenze auf
der Kurischen Nehrung nahm fast zwei
Stunden Zeit in Anspruch. Heike und ich
stellten fest: Nicht nur die Uhren laufen
hier anders. Die russische Grenzbeamtin
ließ es sehr gemächlich angehen. Sechs
Pkws standen auf der Hauptspur, unser Bus
mit acht Personen auf der toten Spur. Von
Zeit zu Zeit winkte sie einen Pkw heran,
kontrollierte die Papiere, alles russische
Kennzeichen. Betreffendes Fahrzeug wurde
 durchgelassen, dann schlug sie wieder
ihr Romanheft auf und las weiter bis zum
nächsten Abschnitt. Nach ungefähr einer
viertel Stunde fertigte sie einen zweiten
Pkw ab, um sich dann wieder in ihren Roman
 zu vertiefen. So ging es weiter, bis uns
die Gnade zuteil wurde. Nach dem dritten
Mal Röntgen durften wir weiter fahren zu
unserem Hotel nach Rauschen.

Gegen 23 Uhr trafen wir im Hotel ein.
Erst jetzt bekamen wir etwas zu essen und
trinken. Es war genau das gleiche Essen
wie vor acht Jahren. Ein winziges, fettes
Kotelett, leicht lauwarmer Kartoffelbrei
und Krautsalat. Der Vorteil war dieses Mal,
dass es auch etwas zu trinken gab. Beim
Besuch 1997 gab es nichts zu trinken. Da
hieß es: „Die Bar hat leider schon geschlossen“.
 Trotz mächtigem Hunger fiel es den
meisten Gästen schwer den Teller zu leeren.
 Sind wir etwa doch zu verwöhnt?
Dafür tranken viele lieber ein großes Bier.
In den Fluren war ein undefinierbarer,
siloähnlicher Geruch, der möglicherweise
von dem uralten, fleckigen Teppichboden

ausging. Die Zimmer waren sauber, auch
die Dusche und das WC. Die Fenster schienen
 allerdings recht reparaturbedürftig zu
sein. Wind bewegte das Innere der Räume.
Meine Nachtruhe dauerte nur bis 5 Uhr
morgens. Gegen 5.30 Uhr hörte ich die
graubereiften Nebelkrähen schreien. Um

Der unverändert schöne Blick von der Steilküste
bei Rauschen Fotoiprw.

etwa 6.10 Uhr kam die erste Samlandbahn
in den Ort Es hielt mich nichts mehr im
Bett. Während die meisten Gäste noch
schliefen, fing ich an, den Ort zu erkunden.
 In den alten Reisebeschreibungen über
das Samland las ich: „ In Rauschen weckten
 mich die Nebelkrähen und die Samlandbahn“.
 Diese Dinge haben sich also
bis heute nicht geändert, sogar das schnarrende
 Krächzen der Nebelkrähen ist geblieben,
 wie eh und je.

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An diesem Sonntag besichtigten wir den
Ort Rauschen. Auffällig im Straßenbild
waren vor allem die vielen Soldaten. Wir
erfuhren, dass sich Putin mitsamt dem damaligen
 Bundeskanzler Schröder und dem
französischen Präsidenten aufgrund der
Feierlichkeiten in Königsberg an diesem
Tag zu einem Galadiner im neuesten Fünf-Steme-Hotel
 direkt an der Promenade eingeftmden
 hatten. Der ganze Strandbereich
und die Restaurants mussten schließen, bis
die Herren wieder mit ihrer Eskorte abfuhren.
 Sie fuhren unmittelbar an uns vorbei.
Wir grüßten noch durch „Handaufheben“,
hinter den getönten Scheiben konnte man
jedoch niemanden erkennen.
Am Nachmittag, bei herrlichem Sommerwetter,
 holte uns unser Taxifahrer Ivan
Petrovich, mit dem wir in Richtung Kumehnen
 fahren wollten, mit einem deutschen
Opel ab. Wir waren zu viert: meine Tochter
Heike und ich, Frau Nina Janschenko, die
im Hotel Bemsteinschmuck verkauft, und
der Taxifahrer, der ursprünglich von der
moldawischen Grenze stammt. Vor langen
Jahren musste er hier seinen Wehrdienst
absolvieren und blieb dann hier wohnen.
Er fuhr uns bereits 1997. Weite und leere
Steppen, wenige Häuser prägten das
Landschaftsbild. Geschlossene und lückenhafte
 Alleen übertunnelten die schmalen
 Straßen. Wildblumen in der Steppe,
rosa leuchtende Weidenröschen, Unmengen
 von vorwiegend blauen Lupinen.
Stelzfüßige Storchenpaare bei der Futtersuche
 und immer häufiger auf den Gebäuden
 Storchennester mit zwei bis vier Jungen,
 die schon sehr erwachsen wirkten.
Dann kam Kumehnen (Kumaceva) in Sicht,
ganz dominant die Kirchenruine. Der Verfall
 hat sich unaufhaltsam fortgesetzt. Einige
 Teile des Daches sind heruntergefallen.
 Der Durchbmch in die Sakristei ist wegen

 der Einsturzgefahr zugemauert, aber
an einer Stelle ist noch ein Schlupfloch.
Die oberen Teile der Ruine zieren drei
Storchennester, von denen noch zwei bewohnt
 sind. Wir fragten uns, ob Kulturgüter
 wie diese Kirche von 1362 noch die
geringste Chance haben, erhalten zu werden.
 Heike machte mich darauf aufmerksam,
 dass ich doch ein Stück einer heruntergefallenen
 Dachpfanne als Andenken
mitnehmen könnte. Es ist wohl das wertvollste
 Souvenir, das ich je mitbrachte.

Die Stelle, an dem sich der Ort Pojerstieten
befand, fanden wir auf Anhieb: Mit der Brücke
 über den Forkener Vlies. Es war ein
mächtiges Brennesselbiotop. Das Gut Kalk
und die Nebengebäude gibt es natürlich
auch nicht mehr. Leider fanden wir den
Mühlenbach und die Fischteiche nicht
mehr, trotz mehrfacher Suche. In 80 Jahren
hat sich alles total verändert. Man kann
nur ungefähr sagen: „Dort könnte es gewesen
 sein“.
Einige wenige Kornfelder haben wir gesehen.
 Der Gesang von Lerchen klang vertraut
 - wie früher - auch Goldammern
hörten wir singen. Mir fiel ein, dass wir als
Kinder die kleinen Wilderdbeeren auf Grashalme
 aufspießten und dabei häufig auf
Nester von Goldammern stießen, die wir
dann beobachteten, bis die Jungen ausflogen.
 Unser Fahrer machte uns auf den Galtgarben
 aufmerksam, den man leider nicht
besuchen darf, weil dort Militär stationiert
ist. Hier tobten die Kämpfe 1945 besonders
erbittert. Unser Treck wurde damals nahe
des Galtgarbens vorbeigetrieben. Es lagen
viele tote deutsche Soldaten auf den Ackerflächen,
 teils auch auf der Straße. Allen
fehlten Schuhe und Socken. Das hatte mit
dem einsetzenden Tauwetter zu tun. Die
russischen Soldaten trugen damals Press-