Full text : Unser Schönes Samland

Das Schweinewettrennen

Von seiner letzten Tour war Kurt
mit einem bunten Papagei nach Hause
gekommen. Ein Matrose hatte damit in
Pillau an der Pier gesessen. „Lora“
hatte der Vogel immerzu mit krächzender
 Stimme gerufen, „Lora“! Die Möglichkeit,
 daß Kurt in der „Ilskefalle“
ein paar Gläser Grog zu viel getrunken
hatte, war nicht auszuschließen. So
etwas von lustigem Federvieh hatte er
noch nie gesehen, und heute wollte er
mal das machen was ihm gefiel. Er
wurde mit dem Matrosen handelseinig,
 bekam sogar einen großen Käfig
dazu. Er ließ sich mit der kleinen Jolle
des brummigen Fährmanns, böse Zungen
 nannten ihn Rucks-Willi, zum
Bahnhof übersetzen. Zwei Pfennig kostete
 es, Tiere extra. Mit einem Dittchen
 waren sie quitt.

Kurz und gut, er kam mit dem
Kakadu, diesem bunten Exoten zurück,
 nach Hause auf den Bauernhof.
Die Mutter war begeistert, denn die
einzig Farbigen waren ja immer nur
der Gockel und eventuell noch der
Kurrhahn gewesen, da war so ein Papagei
 doch wirklich etwas ganz anderes.
 Der Bauer enthielt sich der Antwort
 und übersah dieses nichtsnutzige
Geflügel, so als ob es nicht da war.
Schlimm wurde es erst, als Lora heimisch
 wurde und zum Bauern „Schlitzohr“
 sagte, und wenn Freunde vom
Hof gingen diese als Halunken und
Rabauken bezeichnete. Och, er kannte
noch viel schlimmere Worte, man
merkte, daß er unter Seeleuten gelebt
hatte.

Als nun aber gar der Herr Pfarrer
mit „Haltet den Dieb“ beschimpft
wurde, war der Bauer so wütend geworden,
 daß er den Vogel packte und
ihn in die Schweinebucht warf, hoffend,
 daß ihm dies eine Lehre sein
würde. Unglücklicherweise landete
Lora auf den Schweinerücken des einjährigen
 Adolar, der sowieso überaus
sensibel war. Der sprang entsetzt auf,
aber der Kakadu krallte sich in seinem
noch jungen Speck fest - und los ging
die wilde Jagd.
Adolar sauste immer quiekend im
Quadrat, aber Lora hielt sich tapfer.
Sie klammerte sich in seinen Rücken,
stellte ihre Haube auf. Sie war begeistert.
 So etwas Tolles hatte sie noch
nicht erlebt, das war ja fast so gut wie
Windstärke 10. Vor lauter Aufregung
wippte sie nach vorne und hinten und
rief heiser und anfeuernd: „ole...., gib
ihm Saures, Ede, ole“.
Adolar raste, quietschte und stand
kurz vor einem Herzinfarkt bis auch
Lora nach einer Stunde runterfiel. Als
sie ihr Federkleid mühsam wieder geputzt
 hatte rief sie im Brustton der
Überzeugung: „Saustall, ole“.

*

Bei einer Wette im Krug unter den
Jungbauern, wer die schnellste Sau im
Stall hatte, konnte sich Kurt dieser
nicht entziehen. Es war nämlich Spätherbst
 und aus purer Langeweile veranstalteten
 sie ein Rennen. Sechs
Schweine würden aufgestellt werden.

Natürlich hatte es sich schnell herumgesprochen,
 gleich nach der Kirche
am Sonntag sollte es los gehen. Der

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alte Sportplatz war dafür bestens geeignet.
 Aber ein Wettrennen unter
Schweinen, hatte es das schon jemals
gegeben? Schweine sind ja faul, womit
sollten diese denn animiert werden?
Kurt hatte Adolar vorgesehen, rank
und schlank noch, doch alles brachte
ihn schnell in Verwirrung. Da könnte
es schon sein, daß er als Verlierer übrig
bleiben würde. Aber es ging ja auch um
seine Ehre. Nächtelang grübelte er herum
 - und endlich hatte er die Lösung.

Es war Sonntag. Alle waren gekommen,
 auch die, die sonst kaum in die
Kirche gingen hatten den Gottesdienst
nicht versäumt. Im Pulk ging man zum
Sportplatz. Sechs Plätze waren eingezeichnet,
 sechs Schweine standen in
Position. Dann ein Schuß. Alle Säue
rasten los was haste - was kannste. Lediglich
 Adolar brauchte eine Schrecksekunde,
 dann blieb er als Letzter in
Kiellinie. Und dann auf einmal ein
Schrei: „Ole, alter Teutone, ole.....gib
ihm Saures, Ede, ole, ole...“ Adolar
zuckte erschreckt mit den Ohren, spürte,
 erinnerte sich an Krallen auf seinem
Rücken, ole! Er nahm seine Beine in
die Hand, quiekte langgezogen als ob
er abgestochen würde. „Ole“, rief Lora
begeistert, „ole alter Knabe“.

Adolar siegte mit Abstand, eingedenk
 jener Nacht in der Schweinebucht.
 Er bekam einen Siegerkranz aus
Komfrei umgehängt und Lora wurde
mit kleinen Leckerbissen verwöhnt.

der Familie auch nicht zugeben wollte.
Und so versöhnte er sich mit dem Vogel
 in dem er ihn morgens meistens mit
den Worten „Moarrje, du oler Zausel“
begrüßte. Lora rief dann meistens:
„Land in Sicht“ oder „Mann über
Bord“. Aber was war das für eine
Überraschung als sie mal den Veterinär
 holen mußten. Es war im Augenblick
 niemand auf dem Hof zu sehen
und so wollte er in den Stall gehen.
Erschreckt drehte er sich um, aber es
war niemand da. „Gode Moarrje, oler
Zausel“ hatte doch da jemand ganz
deutlich gerufen. Und da war es wieder:
 „Go man erseht dem Stall utmäste
(ausmisten) - Prachermann, Prachermann!“
 Aber da kam schon der Bauer
und es wurde herzlich gelacht. Natürlich
 wurde Lora gleich gründlich untersucht
 und als ihr die Krallen beschnitten
 wurden, rief sie in einem fort:

„Dat weä joa nich needig gewese,
dat weä joa nich needig gewese.“

Eva Pultke-Sradnick,
Benzstr. 45, 73614 Schorndorf,
Tel./Fax: 0 71 81 -6 28 43

Dieses Ereignis erfreute natürlich
auch den alten Bauern, wenn er es vor 45