Da meine Eltern in Königsberg
eine Apotheke hatten, eröffneten sie
mit Genehmigung der Lagerleitung
und des Kreisarztes eine Apotheke.
Sie erhielten einen Passierschein für
etwa 10 Personen, um im Umkreis des
Lagers Kräuter zu sammeln. Es gab
sehr viel Arnika und Pfefferminze. Die
Kräuter trockneten sie dann auf alten
Strohmatratzen. Anschließend wurden
sie gerieben und zu Extrakten verarbeitet.
Die so entstandenen Tees und
alle weiteren Produkte wurden in der
Ambulanz und im Krankenhaus verwendet.
Für diese Arbeit gab es allerdings
kein Geld
Meine ältere Schwester, Jahrgang
1926 - sie war Abiturientin, war
während dieser Zeit als Schwesternhelferin
auf der Krankenstation
tätig. Als ich an Gelbsucht erkrankte,
wurde ich von ihr betreut. Meine zweite
Schwester, Jahrgang 1930, nahm an
einem Kindergärtnerinnen-Seminar
teil, das aber nach einiger Zeit wieder
aufgelöst wurde. Im Lager gab es ein
Kinderheim mit 100 elternlosen Kindern,
die entweder ihre Eltern auf der
Flucht verloren hatten oder aus der
Kinderlandverschickung kamen.
Während dieser Zeit verstarb unser
Vater. Mit der Fürsprache des
Kreisarztes wurde er als einziger
Deutscher eingeäschert, und nach
einem Jahr wurde meiner Mutter die
Urne nach Deutschland geschickt. Ja,
es gab auch menschliche Erlebnisse -
leider zu wenige!
Im Spätsommer 1947 konnten wir
Dänemark verlassen, aber nur, weil wir
einen Unterkunftsnachweis in
Deutschland erbringen konnten. Wir
Kinder sollten in Deutschland in
Internate kommen. Leider waren die
Internate damals derart überfüllt, daß
wir in verschiedene verteilt werden
mußten. Das bedeutete für uns Kinder
eine zusätzliche mentale Belastung.
Von Dänemark ging unsere Fahrt
nach Mellrichstadt - Bayern - in ein
Lager. Die lang herbeigesehnte
“Offenbarung in Deutschland” entpuppte
sich als Trugschluß. Es war
schrecklich: In Stockbetten waren wir
im Kellergewölbe einer Brauerei untergebracht,
es war feucht und kühl.
Meine Mutter bekam Typhus und
mußte ins Krankenhaus. Dort blieb
sie, während wir Kinder in die
Internate kamen.
Im Winter 1947 begann dann auch
für meine Mutter ein neues Leben in
München, wo sie als Apothekerin tätig
sein konnte.
Die Zeit in Dänemark hat unser
weiteres Leben geprägt. Zweieinhalb
Jahre verlorene Kindheit und Jugend
hinterlassen ihre Spuren. Die
Umstellung auf die Freiheit war
schwierig, zumal wir unsere Schulausbildung
nachholen mußten.
Dennoch sind wir alle unseren Weg gegangen,
ohne wenn und aber. Die
Erinnerungen an jene Zeit wird uns
aber unser ganzes Leben begleiten.
Margot Spitzeder, Am Heiligen Rain 25,
61440 Obemrsel
26
Liebe Cranzer und liebe Landsleute
aus den Nachbarorten!
Das Jahr 2000
war für meine
Frau und mich
nicht ganz ohne
Schwierigkeiten.
Der Heilungsprozeß
der im letzten
Heimatbrief
erwähnen Hüftoperation meiner Frau
macht Fortschritte. Durch die krankheitsbedingte
Hektik in unserem
Haushalt hat aber meine Arbeit für
Cranz stark gelitten. So mußte ich u.a.
darauf verzichten, auf die zahlreich
eingegangenen Weihnachts-/Neujahrsgrüße
zu antworten. Ich entlaste
mein schlechtes Gewissen, indem ich
ihnen auf diesem Wege herzlich für
ihre Glückwünsche danke und Ihnen -
auch im Namen meiner Frau -
nachträglich alles erdenklich Gute und
vor allem Gesundheit für das neue
Jahr wünsche.
Die 3-wöchigen Rehabilitationsmaßnahmen
(Reha) haben nicht nur
den Heilungsprozeß bei meiner Frau
gefördert, sondern auch zur Erweiterung
der Cranzer Kartei geführt. Als
“Ehren-Cranzerin” sieht sie es als ihre
Aufgabe an, Cranzer überall aufzuspüren.
So lernte sie während ihrer
Reha in ihrem Mitpatienten Heinz
Gundlack (* 1933) einen Cranzer kennen,
der bisher keine Verbindung zu
unserer Heimatgemeinschaft hatte. Er
wohnte in der Wikingerstraße 4 und
hat bereits zugesagt, sich meine
Cranzer Bildersammlung anzusehen,
sobald es sein Gesundheitszustand erlaubt.
Heinz G. hat mir auch die
Anschrift seines 1930 in Cranz geborenen
Bruders Karl mitgeteilt. - Neben
den beiden “Gundlack-Jungens” habe
ich zwei weitere Cranzer in die Kartei
aufnehmen können. Es handelt sich
um Hans Peper (* 1942) und Erich
Schlothauer (* 1934). Sie wohnten in
Cranzbeek/Insel bzw. in der Seestraße
13 in Cranz. Wer mit einem der
Vorgenannten Verbindung aufnehmen
möchte, wende sich bitte an mich. Ich
werde Ihnen dann Anschrift und
Fernsprechverbindung mitteilen.
Im Heimatbrief 140. Folge -
IV/1998 hatte ich erstmalig auf das
Buch “Frauen in Königsberg 1945 -
1948” hingewiesen. Darin sind u.a. die
Tagebuchaufzeichnungen der 1919 in
Cranz geborenen und dort aufgewachsenen
Erna Ewert, geb. Karp, veröffentlicht,
in denen sie die unmenschlichen
Jahre zwischen 1945 und 1947
unter den Russen in Cranz festgehalten
hat. Mit der Tochter der verstorbenen
Autorin, Barbara Ewert-Köhn,
habe ich brieflichen Kontakt. Sie hat
mir mitgeteilt, daß die Restbestände
der 7. Auflage des Buches nunmehr
über die Kulturabteilung der Landsmannschaft
Ostpreußen e.V, Parkallee
84/89, 20144 Hamburg zu beziehen
sind (DM 16,80 + Porto). Ob die
Landsmannschaft eine erneute Auflage
herausgeben wird, ist ungewiß.
Das Buch “Frauen in Königsberg 1945
- 1947 sollte als Erinnerung an das damalige
Geschehen und als Mahnung
vor einem erneuten Krieg in jedem
Bücherregal eines Samländers stehen.
Frau Ewert-Köhn hat im Alter zwischen
4 und 7 Jahren die Horrorzeiten
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