Full text : Unser Schönes Samland

Weihnachten, aus der Erinnerung.
Das kleine Dorf Palmburg liegt dicht
am Pregel östlich von Königsberg. Es
war an einem nasskalten Dezembertag.
In der Nacht war etwas Schnee gefallen,
der vor dem Tagesanbruch zu tauen anfmg.
 Ich stand an eine Stallmauer gelehnt,
 etwas fröstelnd und wartete auf
Hilfe für ein Pferd, das wegen des Futtermangels
 keine Kraft mehr hatte aufzustehen
 und wieder auf die Füße zu kommen.
 Da sah ich im Morgengrauen drei
Gestalten auf diesen einsamen Hof zukommen.
 Als sie mich da stehen sahen,
änderten sie die Richtung und kamen zu
mir. Es waren zwei Kinder im Alter von
fünf bis sieben Jahren und eine Frau,
wahrscheinlich die Mutter. Ihre Kleider
waren nur Lumpen, die Gesichter leicht
geschwollen und vergrämt, die Augen
glasig und unruhig. Die Kinder hatten
durchnässte Lappen um die Füße gebunden.
 Die Frau hatte nichts an den Füßen,
sie stand barfuß in dem Schneematsch
vor mir! Die Frau bat um Kartoffelschalen
 oder sonstigen Abfall. Ich konnte
 nicht helfen, ich hatte nichts! Daraufhin
 wollte die Frau wissen, ob hier irgendwo
 ein Abfallhaufen ist. „Ja, dort“,
sagte ich und zeigte auf eine Stelle neben
 dem Misthaufen. „Aber da ist nichts,
die Ratten halten den Platz sauber“.
Trotzdem gingen alle dorthin, voran die
Kinder.
Im Vergleich zu den Dreien hatte ich
es besser, ich hatte noch Schuhzeug, am
rechten Fuß einen reichlich ausgetretenen
 Lederschuh und am linken Fuß einen
 Klumpen, der eine etwa zwei Zentimeter
 dicke Holzsohle hatte. Aber ich
hatte etwas an den Füßen. Unterwäsche
hatte ich nicht, dafür aber zwei paar
Hosen übereinander gezogen. An der

Stelle, wo ein Gürtel hingehört, hatte ich
Draht gezogen und Draht ersetzte auch
den fehlenden Knopf an meiner Jacke.
Meinen Kopf schützte eine abgetragene
Pelzmütze, die ich von einem Russen geschenkt
 bekommen hatte.
Später stand ich in einer Reihe von
etwa 30 Personen, meist Frauen und Kinder,
 nur zwei alte Männer darunter, um
die tägliche Morgensuppe zu empfangen.
Frau Lehnart, eine Bauersfrau aus dem
Memelgebiet, kochte und teilte die Suppe
 an uns aus. Als ich mein verbeultes
Kochgeschirr hinhielt, zögerte Frau Lehnart.
 Sie sah mich an und sagte: „Bruno,
weißt du, es ist Weihnachten.“ Ich blieb
stumm, auch alle anderen sagten nichts.
Meine Augen stierten weiter nur auf die
Schöpfkelle, in der Hoffnung, dass das
Kascha ein bisschen reichlicher ausfällt.
Es gab kein Tannengrün, keine Kerzen
und keine Weihnachtslieder. Gearbeitet
wurde wie an allen anderen Tagen. -
Diese Weihnachten 1946 sind in meinem
 Leben die bedrückensten, traurigsten
 Weihnachten.
Der Winter verging. Die Überlebenden
 brauchten in der warmen Jahreszeit
nicht mehr zu frieren, wenn auch der
Hunger blieb. Jetzt ging ich barfuß, mit
notdürftiger Kleidung, die von Verstorbenen
 aus den Krankenanstalten der
Barmherzigkeit in Königsberg stammten,
dazu mit einem Rucksack und mit einem
Knüppel durch ein fremdes Land. Ich
war Ausländer und Bettler geworden.
Bis zum Spätherbst hatte ich so viel
körperliche Kräfte gesammelt, dass ich
meine noch schwache Arbeitskraft anbieten
 konnte. Der Lohn dafür war das Essen
 und wenn es Nacht wurde, ein Platz
zum Schlafen in einem Stall oder in einer
 Scheune. Wenn es hoch kam, sogar

auf einer Bank in einem warmen Raum.
Es wurde wieder Heiligabend. Ich half
beim Dreschen von Getreide. Die Arbeit
endete in der Mittagszeit. Alle, die dort
gearbeitet hatten, strebten ihrem warmen
Zuhause zu, denn es war ja Weihnachtsabend.
 Ich nahm, wie seit vielen Wochen
gewohnt, meinen Rucksack und wollte
ziellos langsam davon gehen, nicht wissend,
 wo und wie ich die Nacht verbringen
 würde. Da kam ein Mann zu mir und
sagte: „Bruno, komm mit!“
So kam es, dass ich, der Obdachlose,
der fremde Bettler, der die Landessprache
 kaum verstand, im Kreise einer großen
 Familie unter Kindern, Eltern und
Großeltern vor einem spärlich geschmückten
 Tannenbaum saß. Einige Hindenburglichte
 und das knisternde Holzfeuer im
Herd erhellten ein wenig den Raum. Es
wurde auch gesungen, nicht an den Worten,
 aber an der Melodie erkannte ich:

„Stille Nacht...“ und „Vom Himmel
hoch“.
Diese Nacht durfte ich in einem richtigen
 Bett schlafen, in einem warmen
Raum. Die Frauen in dem Hause reinigten
 meine seit Wochen nicht mehr gewechselte
 Wäsche. Ein Mann fertigte für
mich aus einem Stück Kuhleder das zu
der Zeit dort übliche, einfache Schuhzeug
 an (Nagene). Ich fühlte mich geborgen,
 zufrieden und sogar glücklich.
Diese Weinachten 1947 im nördlichen
Litauen sind in meiner Erinnerung fest
haften geblieben. Es sind die schönsten
Weihnachten in meinen Leben. Es war
eine tragische Zeit, die wir - heute satt
- nicht vergessen dürfen.

Bruno Tengler
Langjähren 23
24536 Neumünster
Tel.: 04321 - 323 65

fr

Schloapleedke

Mien kleenet Kind, moak diene Ogkes to, a
de Moandke kömmt vabie, de Steernkes funkle,
da bute ös et kold, öck bön bi di,
hol dienern Patschhand fast öm Dunkle.

Häw man kein Angst, ok wenn et bute stoarmt,
de lewe Gottke lett ons nich vadarwe,
he holt ons biede fast ön seinem Arm,
dat ös öm Läwe so als ok öm Starwe.

Öck sing di noch e kleenet Leedke vär,
vom Vogelke, vom Koater on vom Muske,
schloap ön mien Kind, moak diene Ogkes to,
öck bön bi di, ön onsrem kleene Huske.

Eva Pultke-Sradnick 7