Full text : Unser Schönes Samland

den mit täglichem Besprengen mit Seewasser
 und Erinnerungen an eine alte
Liebe. Um jeden Ersten des Monats sahen
 die Burgen wie verlassene Vogelnester
 aus, vom Winde verweht ... Aber
bald zogen wieder neue Pärchen ein,
neue Familien bauten neue Nester.
Das Baden war je nach Wellengang ein
Vergnügen. Ihr müsst euch vorstellen,
Brecher, ein paar Meter hoch, da konnte
man nur unten durch oder man ließ sich
hoch hinaustragen, um dann in die Tiefe

zu stürzen.
Und dann unsere Küste, es gibt nichts
Schöneres. Steilküste, müsst ihr wissen.
Teils bewaldet, teils ganz schroff, tiefe
Schluchten führten zum Strand. Die tobende
 See holte sich jedes Jahr ihren
Tribut, sie unterhöhlte den Berg. Vielerorts,
 hier spreche ich vor allem von den
Nehrungen, trotzdem sie ein Teil für sich
sind, setzte man Strandhafer, Stranddisteln,
 um den Flugsand zu binden.
Nach dem Sturm, und dies war besser
als jeder Kriminalroman, warf die Ostsee
 ihren Bernstein an Land. Nirgends,
aber auch nirgends, kam er in so reichhaltigem
 Maß vor wie im Samland. Goldgelb
 und braun, faustgroße Grammer...“
„Stopp, Karin, stopp! Du redest wie
ein klingendes Bilderbuch. Kann man
dahin, scheint ja ein wahres Urlaubsparadies
 zu sein. Wir haben in diesem
Jahr noch gar nichts gebucht. Wo liegt
denn das überhaupt?“
Karin schluckte erschrocken und zögerte
 mit der Antwort. „Ach, ihr Lieben“,
sagte sie dann, da müsst ihr schon eine
Weile wandern, meilenweit. Aber auch
Wandern nützt nichts, es ist nicht mehr
unser Deutschland.“ „Aber es ist doch
Europa“, meinte Angela.

„Hast recht, stimmt sogar“, antwortete
Karin, wir leben im normalsten Europa.
Das sagt aber nichts über Menschen aus,
die vertrieben wurden, dass Grenzen entstanden
 ...“ Hier kippte ihre Stimme ein
bisschen um. Sie schluckte den Klumpen
 herunter. „Tee mit Machandel“, rief
Sigrid und überbrückte mit Ossis Hilfe
den seelischen Notstand. Schirokko erwischte
 den anderen Zipfel und redete
ohne Umschweife.
„Gelt, Karin, es ist deine Heimat, von
der du uns erzählt hast? Siehst du, nun
sind wir schon so viele Jahre zusammen,
wir wissen, dass du aus dem Osten
kommst; aber keine hat dich je gefragt,
wie sah es bei dir zu Hause aus. Für uns
ist es so selbstverständlich, dass wir geborgen
 waren und sind, erzähl’ uns ein
bisschen mehr von deinem Samland.“
Karin lächelte mit feuchten Augen.
“Zuhause bin ich jetzt hier“, sagte sie
dann, „aber meine Heimat wird immer
Ostpreußen sein. Aber glaubt mir, darüber
kann man nicht sprechen, schon gar nicht
hier. Es ergibt sich sicher eine bessere
Gelegenheit. - Ossi, bring noch eine Runde
 Machandel. Es ist ein Rezept meiner
Großmutter. Es ist gut, wenn man krank
ist, schadet keinem Gesunden, es macht
warm, hilft heilen, glättet auch alte Narben
 und Falten.“
„Na denn zum Wohle, diese Konkurrenz
 muss ich schleunigst vernichten“,
raunzte Schirokko.

Eva Pultke-Sradnik
Benzstraße 45
73614 Schorndorf
Tel./Fax: 07181 - 628 43

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Ein altes Holzkästchen

Mein

Vater, Alfred Klein aus Königsberg,
 war handwerklich begabt.
Man konnte ihm alles in die Hand geben,
 er machte etwas daraus. Das lag
wohl in der Familie, denn auch sein älterer
 Bruder Franz konnte schöne Holzarbeiten
 machen. Dieses „Hobby“ war ein
Geschenk des Himmels und kam den
Familien nach dem Krieg, als es an allem
 fehlte, mehr als zugute.
So machte mein Vater in unserer ersten
 Wohnung in Frankfurt am Main nach
unserer Rückkehr 1948 aus Königsberg
für Mutti unter anderem auch ein kleines
 Kästchen aus naturbelassenem Holz.
Mutti freute sich, wieder war ein kleines
Stück zu der traurigen Einrichtung hinzugekommen
 und das Kästchen wurde ein
Schuhkasten. Es kamen Lappen hinein,
die wirklich keine andere Verwendung
mehr fanden, und sogar eine Schachtel
schwarze Schuhcreme. Später konnte der
Inhalt auch ergänzt werden.
Mein Bruder Peter wuchs heran, und
eines Tages ging er dem Kästchen mit
brauner Lackfarbe zuleibe. Die Jahre vergingen
 und Peter strich den Kasten, auf
Drängen von Mutti, mit weißer Lackfarbe
 an. Jetzt „strahlte“ der Kasten, aber
innerlich machte er sicher auch eine lange
 Flunsch, denn sein schönes Naturholz
war nun nicht mehr sichtbar.
Die Jahre vergingen. Papa lag nun
schon lange im kühlen Grab. Und eines
Tages hieß es für mich die Wohnung aufzulösen,
 weil Mutti nicht mehr alleine in
dem großen Haus wohnen konnte. Eine

mehr als traurige Aufgabe; was kann ich
aufheben und was nicht? Jeder hatte seine
 komplett eingerichtete Wohnung und
auch keinen Platz für sperrige Stücke.
Die Arbeit hatte ich fast geschafft, da
stand in einer Ecke der Küche, verdeckt
von der immer offenstehenden Türe, der
kleine Kasten. Seine weiße Farbe war
inzwischen gries, und lange schon war
er nicht mehr benutzt worden. Ich hob
ihn hoch und machte den Deckel auf. Dort
lagen noch immer ein paar uralte Lappen
 und eingetrocknete Schuhcreme war
in den Dosen.
Im ersten Moment stellte ich den Kasten
 wieder zurück, die Entrümpler würden
 sich seiner annehmen. Dann dachte
ich: „Nein. Du kleiner Kasten bist ein
liebes Andenken, hast uns so viele Jahre
genützt und uns unsichtbar begleitet.
Dich gebe ich nicht zum Müll.“ Und so
geschah es, dass ich den Kasten mit in
meine Wohnung nahm. An einem Regentag
 setzte ich mich mit ihm auf den Balkon
 und begann die dicke, weiße Farbe
zu entfernen, was mir nur schwer nach
vielen Arbeitsgängen einigermaßen gelang.
 Und immer dachte ich dabei an
meinen Vater, er hätte es bestimmt besser
 als ich gekonnt. Nun hat der kleine
Holzkasten fast wieder seine Naturfarbe,
und wir beide - Kasten und ich - freuen
uns darüber.

Marlies Stern (Godrienen)
Via 27 Marzo,
65 1-19122 La Spezia

Kreisgemeinschaft Fischhausen e. V. im Internet:

www.kreis-fischhausen.de

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