sage ich: „Vielen Dank, guten Morgen!“
und setze meinen Weg fort. Wie zuckersüß
klang es doch früher - „Ach, gnädige
Frau, leider hat sich heute der Milchwagen
verspätet. Lassen Sie bitte die
Kanne hier. 4 Liter, nicht wahr? - Darf
ich auch gleich die Kaffeesahne mitschicken?
Sehen Sie, gnädige Frau, hier habe
ich noch einen fetten, abgelagerten Tilsiter!
Nur 90 Pfennig das Pfund! Nicht?
Guten Morgen, gnädige Frau.“ - Ja.
Früher.
Auf der Post rüttele ich lange vergeblich
an der Tür; endlich öffnet sich diese
ein wenig und eine Stimme ruft: „Wollen
Sie ein Telegramm aufgeben?!“ -
„Nein, ich wollte nur fragen ...“ „Können
Sie nicht den Zettel an der Tür sehen?!
Nein?!“ - Die Tür fällt ins Schloss.
Nachdem ich den Schnee von der Scheibe
gewischt habe, kann ich entziffern:
„Postzug noch nicht eingetroffen! Und
nun? Zwei Tage keine Zeitung, keine
Nachricht vom Kriegsschauplatz? - Da
muss ich doch mal zum Bahnhof hin,
einmal sehen, ob denn gar kein Zug in
Aussicht ist! - Da ist alles tot. Die Gleise
sind hoch verstiemt. Nur ein alter Bahnhofswärter
sitzt in einem Verschlage. Er
isst schönes dickes Schmalzbrot. Welch’
eine Wonne! Auf meine Frage, wann wohl
der nächste Zug einläuft, sieht er mich
mitleidig lächelnd an, beißt herzhaft in
sein Brot, wischt sich das Schmalz aus
dem Schnurrbart, und sagt: „ Na, vielleicht
nächste Woche Montag. Ich weiß
aber noch nicht. Aber morgen soll eine
Extrapost kommen, erzählte mir erst
mein Richard.“
Ich denke: Kann ja nett werden. Da
sind wir ja glücklich wieder 20 Jahre
zurück; doch man soll sein Geschick mit
Gleichmut ertragen. - So ziehe ich dann
langsam nach Hause ab. Allmählich hat
sich das Straßenbild schon belebt, denn
der Sturm hat merklich nachgelassen. Da
kommt das Eseldreigespann, keuchend
den schweren Schneepflug hinter sich
herziehend. Dort geht ein Kind zur Schule,
natürlich jeden größeren Schneeberg
gewissenhaft auf seine Tiefe erforschend.
Hier bahnt sich ein alter Rentier mit einem
Ungetüm von Schneeschaufel durch
seinen Garten einen Weg nach der Straße.
Nach jedem Spatenstich bewundert
er das Werk seiner Hände, bläst sich in
die geballten Fäuste, sieht ob sein Pfeifchen
mit dem Weihnachtstabak noch
brennt, schüttet den Schnee aus den
Holzpantoffeln und dann trifft er Anstalten
zu einem neuen Spatenstich.
Wie von einem Armsünderglöcklein
tönt das Morgengeläut von dem nahen
Kirchturm, die Kinder zur Eile ermahnend,
denn die Schule beginnt, dem fleißigen
Frühaufsteher sagend: „Es ist schon
8 Uhr“, doch der Faule im Bett dreht sich
noch einmal auf die andere Seite und
denkt: „Erst 8 Uhr?“ - Ja, wer es so haben
kann!
Von Feme tönt das dumpfe Brausen
der See herüber, in Intervallen wie die
Wellen an den Strand stürzen. Bald
schwillt es an, bald klingt es nur wie ein
fernes Säuseln. Da will ich es mir doch
nicht nehmen lassen, meine liebe See zu
besuchen, mit deren Wasser ich ja auch
getauft bin. Nur mutet sie mich heute
nicht so freundlich an wie sonst, denn
nicht blaugrün und belebt von den weißen
Segeln der Spazier- und Fischerboote,
sondern tintenschwarz und verlassen
liegt sie vor mir. Doch die verschwundenen
Buhnenköpfe und am Strande he-70
rumliegende Baumstämme zeugen davon,
dass sie ihr jugendliches Ungestüm
bewahrt hat. Noch gerne hätte ich länger
bei ihr verweilt, denn die mit langen Eisbärten
befrorene Landungsbrücke bietet
einen schönen Anblick, doch heftig einsetzendes
Schneegestöber treibt mich
nach Hause in die warme Stube. Krachend
schlägt der Sturm hinter mir die
Haustür zu.
Hans Trost, geb. 1901
in den Weihnachtsferien 1917 - 1918
Die vorstehende Geschichte, aufgeschrieben in gestochen scharfer Sütterlinschrift, wurde
uns von Frau Margarete Schräder geb. Trost eingesandt, die diesen Aufsatz sowie
zwei andere erst im Jahre 2004 als lose Blätter in einem alten Buch fand. Sie schreibt:
Sie „sind meiner Meinung nach eine gute Beschreibung der Lebensumstände in den
Winternotzeiten 191711918 in Cranz. Unser Vater Hans Trost, geboren am 8. August
1901, war der erstgeborene Sohn des ehemaligen Konrektors und letzten Kantors der
St. Adalbertkirche in Cranz vor Ende des 2. Weltkrieges, Carl Trost, und seiner Frau
Margarethe geb. Freudenreich. Unser Vater wurde, wie auch seine Geschwister Erika
und Erich, in der Alten Schule in der Kirchenstraße geboren, wo mein Großvater seine
erste Lehreranstellung hatte und dort die Lehrerwohnung mit seiner Familie bewohnte. “
Margarete Schräder, Anna-Siemsen-Weg 5, 30173 Hannover, Tel.: 0511 - 80 12 42
Weihnachten in einer schweren Zeit
Was
ich jetzt erzählen werde, ist
nichts Heiteres, ja nicht mal zum
Schmunzeln. Die jetzige Adventszeit soll
unter anderem auch eine Zeit der Besinnung
sein. Aber gerade diese vorweihnachtlichen
Wochen sind für viele -
besonders für unsere Frauen - voller
hektischer Arbeit, manchmal nah an
Stress grenzend. Das fängt an mit dem
Aussuchen, Kaufen und dem kunstvollen
Verpacken von Überraschungsgeschenken.
Dazu die umfangreichen Vorbereitungen
für ein viel zu üppiges
Festmahl. Auch das Reinemachen darf
nicht vergessen werden bis in die entlegensten
Ecken, wo absolut nichts zum
Reinigen ist. Zwischendurch gibt es noch
die zahlreichen Adventsessen mit Freunden
und in Verbänden. Das Schreiben von
Grußkarten nach einer langen Liste an
Verwandte und Bekannte, von denen man
vielleicht das ganze Jahr nichts gehört
hat. Außerdem läuft in den Tagen vor
Weihnachten das Telefon heiß und die
Dezemberabrechnung erreicht einsame
Spitze.
Seit langem, ja seit Jahrzehnten leben
wir im Frieden und wir sind satt, der weit
überwiegende Teil lebt sogar im Überfluss,
vielleicht unbewusst. Viele von uns
haben schon siebzig, achtzig Mal oder
noch häufiger Weihnachten erlebt. Die
so reich an Jahren sind, wissen es. Das
war nicht immer so, es gab harte, karge
Zeiten. Es kann nicht verkehrt sein, wenn
wir uns an diese längst vergangenen Zeiten
noch einmal kurz erinnern. Ich werde
jetzt von zwei Weihnachten aus meinem
Leben erzählen. Zuerst meine
schlechtesten und dann die schönsten 71