— Palmnicker Qeschichten:
Winter 1945 in Palmnicken
Der
erste Winter nach der Befreiung
- oder wie man es auch immer nennen
will - brachte neben allem anderen
eine große Zeit- und Lebensumstellung
mit sich. Wir hatten Moskauer Uhrzeit
bekommen und mussten die Uhren zwei
Stunden vorstellen. Im Sommer hatten
wir die Zeitumstellung nicht so gravierend
gefunden, aber im Winter machte
sie sich doch sehr bemerkbar. Dazu kam,
dass es keinen Strom gab, was uns um
ein Jahrhundert zurück warf. Wir hatten
ja auch dadurch bedingt kein Leitungswasser,
weil der Wasserturm nicht vollgepumpt
werden konnte. Dass es keine
Straßenbeleuchtung gab, kannten wir ja
noch von der Kriegszeit her, aber ohne
Strom und Wasser zu leben war schon
schwer. Im Dorf gab es keine Brunnen
und wir mussten abends, wenn wir von
der Arbeit kamen, auch noch von Gott
weiß woher Wasser besorgen. Wir lebten
wie auf dem Mond, denn Radios besaßen
wir nicht mehr, die uns ohne Strom
sowieso nichts genützt hätten und es gab
natürlich auch keine deutschen Zeitungen
und auch keine Post. Wir lebten wie
in einer längst vergangenen, anderen
Welt.
Jeden Morgen um 7 Uhr russischer
Zeit, also nach unserer mitteleuropäischen
Zeit 5 Uhr früh, mussten wir an der Kommandantur
zur Arbeit antreten. Die Kommandantur
befand sich mitten im Dorf.
Die Russen kamen um uns dort abzuholen
und leuchteten uns mit Laternen ins
Gesicht. Nach nicht nachvollziehbaren
Kriterien suchten sie sich die jungen
Mädchen und Frauen für ihre Arbeit aus.
Meistens mussten wir Bäume fällen, Holz
sägen und hacken oder saubermachen
oder im Winter Schnee schippen. Wir
Deutschen wohnten in der Dorfmitte und
die Russen auf „Süd“. Wir waren durch
einen Bretterzaun von einander getrennt.
Am Bemsteinhäuschen zwischen den
Ortsteilen war eine Schranke errichtet,
durch die wir hindurch mussten und dort
bekamen wir einen Stempel auf eine
Karte gedrückt, mit der wir uns abends
200 Gramm Brot (chleb auf russisch, von
uns Kleber genannt, weil es so aussah und
schmeckte) abholen durften. Da es morgens
noch stockdunkel war, verschwanden
immer einige aus der marschierenden
Brigade (meistens Mütter, die Kinder
zu Hause hatten) durch den Park nach
Hause, nachdem sie den Stempel erhalten
hatten. In dem Bretterzarm, der vom
Bahnhof bis zur See gezogen war, klafften
einige Lücken, durch die man schlüpfen
konnte.
Kurz vor Weihnachten fing es an zu
stiemen. Als wir morgens aufwachten,
lag das Land tief verschneit in der Dunkelheit
und wir vier Frauen aus unserer
„Wohngemeinschaft“, die einigermaßen
gut zu Fuß waren, beschlossen zur Feldscheune
Richtung Bardau - Bersnicken
zu gehen und nicht zur Kommandantur.
In dieser Scheune waren Getreidegarben
gelagert, das hatte sich rumgesprochen.
Da wir von 200 Gramm klebrigem Brot
nicht leben konnten, mussten wir sehen,
wie wir durch den Winter kamen, Weihnachten
stand vor der Tür. Wir waren
natürlich immer noch der Meinung, es
ist alles deutsches Land und es ist unser
gutes Recht, uns das zum Leben zu nehmen,
was wir brauchen, um nicht zu verhungern.
Man machte zapzarap, wie die
Russen sagten, um zu überleben.
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Wir zogen also los, morgens im Dunkeln,
jeder mit einer Schere und mit einer Zieh
bewaffnet, Richtung Chaussee. Hinter der
Brücke über dem Bahngleis lag der
Schnee schon kniehoch und wir wurgelten
uns da durch. Auf der freien Strecke
stiemte es noch schlimmer, aber wir erreichten
die Feldscheune und waren dort
auch nicht die einzigen, die Ähren sammeln
wollten. Ich weiß nicht mehr, ob
die Scheune keine Wände gehabt hat oder
ob die verheizt worden waren, jedenfalls
stiemte es auch in die Scheune hinein.
Wir verkrochen uns, so gut es ging in
das Stroh und fingen an Ähren zu schneiden.
Plötzlich erschien ein Russe. Ach
du grieset Kattke! Wir sahen ihn schon
von weitem kommen, machten uns so
klein wie möglich und versuchten uns im
Stroh zu verkriechen. Er hatte uns natürlich
bemerkt, schaute uns ein Weilchen
zu, sagte nichts und verschwand.
Was waren wir froh!
Man glaubt ja nicht, wie viel in so einer
Zieh reingeht, bis sie gefüllt ist, man
musste nur tüchtig premsen! Mit eiskalten
Fingern geht es nicht so gut und mit
Handschkes noch schlechter (Handschkes
mit Ösen).
Durchgefroren bis auf die Knochen
traten wir mittags mit unseren Ähren endlich
den Heimweg an, verklahmt wie wir
waren, wollte er kein Ende nehmen. Die
Kurve vor der Brücke am Dorfeingang
war vollständig zugestiemt, denn sie war
hier wie ein Hohlweg. Wir krochen und
keuchten durch die Schneemassen und
mussten auch noch aufpassen, dass unsere
ausgebaschelten Schuhe nicht im
Schnee stecken blieben.
Dann kam Weihnachten und Muttchen
hatte aus den Getreidekömem und Kartoffelschalen
Brot gebacken. Im Herbst
hatten wir tatsächlich von unserem
Kartoffelacker ein paar Kartoffeln ernten
können, was ein Jahr später nicht
mehr möglich war. Es gab auch noch ein
paar gekochte, tranige Kakel dazu, die
sich in den Fischemetzen verfangen hatten.
Opa und Muttchen arbeiteten in der
Fischereibrigade, daher die Kakel (Was
Kakel sind, weiß ich nicht genau, hühnerähnliche
Vögel, die auf der See leben).
In der Baptistenkapelle, die Pfarrer
Jänicke zur Verfügung hatte, er wohnte
dort mit anderen Familien zusammen,
fand die Christmette statt. Es war sehr
feierlich. Lehrer Kreck, der natürlich
keine Lehrerstelle mehr hatte, denn es
gab ja keine Schule, gründete einen Kirchenchor.
Er hatte zwei Lieder mit uns
eingeübt. Pfarrer Jänicke begleitete auf
einem uralten Harmonium den Gesang
der Gemeinde und las die Weihnachtsgeschichte
vor. Manche Träne rollte bei
dem Gesang, dem Kerzenschein und dem
Klang des Harmoniums, denn wir dachten
an die vielen Toten des Jahres und an
unsere Angehörigen, von denen wir nach
der Flucht und Kriegsende noch keine
Nachricht bekommen hatten.
Das neue Jahr wurde dann mit Holunderbeersaft
begrüßt, in der Hoffnung,
dass wir das Schlimmste hinter uns hatten.
Das war aber leider ein Trugschluss.
Wir durften aber die Flochten nicht hängen
lassen.
Eine Episode ist mir ebenfalls noch
gut in Erinnerung, die Geschichte mit der
Pogge. Da es kein Leitungswasser gab,
mussten wir, zwei jungen Mädchen, für
eine mssische Küche Wasser vom Bardauer
Teich holen. Es wurde schon dunkel,
als wir mit einem Tankwagen, vor
dem ein Pferd gespannt war und natür- 75