Full text : Unser Schönes Samland

Nach Hause

Es

ist der 30. Januar 1945 in Jaugehnen,
die Flammen aus Mogaithen und
Goythenen erhellen den Himmel und der
Bürgermeister Roose ruft zum Aufbruch,
um alle vor der heranrückenden Front
zu retten. Die Flüchtenden kommen mit
den Pferdeschlitten bis nach Ihlnicken bei
Palmnicken und finden dort Bleibe in den
bereits verlassenen Häusern, weiter geht
es nicht auf den durch Militär und Trecks
verstopften Straßen.
Am 15.April überrollt die russische
Armee den Ort, nichts geschieht. Erst die
nachrückenden Soldaten nehmen sich
Frauen und Mädchen, Uhren und
Schmuck als Kriegsbeute. Am 16. April
werden dann alle nach Rauschen und
dann weiter in Richtung St. Lorenz getrieben,
 um dabei noch mehr Frauen
mitzunehmen, um schließlich nach Cranz
zu gelangen.

Hier wird den Frauen einzeln während
der Verhandlungen vorgehalten, ihre
Männer, Väter oder Brüder seien bei der
SS und sie sollten dieses eingestehen. Wer
nicht sagt, was man hören will, wird in
einen Keller gesperrt, in dem bis zu hundert
 Frauen und Mädchen festgehalten
werden. Dort reicht das Wasser bis zu
den Knien. Stehend muss die Nacht in
dem kalten Wasser verbracht werden.
Am Tag darauf folgt eine weitere Vernehmung.
 Dann geht es in Viehwaggons
über Tage, Wochen oder Monate - niemand
 hat mehr ein Zeitgefühl - nach
Sibirien. Kaum zu essen, keine Möglichkeit
 zur primitivsten Reinigung - es bleiben
 Resignation und Verzweiflung.
Im Mai ist die Ankunft in Sibirien,
Empfang durch heulende Wolfsrudel.
Die Jaugehnerin sieht keine bekannten
Gesichter.

Es ist schon Frost und mit Sicheln wird
noch Getreide gemäht. Irgendwie ernährt
man sich von auf dem Ofen Getrocknetem.
 Einige Männer planen wegzulaufen,
wohin auch immer; zu dem Kreis der
Eingeweihten gehören 10 bis 12 Personen.
 Wenn die russischen Bewacher am
wärmenden Feuer schlafen, soll es auf
ein Zeichen losgehen.
Es ist so weit und man läuft, läuft,
läuft, solange es dunkel ist. Dann klettern
 sie auf Bäume, um den hellen Tag
dort zu verbringen, und um nicht gesehen
 und entdeckt zu werden.
Die Flüchtenden gelangen nach Brestletowsk,
 finden nächtlichen Unterschlupf
bei russischen Familien, aber sie müssen
weiter ziehen. Über Tilsit gelangen sie
nach Litauen, dort lässt man sie in Scheunen
 übernachten, sie müssen wieder weiter,
 weil die Bewohner Angst vor den
Durchsuchungstruppen haben.
In Königsberg löst sich die Gruppe
1946 auf. Alleine sucht die jetzt 19-Jährige
 den Weg nach Jaugehnen, denkt an
30 Bahnkilometer, ist verdreckt, zerlumpt
 und verlaust; ihr kommen zwei
Soldaten mit dem Motorrad entgegen und
sie flieht in den Wald und gräbt sich ein.
Mehrere Schüsse sind zu hören, dann
wird es wieder still.
Mit größter Vorsicht kommt sie nach
Jaugehnen und trifft sogar die Mutter an,
die sie zwar erkennt, jedoch nicht eintreten
 lässt, denn völlig verlaust wäre sie
eine Gefahr für alle. So werden ihr andere
 Kleidungsstücke zugeworfen und sie
bemüht sich in den nächsten Tagen, sich
zu reinigen und von dem Ungeziefer zu
befreien.
Es ist Frühjahr 1946. Die Arbeit bei
den Kühen in Goythenen und Drebnau
auf der Kolchose bringt sie wieder zu

Kräften. Sie ist das älteste der Kinder und
hilft bei der Nahrungsbeschaffung für die
Familie. Das Sterben als Folge der großen
 Hungersnot und der dazugehörigen
Krankheiten beginnt - fünf Geschwister
sind darunter; am 5.April 1947 der 16-jährige
 Zwillingsbruder Paul, am 19.
April die Mutter und der Zwillingsbruder
 Hans, am 23. Mai die 17-jährige
Schwester Lina, am 30. Mai 1947 die
10-jährige Schwester Maria und am 3.
Juli des Jahres der sechsjährige Bruder
Franz.
Tapfer bringt sie alle zum Pobether
Friedhof und schaufelt die Gräber. Pfarrer

 Ewert spricht tröstende Worte. Jetzt
noch aufgeben und nicht mehr leben
wollen, das geht nicht, denn mit ihr warten
 drei weitere Geschwister auf die Ausreise,
 und mit dem letzten Transport 1948
gelangen sie nach Thüringen, wo die 77-Jährige
 heute noch wohnt.
Nur in Gegenwart ihrer Heimatfreundin
 aus Diewens erzählt sie den
schweren Weg: „Lest, was die Schriftsteller
 schreiben oder in dem Buch über
den Gulag steht. So war es, ich wollte
überleben und habe auch überlebt.“
aufgezeichnet
von Dietmar Wrage

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Verbannung

geschrieben im September 1945
von Carla von Bassewitz (1896- 1990)

Selbst Arbeit kann uns niemals davor retten,
dass die Gedanken wandern ohne Ende!
Wohl spricht der Mund, bewegen sich die Hände -
die Seele aber liegt in schweren Ketten.

Sieh, die Verzweiflung wächst mit jedem Tage,
den ich der liebsten Heimat ferne bleibe,
und wie ein Boot auf offenem Meere treibe.

Gott hilf mir, dass ich es gefasster trage,
ich muss noch leben - denn ich muss warten,
bis einer kommt, den mir noch keiner nannte -
der meines Glückes wundervollen Garten,
der des geliebten alten Hauses Mauern
und meinen Wald und meine Felder kannte -
und dem ich lauschen werde mit Erschauern.

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