sagte darauf nur:„Wenn ihr mir doch
nicht glauben wollt....“ - und damit war
für sie das Thema beendet, während
mancher sich das Lachen nicht verkneifen
konnte.
Zurück zu den „Kaffeetanten“.
Zu Hause in der ostpreußischen
Kleinstadt Ebenrode hatte sich Marthe
wieder einmal rechtzeitig für einen
Stadtbummel bei Olli eingefunden.
Schick zurechtgemacht, saß sie im Sessel
und wartete geduldig bis auch die
Freundin mit ihrem Outfit fertig war.
Beide Damen hatten ihr Haar etwas
„nachgedunkelt“. Damals gab es fürs
Haarefärben wohl nur die Wahl zwischen
„Wasserstoffblond“ und „Schwarz“.
Beim Stadtbummel ließ man selten die
Gelegenheit, eine Konditorei aufzusuchen,
ungenutzt. Udo Jürgens singt in
einem seiner Schlager: „Aber bitte mit
Sahne....“. War Dieter dabei, so durfte
er sich jedes Mal einen „Mohrenkopf ‘
oder einen „Liebesknochen“ einverleiben.
Nun saßen Marthe, Olli und Dieter
nach der nachmittäglichen Wanderung
im Neukuhrener Kurhaus-Cafe. Der
Wanderweg führte meistens durch den
Wald an der Küste entlang bis zur
„Pracherschlucht“. In Ostpreußen war
ein Pracher ein Bettler, der nicht bettelte,
sondern eben pracherte. Das soll
nicht etwa heißen, daß in dieser
Schlucht Bettler hausten. Es war ein
schluchtartiger, steiniger Strandabschnitt,
ein gutes Stück abseits des
breiten, feinsandigen Kurbadestrandes
gelegen. Er wurde von Badegästen aufgesucht,
die keine Kurtaxe bezahlen
wollten oder konnten. Auch für
Herrchen und Frauchen mit Hund war
das Terrain gut geeignet.
Dieter achtete darauf, daß die
Wanderung auf dem Hin- und Rückweg
stets an einem Verkaufsstand vorbeiführte.
Sein Ziel war dort der
Automat, bei dem es kleine Gewinne,
meistens in Form von Süßigkeiten, zu
„stechen“ gab. Das kostete jedesmall
einen „Dittchen“ - gleich einen Groschen
oder 10 Pfennige. Mehr als einen
oder zwei Dittchen bewilligte die
mütterliche Hand dafür nicht. Auf
dem Rückweg hätte das „Jungche“
ohne ein Stechen auskommen müssen,
wäre Marthe ihm nicht finanziell zu
Hilfe gekommen. So konnte er vorauseilen
und sich, mit zwei oder drei weiteren
Dittchen ausgestattet, wieder an
dem Automaten zu schaffen machen.
Die mütterliche Mahnung: „Aber
Marthe - du verwöhnst mir den Jungen
zu sehr“ blieb bei der Freundin ohne
Gehör, hatte sie doch große Freude
daran, dem Jungen etwas zukommen
zu lassen.
Das Kurhaus-Cafe war wieder gut
besucht und so manches schöne Stück
Torte mit Schlagsahne wurde bestellt.
Eins davon für Dieter, während die
beiden Damen sich jeweils mit einer
Tasse Kaffee begnügten. Es heißt
„....und führe uns nicht in Versuchung.“
Und die Versuchung war für
die beiden „Kaffeetanten“ hier sozusagen
zum Greifen nah. Ringsherum
Schleckermäuler und am Tisch der
Knabe, der sich ohne jede Rücksicht
sein großes Stück Torte gut schmecken
ließ. Marthe bestellte regelmäßig noch
einen Eisbecher für das „Jungche“.
„Das ist doch einfach zu viel für den
Jungen. Marthe, du hast Schuld, wenn
er sich den Magen verdirbt“, so die
mütterliche Besorgnis, die zum Glück
immer unbegründet geblieben ist,
denn so ein junger, gesunder Magen
kann allerhand vertragen.
Nach der Kaffeepause folgte eine
Wanderung durchs Lachsbachtal. Die
Damen waren bisher ihrem Vorsatz,
sich mit dem Essen sehr zurückzuhalten,
treu geblieben. Aber „es war ja
noch nicht aller Tage Abend“. Auch an
Jesus Christus trat der „Leibhaftige“
heran, um ihn zu versuchen. In diesem
Fall mußte Satan allerdings unverrichteter
Dinge wieder abziehen. Bei anderen
hatte er da mehr Erfolg.
Der Herrscher der Unterwelt kann
ja nicht ganz allein die vielen Menschen
auf der Erde in Versuchung
führe. So schickt er noch verhältnismäßig
junge Teufelchen, damit sie es
üben - oft auch nur so zum Spaß -, jemand
zu versuchen. Diese sind mindestens
so zahlreich wie die Menschen
auf der Erde. Einige davon waren damals
auch in Neukuhren am Werk, und
zwar just zu der Zeit, als Marthe, Olli
und Dieter heimwärts gingen. Inzwischen
hatten längs der Hauptstraße
des Ortes mehrere Fischer ihre Stände
aufgestellt und boten unter anderem
frisch geräucherte Flundern an. Schon
von weitem stieg der würzige Geruch
den Herannahenden in die Nase und
ließ das Wasser im Munde zusammenlaufen.
Wahrscheinlich wollten die
Teufelchen in Gestalt dieser frisch geräucherten
Flundern Marthe und Olli
in Versuchung bringen. Und - wer hätte
das gedacht? - mit Erfolg. Für jeden
von uns wurde eine große Flunder eingepackt
und mit nach Hause genommen.
Nach mittäglich schmaler Kost und
ausgefallenem Kaffeeschmaus wollten
die Damen nun wenigstens zum
Abendbrot etwas „Vernünftiges“ essen.
Mit sichtlichem Behagen wurden die
fetten Flundern verzehrt. Fettige Finger,
fettig die Münder - sieht so jemand
aus, der abnehmen möchte? Gewiß
nicht - und ein wenig plagte die Damen
das schlechte Gewissen denn doch.
Aber morgen wäre ja auch noch ein
Tag für gute Vorsätze, sagten sie sich -
wenn, ja wenn nur die kleinen Teufelchen
nicht weiter vor Ort und weiterhin
am Werk gewesen wären!
Damals gab es für die umtriebigen
Teufelchen im schönen Ostseebad
Neukuhren wohl mehr als eben diese
Gelegenheit, sich mit erfolgreichen
Versuchungen brüsten zu können. Dabei
kamen ihnen in dem einen oder
anderen Fall Menschen zu Hilfe, wie
folgende Begebenheit beweist.
Die 20jährige Tochter Waltraut der
Familie Boenke hatte im Frühjahr
1939 geheiratet. Ihr Ehemann Hans
Dombrowski war Juniorchef eines
sehr gutgehenden Fleischereigeschäftes
in Neukuhren. Kräftige Kost aus
anerkannt guter Küche war bei Dombrowskis
Brauch und die Regel. Dennoch
erfreute sich die junge Ehefrau
40 41