Meine Erlebnisse in Dänemark -
nach der Flucht aus Königsberg/Pr.
überein. Diese wurden durch seine
Schwester - sie wanderte vor 40 Jahren
mit ihrer Familie nach Australien aus -
bestätigt. Sie war fest davon überzeugt,
daß es sich nur um ihre Nichte handeln
konnte. Kurz entschlossen buchte Frau
R. einen Flug nach Deutschland und
bat mich, das Wiedersehen zu organisieren.
Mit vielen Telefonaten zwischen
Deutschland, Australien und Litauen
klappte es. Am 21. Juni 2000 traf Elli
Gutzeit aus Kaunas kommend in
Hamburg ein. Aufgeregt standen wir
am Flughafen. Tante Gerda, Halbschwester
Karla mit Ehemann und ich
warteten zusammen mit einer ZDF-Redakteurin
und Kameramann auf die
solang “Vermißte”, die dann ganz,
ganz herzlich von allen begrüßt und in
die Arme genommen wurde.
Der kurzfristig engagierte Dolmetscher
half die vielen Fragen und
Antworten zu übersetzen.
Am 7. Juli 2000 flog Elli Gutzeit
nach anstrengenden, aber auch schönen
Tagen bei ihren Verwandten in
Deutschland nach Litauen zurück,
denn Kinder und Enkelkinder erwarteten
sie. Frau Gutzeit ist schon seit
längerer Zeit Witwe. Ich bin sicher,
daß die Traurigkeit der vielen Jahrzehnte
verblassen wird. Sie ist heimgekehrt,
hat ihre Familie und damit ihre
Kindheit wiedergefunden.
Christa Pfeiler-Iwohn, Laurembergstieg 3,
22391 Hamburg, Telefon/Fax: 040-5362504
Die Flucht aus meiner Heimatstadt
Königsberg begann endgültig am 8.
April 1945. Es wurde ein langer,
mühevoller Weg.
Unsere Reise führte uns zunächst
über Pillau-Neutief auf die Frische
Nehrung, bis wir - meine Eltern und
vier Kinder - am 20. April vor Heia auf
das Lazarettschiff Ubena eingeschifft
wurden.
ich bin das jüngste von vier
Kindern, Jahrgang 1932, und kann
mich auf eigenartige Weise besser an
die Begebenheiten erinnern als meine
älteren Geschwister: Am 23. April
11945 erreichten wir den Hafen von
Kopenhagen. Die Stadt war hell erleuchtet.
Wir dachten an Frieden; die
Tage und Wochen der Festungszeit von
Königsberg, die Bombenangriffe, der
beschwerliche Fluchtweg, die
Schrecksekunden von U-Boot- und
Fliegeralarm schienen vorbei zu sein.
So hofften wir zumindest....
I In Kopenhagen aber konnten wir
das Schiff nicht gleich verlassen, da
man für uns Flüchtlinge noch keine
Unterkunft hatte. Wir wurden dann
auf Lkw verladen und durch die Stadt
gefahren, wo uns die Bevölkerung
deich spüren ließ, daß wir ungebetene
Gäste waren. Man spuckte nach uns,
und Steine flogen auch.
' Wir wurden kurze Zeit in einer
Schule auf Stroh untergebracht, 30
Personen in einem Raum. Einige Tage
später, der Krieg neigte sich dem Ende
ui. wurden wir in das Hallenstadion
um Kopenhagen verfrachtet. Dort
agen wir drei Monate lang zusammen
nit 300 Menschen - auf Stroh - auf
dem Boden. Jede Familie hatte eine
Bank und einen Tisch. Zu essen gab es
so wenig, daß die Menschen krank
wurden. Viele starben.
Es gab - das entnehme ich den
Aufzeichnungen meiner Mutter - morgens
Möhrentee, mittags Möhrensuppe
- auch Wassergraupen - und
abends wieder Möhrentee. Ich höre
noch heute die Worte meiner Mutter:
“Die Möhren wachsen uns bald aus
dem Kopf.” Wir bekamen so wenig
Brot und Fett, daß wir ständig Hunger
hatten.
Mein Bruder bekam während dieser
Zeit eine Hilusdrüsen-Tuberkulose;
da war er gerade 14 Jahre alt.
Meine andere Schwester, Jahrgang
1930, erkrankte an Scharlach. Beide
kamen auf verschiedene Krankenstationen
außerhalb des Stadions -
aber nicht in Häuser in denen auch
Dänen lagen.
Diese Zeit muß für unsere Eltern
die schlimmste gewesen sein, schon alleine
der sanitären Verhältnisse wegen.
Es war eine Zeit der Demütigung!
Mein Vater wurde nach einiger Zeit
sehr krank. Zu alledem hatte man ihm
auch noch einige wertvolle Münzen
abgenommen - gegen die Bestimmungen
der Haager Konvention.
Geld wurde uns, soweit wir es nicht
versteckt hatten, ebenfalls abgenommen.
Wir sollten es angeblich wiederbekommen;
darauf warten wir heute
noch.
Mein Vater wurde seiner Krankheit
wegen - er war übrigens schon im
Ersten Weltkrieg schwer verwundet
worden, kriegsbeschädigt und daher
V.r.n.l: Tante Qerda R., Elli Qutzeit, Christa Pfeiler-Iwohn, Halbschwester Karla B.
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