lieh mit einem Russen als Begleiter loszuckelten.
Im Eis war ein Loch geschlagen
worden, aus dem wir mit einer
Schopp das Wasser in den Tank befördern
mussten. Nicht so ganz einfach, wir
betreischten uns von oben bis unten.
Unsere nasse Kleidung fror sofort steif
in der Kälte. Ich hatte einen von Muttchen
genähten Mantel an, der aus einem Wandbehang
angefertigt worden war, bedruckt
mit dem Tannenbergdenkmal
(Denkmal aber nach innen). Der Mantel
hatte eine angekräuselte Passe, damit ich
viel gegen die Kälte darunter anziehen
konnte. Ich sah aus wie ein Puskedudel.
Zu Hause angekommen, zog ich den
Mantel aus und er stand, kick mol an,
steifgefroren alleine in der Küche.
Am anderen Tag, so gegen Mittag,
mussten wir zwei Marjellens auf Befehl
hin, in der Küche antanzen. Die Küche
befand sich im Keller des Konsums. Wir
freuten uns auf eine warme Suppe, aber
nein! Der Koch schimpfte uns aus und
wir verstanden immer nur Sabotage. Sabotage
war bei den Russen ein geflügeltes
Wort, wir wussten nur nicht, was wir
damit zu tun hatten. Dann wurde ein
Russe geholt, der deutsch sprach und der
erklärte uns, dass wir eine Pogge mit in
den Tank gefüllt hatten. Wir zwei konnten
uns das Lachen nicht verkneifen und
auch der kleine Russe, der in Deutschland
als Fremdarbeiter gelebt hatte und
nun übersetzte, lachte mit. Eine Suppe
bekamen wir leider nicht.
So, das ist ein bisschen erzählt von unserem
ersten Winter in der Russenzeit vor
60 Jahren.
Ich wünsche allen, die meine Geschichte
lesen, eine schöne Adventszeit, frohe
Weihnachten und Gesundheit für das
Neue Jahr.
Eure
Hanni Lenczewski-Wittke
Mit der Kleinbahn unterwegs zur Winterszeit
ein Elternhaus lag an der
Kleinbahnstrecke Königsberg-Tapiau.
Wer liebte sie nicht,
diese so romantische Kleinbahn mit ihrem
sehr gemäßigten Tempo? Für den
Personentransport und Frachtgüterverkehr
war sie damals unentbehrlich.
In einem Kriegswinter machten mein
Bruder Alfred und ich eine Fahrt mit
unserer geliebten Kleinbahn von Bulitten
nach Königsberg. Große Schneemassen
und verwehte Bahnstrecken waren oft die
Folgen der Winterstürme. Die Hinfahrt
hatten wir klaglos bis Königsberg/Königstor
geschafft. Die Rückfahrt beobachteten
wir jedoch etwas sorgenvoller.
Denn in der Zwischenzeit hatten sich die
Schneeverwehungen verstärkt und das
Ergebnis waren blockierte Bahngleise.
Der Bahnhof Prawten wurde somit für
uns zur Endstation. Das hieß nun: Zwei
Stationen zu Fuß zu gehen - bis zum
Elternhaus wäre es für uns damals junge
Leute auch kein Problem gewesen. Doch
unverhofft wurde uns vom Lokführer ein
Angebot gemacht: Man hatte sich nämlich
entschlossen, nur mit der Lokomotive,
ohne Personenanhänger, die nachfolgende
Strecke wegen weiterer Schneemassen
und -Verwehungen
zu erkunden. Wir
durften also in die Lok
einsteigen. Stehend erreichten
wir unser Ziel
bis zur „Sonderhaltestelle“.
Zwischen Bahngleis
und Elternhaus lag
nur noch die Straße, angrenzend
das Hoftor.
Ruckartig verlief diese
kurze Strecke, als würde
die Lok nach vorne
stürzen, denn es fehlten
ja die nachfolgenden
Wagen. Somit hatten
wir für einen kurzen Augenblick
doch ein ungutes
Gefühl eehabt Den- Xom Schnee befreit: Die Königsberg
® Cranzer Eisenbahn in den 30er Jahren,
noch: Voller Freude und
mit Humor über dieses kleine Abenteuer,
wurden wir von unseren Angehörigen
empfangen.
Wie so vieles in unserer alten Heimat verschwunden
ist, wurden
auch die Kleinbahngleise
schon im Frühsommer
1945 von den
Russen abgebaut. Als
Restfamilie wurden wir
schließlich im Juli 1948
ausgewiesen.
P.S. Mein lieber Bruder
Alfred! Ich denke sehr
oft an ihn. Er ist im
März 1945 in Böhmen-Mähren
in einem Lazarett
an seinen Verwundungen
gestorben, er
wurde nur 23 Jahre alt.
Der Neujahrstag 1945
war sein letzter Urlaubstag
in Bulitten.
Gertrud Schulz
Falkenberger Str. 49
79110 Freiburg i.Br.
Dezember 1944
/^^rei Ereignisse ließen nicht nur die
\ erwachsenen, sondern auch uns
'*W*'Kinder nachdenklich werden. Das
erste Ereignis war ein galoppierendes,
kleines, struppiges Panjepferd, das einen
leblosen, russischen Soldaten, im Bügel
hängend, mitschleifte. Es kam von der
Kumehner Chaussee in Richtung Gut von
Kalk. Das war der erste tote Soldat, den
wir im Dorf sahen, vor allem wir Kinder.Anfang
Dezember erhielten wir Besuch
von einer „entfernten Tante“, so
sagte uns Mutter. Sie bat um Einlass „um
Christi Willen“. Mutter öffnete die Türe.
Sie merkte wohl, dass die Frau erschöpft
und hungrig war. Sie bekam zu essen und
ein Nachtlager auf dem Dachboden, blieb
dann noch einen Tag, um am Abend in
der Dunkelheit in Richtung Pillau zu
kommen. Unsere Mutter erzählte uns erst
nach dem Krieg, dass diese Frau eine
jüdische Ärztin war, die von einem Transport
flüchten konnte. Die Frau umarmte
unsere Mutter sehr herzlich zum Abschied.
Sie wollte nun versuchen, über
Pillau in den Westen zu kommen.
Seit Ende November hörten wir Beschuss
von russischen und deutschen Einheiten
und sahen vor allem viele auf dem 77